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Zwei Interviews und eine Bestandsaufnahme zum
Thema "Ausreisezentren":
"Gartenzäune haben auch nichts mit Internierung zu
tun"
"Ausreisezentrum" - Modellprojekt in Fürth
Sommer, Sonne, Reiseservice - das mag die Assoziation beim
Begriff "Ausreisezentrum" sein. Mit diesem Euphemismus
ist jedoch eine Einrichtung für Flüchtlinge gemeint,
die - so die Behörden - wegen ihres abgelehnten Asylantrags
zur Ausreise verpflichtet sind aber an ihrer "Rückführung"
nicht freiwillig mitwirken würden.
Nach Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt hat nun
auch am 16. September Bayern sein Modellprojekt in der Fürther
Hafenstraße eröffnet: Ein Container auf dem Gelände
der dortigen Flüchtlingsunterkunft wurde zum "Ausreisezentrum"
umfunktioniert.
Innenminister Günther Beckstein versicherte vorab, das bayerische
Abschiebelager werde nicht wie in anderen Bundesländern zu
einer massenhaften Illegalisierung der eingewiesenen Flüchtlinge
führen. Doch die Realität beweist das Gegenteil: Von
22 bis Anfang Oktober eingewiesenen Personen erschienen bisher
nur vier, fünf weitere klagen vor dem Verwaltungsgericht
gegen ihre Einweisung. Alle anderen sind untergetaucht. Das ist
bisher die höchste Illegalisierungsrate aller Abschiebelager
in Deutschland.
James Ali Poto kommt aus dem Sudan und hat ein behördliches
Schreiben erhalten, dass er in das Aussreisezentrum umziehen muss.
Das folgende Interview wurde am 10. September geführt, einen
Tag nachdem der bayerische Innenminister auf einer Pressekonferenz
das Fürther Modell vorgestellt hatte.
Sie sind aus dem Sudan geflüchtet und waren bisher in der
Flüchtlingsunterkunft in der Hafenstraße in Fürth
einquartiert. Nun haben Sie unerwartete Post bekommen ...
James Ali Poto: Heute morgen wollte ich mein Essenspaket
abholen. Dabei hat mir der Hausmeister unserer Flüchtlingsunterkunft
ein Schreiben überreicht, das ich quittieren musste Ich habe
es unterschrieben, bin wieder auf mein Zimmer gegangen und habe
es mir von Deutschen übersetzen lassen, die sich gerade in
unserer Unterkunft aufhielten. In dem Schreiben wurde ich aufgefordert,
in ein paar Tagen in das Ausreisezentrum umzuziehen. Es liegt
genau neben dem Heim, in dem ich jetzt lebe. Dass ich dieses Schreiben
bekommen habe, hat mich sehr überrascht, denn ich bin erst
vor 10 Monaten nach Deutschland gekommen.
Ist Ihnen bekannt, ob in Ihrer Unterkunft, noch andere Flüchtlinge
ein ähnliches Schreiben bekommen haben?
Poto: Nein, ich bin die erste Person, die es heute bekommen
hat.
Wollen Sie dagegen vorgehen?
Poto: Ich hatte einen Anwalt, aber er wollte nur Geld
haben. Er verlangte einen Vorschuss von 300 Euro. Da ich nicht
arbeiten kann, kein Geld und auch keine Freunde, keine Verwandten
hier habe, kann ich mir keinen Anwalt leisten.
Heute war ich das erste Mal bei der Freien Flüchtlingsstadt.
Sie unterstützen mich und haben mir einen Anwalt verschafft,
der mich vertreten wird. Und ich will mich selbst verteidigen
- ich will mein Recht.
Ich sehe nicht ein, dass ich in diesen Käfig gehen soll.
Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen. Ich frage mich,
weshalb tun sie mir das an.
"Völlig trostlose Situation"
Interview mit einem Teilnehmer der bundesweiten Karawane für
die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen, während
ihrer Station am Fürther Ausreisezentrum am 16. September.
raumzeit: Innenminister Beckstein behauptete auf der Pressekonferenz
zum Fürther "Ausreisezentrum", dass die Einrichtung
jederzeit von den Betroffenen verlassen werden könne.
Teilnehmer der Karawane: Das ist eine Lüge. Wenn
es so wäre, dass die Leute hingehen könnten wo sie wollen:
Warum gibt es dann diese Zäune außen rum, warum diese
Metallgitter?
raumzeit: ... die meisten, die in Einfamilienhäusern
wohnen, hätten ebenfalls einen Zaun herum, bemerkte der Innenminister
auf der Pressekonferenz, ohne dass das irgendwas mit Internierung
zu tun habe ...
Karawane: Wir haben z.B. in Braunschweig eine Kundgebung
vor dem dortigen Ausreisezentrum gemacht. Die Türe wurde
geschlossen und von der Polizei abgeriegelt. Die Polizei hat den
Flüchtlingen, die zu unserer Kundgebung kommen wollten, den
Weg versperrt und ihnen die Handys weggenommen, damit sie nicht
mehr mit uns kommunizieren konnten."
raumzeit: Welche Funktion haben die Ausreisezentren Ihrer
Meinung nach?
Karawane: Wenn wir uns die Idee angucken, die Philosophie,
die hinter diesen Ausreisezentren steht, dann dienen die zu nichts
anderem, als die Leute in eine Situation zu bringen, in der sie
entweder gezwungen sind, das Land sofort zu verlassen, oder in
einen völlig depressiven Zustand verfallen. Sie können
auch abgeschoben werden ohne dass es die Öffentlichkeit überhaupt
bemerkt.
Als wir in der Nähe von Mainz, in Ingelheim waren - dort
gibt es auch ein großes Ausreisezentrum - wurde uns bestätigt,
dass es auch genau so funktioniert: Der Leiter des dortigen Ausreisezentrums
hat in einer Presseerklärung ausgeführt, dass die Leute
in einen so trostlosen und depressiven Zustand verfallen, so dass
sie freiwillig die Dokumente für ihre Abschiebung unterzeichnen.
Auf der einen Seite werden die Leute in solche Lager gesteckt
und in solche trostlosen Situationen gebracht. Auf der anderen
Seite trägt gerade die Bundesrepublik maßgeblich dazu
bei, weltweit Fluchtursachen zu produzieren. Um nur ein Beispiel
zu nennen: Die Bundesrepublik liefert Waffen in die Türkei.
Und die kurdischen Flüchtlinge, die hierher geflüchtet
sind aufgrund dieses Krieges, enden dann in solchen Lagern. Es
gibt viele solche Beispiele.
Die Flüchtlinge, die hier leben, haben kein Recht arbeiten
zu gehen. In diesen Ausreisezentren sind die Leute zusammengepfercht
und leben dort wie in einem Vakuum ohne Kontakt zur Außenwelt.
Sie wissen nicht, welche Rechte sie haben und haben auch keinen
Kontakt zu Anwälten oder Anwältinnen. Und außen
weiß auch niemand, was innen geschieht.
"Ausreisezentren" für Flüchtlinge
Ein neuer Baustein in der Abschreckungspolitik
"Ausreisezentren" sind Lager für Flüchtlinge
und MigrantInnen, die aufgrund fehlender Papiere nicht abgeschoben
werden können. Sie werden dort zentral untergebracht, mit
dem Ziel, solange beratend auf sie einzuwirken, bis sie "freiwillig"
ausreisen, als Illegale untertauchen oder abgeschoben werden können,
weil ein potentielles Herkunftsland bestätigt, dass es sich
bei der jeweiligen Person um eine/n StaatsbürgerIn dieses
Landes handelt.
Was harmlos klingt...
In "Ausreisezentren" soll durch eine "rückkehrorientierte
Beratung und Betreuung" (Beckstein) die Bereitschaft von
Flüchtlingen gefördert werden, an ihrer Ausreise bzw.
Abschiebung mitzuwirken. Doch was zunächst harmlos klingt,
entpuppt sich in der Realität als Alptraum. In diesen "Ausreisezentren"
landen Menschen, denen behördlicherseits unterstellt wird,
ihre Herkunft zu verschleiern und an der Passbeschaffung nicht
mitzuwirken. Sie leben dort unter ärmlichsten Bedingungen,
erhalten nichts außer drei Mahlzeiten am Tag. Alle anderen
sozialen Leistungen, insbesondere das dürftige Taschengeld
von 40,- Euro nach Asylbewerberleistungsgesetz, entfallen ganz.
Die Insassen unterliegen einer regelmäßigen Meldepflicht,
werden von Sicherheitsdiensten fortwährend kontrolliert und
von MitarbeiterInnen der Ausländerbehörden verhört,
d.h. unter psychischen Druck gesetzt, Deutschland zu verlassen.
Diese Lager dienen dazu, den Druck auf Flüchtlinge deutlich
zu verstärken, denn, so der zuständige Ministerialrat
im Bayerischen Innenministerium Steiner: "Ohne Druck geht
gar nichts". Das erste bayerische "Ausreisezentrum"
entstand in der Fürther Hafenstraße, kostengünstig
auf dem Gelände einer bereits bestehenden Asylbewerberunterkunft.
Ein weiteres ist in Südbayern geplant. Die anfallenden Personalkosten
werden durch das bayerische Sicherheitspaket bestritten, das im
Gefolge des 11. September 2001 beschlossen wurde.
Mit "Ausreisezentren" lassen sich sehr viel mehr Menschen
an wenigen Orten konzentrieren und unter Druck setzen, als dies
mit der Abschiebehaft bisher möglich ist. Dass der ausgeübte
Druck nur in wenigen Fällen zur tatsächlichen Ausreise
führt, ist dabei Nebensache. Wie in einem Zwischenbericht
eines Modellversuchs in Rheinland-Pfalz zu lesen war, wird selbst
die Flucht aus den Lagern und das Abtauchen in die Illegalität
positiv bewertet, da dann keine Sozialleistungen mehr für
die Flüchtlinge zu zahlen sind.
...entpuppt sich als Abschiebelager
Union und SPD haben in öffentlichen Stellungnahmen kundgetan,
"Ausreisezentren" seien zu befürworten, da sie
eine "mildere Alternative" zur entwürdigenden Abschiebehaft
darstellten. Aber noch kein Bundesland hat nach Einführung
der "Ausreisezentren" die Abschiebehaft abgeschafft,
da sie, so der Verantwortliche für das "Ausreisezentrum"
in Rheinland-Pfalz, zwischen dem bisher "einzigen Druckmittel
Abschiebehaft und letztendlicher Kapitulation [der Flüchtlinge]
eine wichtige Lücke" schließen. Sie sind also
eine weitere Ergänzung im System der Flüchtlingsabwehr.
Das bestätigt auch Ministerialrat Steiner, der auf die Anfrage
von Res Publica, ob Ausreisezentren die Abschiebehaft ersetzen
sollen, antwortete: "Natürlich nicht!"
Res Publica
Weitere Infos:
www.ausreisezentren.cjb.net
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