"... jede nach ihrer Façon?" Der Kopftuchstreit
Bericht einer Podiumsdiskussion
Als "Provokation gegen aufgeklärte Lebenseinstellungen"
wird "der Akt" von so manch christlich-abendländischem
Zeitgenossen empfunden, als "missionarisches Eifertum"
von anderen, als Ausdruck einer fehlenden "misstrauischen
Haltung gegenüber den eigenen religiösen Idealen":
Die Rede ist von einem kleinen Stückchen Stoff, das sich
Musliminnen als Kopftuch umbinden, wovon sich dann so viele provoziert
fühlen.
Manche Äußerungen in der öffentlichen Debatte
grenzen schon an die Besessenheit, Menschen aufgrund ihrer äußeren
Erscheinung kategorisieren und in von einander abgegrenzte Gruppen
mit fest definierten Identitäten einteilen zu wollen. Oft
sind es Unterstellungen, Vorurteile und mangelndes Wissen, die
zu solch schnellen Aburteilungen führen - denn was weiß
denn schon die sich provoziert fühlende deutsche Öffentlichkeit
über die angeblich unaufgeklärte Lebenseinstellung der
Kopftuch tragenden Nachbarin? Wann wird sie je von ihren - vielleicht
gar ein Kreuz oder ein Mandala tragenden - deutschen MitbürgerInnen
dazu befragt? Mangelndes Hintergrundwissen macht qualifizierte
Aussagen in der öffentlichen Diskussion selten, vielmehr
zeichnet sich diese meist dadurch aus, dass sie stark emotional
geführt wird. Von mit der Thematik beschäftigten Expertinnen
wird aus diesen Gründen schon lange gefordert, die Auseinandersetzung
zu versachlichen und zu entdramatisieren.
Die Horrorszenarien, die in der Presse nicht zuletzt von PolitikerInnen
aufgebaut wurden und werden, indem sie einen engen Zusammenhang
zwischen der Bedrohung der inneren Sicherheit durch islamischen
Fundamentalismus und dem Kopftuch herstellen, mag die Sachlage
verdeutlichen.
Doch das Kopftuch lässt sich keineswegs auf die Funktion
eines politisch-extremistischen Symbols reduzieren. Vielmehr kann
sein Tragen zahlreiche Bedeutungen haben, je nach Herkunft und
Persönlichkeit der jeweiligen Frau. Bei vielen steht ein
selbstständiger Entschluss dahinter. Die Entscheidung für
das Tragen des Kopftuchs kann beispielsweise eine ausdrückliche
Manifestation der eigenen Identität in der deutschen Mehrheitsgesellschaft
sein, nahezu ein Akt des Widerstands. Dabei ist es entlarvend,
dass eine als Putzfrau arbeitende Kopftuch tragende Muslimin von
der deutschen Gesellschaft offensichtlich mühelos toleriert
werden kann, weil dies die bekannten Hierarchien nicht antastet.
Eine lehrende sichtbare - sprich: Kopftuch tragende - Muslimin
löst dagegen Aggressionen und Ängste aus; eine Kopftuch
tragende Studentin wird gar als Anachronismus empfunden. Wann
wird es hier sozialisierten Feministinnen gelingen, den Dialog
mit diesen Frauen zu suchen?
Nehmen wir den nur allzu bekannten "Fall" der Lehramtsanwärterin
Fereshta Ludin aus Baden-Württemberg. Aufgrund ihres Kopftuches
sollte ihr 1997 die Anstellung in einer öffentlichen Schule
verwehrt werden. 227 Artikel, Kommentare und Leserbriefe, die
sich mit der Angelegenheit befassten, konnte die Wissenschaftlerin
Karakasoglu-Aydin ausmachen. Zum Prüfstein für die Referendarin
- das ergab die Untersuchung des Pressematerials - wurde nicht
etwa ihre fachliche Qualifikation gemacht, sondern vielmehr ihr
Kopftuch, das man als unakzeptables Symbol ablehnte. Persönlich
befragt, ob sie mit dem Kopftuch nicht ein antimodernes Frauenbild
transportiere, schilderte Ludin ihre eigenen Lebensumstände
als dieser Annahme gänzlich entgegenstehend: Auch aus emanzipatorischen
Gründen habe sie beispielsweise ihren Mädchennamen nach
der Heirat beibehalten. Zudem sei sie berufstätig, während
ihr Mann - ebenfalls Lehrer - zu Hause bliebe und den Haushalt
führe.
Fremd- und Selbstwahrnehmung klaffen also weit auseinander, so
wird schnell klar. Eine Podiumsdiskussion zum Thema "...
jede nach ihrer Façon? Der Kopftuchstreit und seine gesellschaftlichen
Implikationen. Religiöse Vielfalt und weibliche Lebensentwürfe
in einer multikulturellen Gesellschaft", veranstaltet von
den beiden Netzwerken Frauen & Geschichte Bayern und Baden-Württemberg,
machte vielleicht einmal mehr die Unsicherheit im Umgang mit diesem
Thema deutlich. Die Moderatorin Beate Rau machte denn auch darauf
aufmerksam, dass der sperrige Titel einiges verraten würde
über den schwierigen Umgang damit. Sie stellte ihre Eingangsfrage
an das Podium, was den "Kopftuchstreit" für hiesige
emanzipierte Frauen so furchtbar schwierig mache.
Auch Musliminnen und Muslime beschäftige mittlerweile diese
Frage, erwiderte Zekine Özdemir, die seit 1980 in der Bundesrepublik
lebt und hier über den zweiten Bildungsweg Sozialpädagogik
studierte. Sie hat bereits in verschiedenen deutschen Städten
gelebt und sich mittlerweile mit ihrer Familie am Bodensee niedergelassen.
In Konstanz arbeitet sie heute als Integrationsbeauftragte der
Stadt. Fest stünde, dass Musliminnen als "Kopftuchfrauen"
nicht bereit seien, nur untergeordnete Tätigkeiten zu verrichten,
so ihre Einschätzung.
Dass ebenso für sie persönlich der Kopftuchstreit eine
spezielle Bedeutung habe, begründet Özdemir mit ihrer
eigenen Geschichte: Bis zu ihrem 12. Lebensjahr habe sie in Anatolien
die größten Probleme gehabt, weil sie kein Kopftuch
getragen habe. Zu ihren allgemeinen Erfahrungen mit der Situation
in Deutschland befragt, berichtete sie, wie sich hier die erste
Gastarbeitergeneration kaum mit Glaubensfragen - und also auch
nicht mit dem Kopftuch - habe auseinandersetzen können, weil
man viel zu sehr mit alltäglichen Lebensproblemen in der
neuen Heimat beschäftigt gewesen sei. Erst dadurch, dass
die nachfolgenden Generationen ihre Identität wieder stärker
auf den muslimischen Glauben begründeten, sei auch die Kopftuchfrage
wieder aktuell geworden. Dass es Angst mache, wenn eine Lehrerin
ein Kopftuch in bundesdeutschen Schulen trage, hänge damit
zusammen, dass das Umbinden des Tuches mit Rückschritt und
Unterdrückung in Verbindung gebracht werde.
Die Soziologin Meral Akkent widersprach diesem Zusammenhang durch
die Veranschaulichung einiger historischer Beispiele. Die Autorin
zahlreicher Fachbücher zum Thema ist Mitbegründerin
des Vereins "Frauen in der Einen Welt. Zentrum für interkulturelle
Frauenalltagsforschung". Mit ihrem Arbeitsschwerpunkt Kulturvergleichende
Frauenstudien konnte Akkent zahlreiche Erfahrungen in Deutschland,
der Türkei und bei ihrem mehrjährigen Aufenthalt in
Kasachstan sammeln, wo sie in der Beratung und Organisation von
Frauenprojekten tätig war.
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Frau mit Kopftuch
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In den arabischen Ländern hätten sich ursprünglich
nur Frauen der Oberschicht verschleiert, nicht aber Sklavinnen,
so Akkent. Heute habe sich dieses Verhältnis eher umgekehrt.
Nachdem die Türkei eine Republik geworden war, sei den Frauen
nahe gelegt worden, das Kopftuch abzulegen, weil es als rückständig
galt. Doch viele Frauen hätten dies für sich abgelehnt,
auch, weil sie sich geschämt hätten. Sie genierten sich,
beispielsweise als Lehrerin plötzlich ohne Kopftuch vor der
Klasse stehen zu sollen. Akkents Mutter habe sich vorgenommen,
mit ihrem 30. Lebensjahr ein Kopftuch aufzuziehen, was sie dann
auch tat. Der Schwester, die dagegen das neue Frauenbild der Republik
repräsentieren wollte, sei dies aber umgekehrt wiederum ungeheuer
peinlich gewesen.
Im übrigen aber habe sich die deutsche Gesellschaft nur
mühsam weiter bewegt. Seit 1973 werde sie zur Kopftuchdiskussion
befragt. Dabei sei die Beschäftigung damit doch schon so
alt. Ihr seien Reiseberichte aus dem 15. Jahrhundert bekannt,
in denen das Kopftuch thematisiert würde. Letztendlich plädierte
auch sie dafür, die meist emotional geführte Diskussion
zu versachlichen.
Eine weiter Podiumsteilnehmerin, die Ordensfrau Dr. Sophia Karwath,
bestätigte die Ansicht, dass in feministischen Kreisen der
Schleier als rückständig interpretiert werde. Die studierte
Philosophin und Theologin mit den Schwerpunkten Mystik, feministische
und politische Theologie trat vor acht Jahren dem Orden der Oberzeller
Franziskanerinnen bei, der für strafentlassene und obdachlose
Frauen gegründet wurde. Auch innerhalb ihres Ordens gäbe
es eine aktuelle Kleiderdiskussion. Der Papst schreibe offiziell
eine Ordenstracht vor. Doch seit zumindest fünf Jahren könne
jede Frau ihres Ordens frei entscheiden, ob sie den Schleier tragen
wolle oder nicht. Die den Schleier ablehne, sei de facto nicht
mehr als Ordensschwester sichtbar. Grundsätzlich, so Karwaths
Plädoyer, müsse die westeuropäische Frauenbewegung
ihre feministische "Leitkultur" hinterfragen und dürfe
nicht nach westlichen Maßstäben "Rückständigkeit"
und "Fortschritt" definieren.
In der Diskussion zeigte sich, dass das "Kopftuch"
auch für die Zuhörerinnen der Podiumsrunde ein Symbol
weit über das tatsächliche Kleidungsstück hinaus
ist, das bei fast allen heftige Emotionen hervorrief. Viele stießen
sich an dem Stückchen Stoff, das in Deutschland nur anlässlich
bestimmter Arbeiten oder zu bestimmten Witterungen getragen würde.
Ob das Kopftuch nicht etwas mit Sexualfeindlichkeit zu tun habe
oder ob es nicht eine männliche Zuschreibung sei, nach der
Frauen angeblich etwas zu verstecken hätten, wurde gefragt.
Schließlich ließe sich rein vom Äußeren
her nicht entscheiden, warum eine muslimische Frau ein Kopftuch
trage. Immer bliebe der Verdacht bestehen, sie könne zum
Tragen gezwungen worden sein. Ob man sich diese Sorgen auch bei
der deutschen Nachbarin mache, die von ihrem Ehemann nach dem
Frisör verprügelt werde, wurde dem entgegengehalten.
Wieder andere gaben zu bedenken, dass man immer nur anderes Fremde
hinterfrage, nie aber das, was anderen an einer selbst fremd erscheinen
könne. Es sei wohl ein deutsches Phänomen, die "anderen"
immer einem Rechtfertigungsdruck auszusetzen, ohne sie einmal
unhinterfragt akzeptieren zu können.
Ein gleichberechtigter, partnerschaftlicher, interkultureller
Dialog - das zeigte nicht zuletzt diese Tagungsdiskussion - ist
wohl notwendiger denn je.
Nadja Bennewitz/Juliane Brumberg
Die Beiträge der o.g. Tagung erscheinen in: "Frauen
in der Einen Welt. Zeitschrift für interkulturelle Frauenalltagsforschung",
Bd. 2/2002, IKO-Verlag ISSN 0937-5848.
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