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Nr. 17             Oktober 2002

 
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In Nürnberg startet ein neues Pilotprojekt in Sachen Videokameras

"Ausreisezentren" für Flüchtlinge

Ein neuer Baustein in der Abschreckungs- politik

"... jede nach ihrer Façon?"

Eine Podiumsdiskussion zum Streit um das Kopftuch

Neue Deutsche Welle von der Maas bis an den Belt

Studenten-verbindungen: akademische Vertreter der Rechten




 
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Werte entwickeln - Werte sichern - Werte steigern

Erlanger BürgerInnen wehren sich gegen Einzelhandels- und Bürozentrum

Den Kopf auf dem silbernen Tablett präsentiert

Gerichtsstreit um die Kündigung eines Betriebsrats: Wegen Diebstahl oder wegen Standhaftigkeit entlassen?

"Was sie dem Herrn Christo zum Schmach gethan haben ..."

Wie in Unterfranken die Legende eines jüdischen Ritualmords entstand




 
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... nationale Lügen und Mythen zu korrigieren

Drago Jancars Erzählungen aus der jugoslawischen Geschichte vom Mittelalter bis zur Tito-epoche

Inter Nationalismus

Eine Einführung in die Ideengeschichte des Internationalismus

Bunte Seiten der alternativen Medien

Ein Nachschlagwerk über selbstverwaltete Betriebe, soziale Projekte und politische Initiativen

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Sammelband über die abgestandenen Versuche des Tabubruchs in der Neonazi-Subkultur




 
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The good and the bad...

Tine Plesch mit Tipps und Infos aus der Welt der subversiven Kultur

Enklave der behinderten, revolutionären AnarchistInnen

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die vier Regeln des Michael Hurley

und ein Todestag




 
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Bundeskanzler Stoiber

Fast hätten wir gewonnen! "Wenn wir nur unsere Stauseen a kloans bisserl aufgemacht hätten"

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Neue Deutsche Welle von der Maas bis an den Belt

Teil I: Studenten-Verbindungen - akademische Vertreter der Rechten

Wer im Sommersemester durch Erlangen geht, wird feststellen, dass häufig die Stadt mit Fahnen verschiedener Farbkombinationen beflaggt ist. Wie vom Erlanger Ordnungsamt zu erfahren war, haben die Verbindungen traditionell das Recht, ihre Fahnen zu den Stiftungsfesten an so markanten Punkten wie dem Hugenottenplatz oder dem Schlossplatz aufzuziehen.

Da es in Erlangen 20 Studentenverbindungen gibt (allein die Burschenschaft der Bubenreuther hat ca. 400 Mitglieder), sind die Korporationen fast durchgängig im Stadtbild präsent. Ihre Festkommerse (feierliche, offizielle Trinkveranstaltungen) dürfen die Korporierten u. a. im Redoutensaal der Stadt abhalten, und für Festakte steht den einen oder anderen auch schon mal die Aula des Schlosses (Gebäude der Universitätsverwaltung) zur Verfügung - der jeweilige Rektor als Festredner inklusive. Im Schlossgarten befindet sich ein Studenten-Gefallenendenkmal - eine Wallfahrtsstätte für korporierte Kranzniederlegungen.

Rituelle Akte der Unterwerfung

Das Weltbild, das von den Korporationen vertreten wird, ist anti-egalitär und gegen gleichberechtigte, demokratische Teilhabe aller Gesellschaftsmitglieder gerichtet. Ihre eigene gesellschaftliche Rolle sehen sie als selbsternannte Elite. Das Erlanger Corps Onoldia formuliert diesen Anspruch, getragen vom Glauben an die eigene Überlegenheit: "Es gilt für uns im rechten Verständnis das Wort Schlieffens: ‚Mehr sein als scheinen’ als Kennzeichen einer echten Elite und der von ihr zu tragenden Verantwortung für das Ganze."

Um Teil dieser noblen Gesellschaft zu werden, gibt es rituelle Akte der Unterwerfung, durch die der Student als Gegenleistung für seinen Gehorsam Anerkennung bekommt und selbst Teil dieser akademischen, gesellschaftlichen Elite wird.

Alle Korporationen praktizieren Ausschlussmechanismen nach Merkmalen, die durch Geburt festgelegt sind. Frauen wird die Möglichkeit, dieser Elite anzugehören verweigert. Nahezu alle Korporationen nehmen ausschließlich Deutsche auf. Ein nicht unerheblicher Teil macht das rassistische Abstammungsprinzip - nur wer "deutsches Blut" in sich trägt, kann Mitglied werden - zum Kriterium.

Die offizielle Begründung für den Ausschluss von Frauen lautet, dass diese in die Gemeinschaft Zank und Unfrieden tragen würden, da die Männer ihretwegen in Streit gerieten. Die männerkultischen Denk- und Verhaltensweisen bedeuten eine Degradierung der weiblichen Persönlichkeit. Reden von Gleichberechtigung ist reines Lippenbekenntnis. Lediglich in der ihnen zugewiesenen Rolle als schmückendes Beiwerk werden Frauen geschätzt. Der patriarchale Mythos vom ehrenhaften Männerbund, der pflicht- und verantwortungsbewusst die Geschicke des Ganzen leitet, bedient kollektive Männerphantasien.

"Die Masse links liegen lassen"

Eines der ideologischen Grundelemente des klassischen Faschismus ist der autoritäre Staat, der als eigenständig handelndes Subjekt verstanden wird, das einen eigenen Wert an sich hat. Ihm wird die Funktion als Repräsentant eines gesellschaftlichen Ganzen zugeschrieben, der das allgemein gültige Staatsinteresse gegenüber den Bürgern durchsetzt. Die einzelnen gesellschaftlichen Interessen haben sich dem Ganzen unterzuordnen. Nicht der Staat hat den Menschen zu dienen, sondern die einzelnen Menschen haben der Staatsräson zu dienen. Der autoritäre Staat stützt sich dabei auf eine Herrschaftselite.

Dieser Ideologie entsprechend wird man auf der Homepage der Erlanger Burschenschaft Frankonia mit den Worten begrüßt: "Die Masse links liegen lassen." Die hierarchische Struktur der Verbindungen fügt sich nahtlos in diese rechte Ideologie ein. Ein neues Mitglied muss sich entwürdigenden Unterwerfungsritualen unterziehen. Kommando und Gehorsam werden z.B. bei Trinkritualen eingeübt. Der korporierte Student hat ein streng nach Ge- und Verboten geregeltes Leben zu führen, die im Comment, dem Regelwerk der Korporationen, verankert sind. Heinrich Mann beschrieb in seinem Roman "Der Untertan" treffend die Situation bei einem Trinkgelage von Korporierten: "Voll Dankbarkeit und Wohlwollen erhob er [der Protagonist Diederich Heßling] gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein Glas. Das Trinken und Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen oder Singen hing meistens nicht von ihm selbst ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden." Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die höchste Stufe dieser auf Befehl und Gehorsam gründenden Praxis stellt das von manchen Verbindungen praktizierte Mensurfechten mit scharfen Waffen dar. Jeder Bundesbruder einer schlagenden Verbindung muss diese Prozedur durchlaufen, um vollwertiger Angehöriger zu werden. Durch dieses Initiations-Ritual beweist das neue Mitglied, dass es sich unterwirft und Schmerz heldenhaft erträgt.

Der (Volks-)Gemeinschaftsmythos

Mit dem Vaterlandsverständnis zeigt sich ein weiteres konstitutives Merkmal. Diese nationalistische Volksgemeinschaftsideologie besitzt eine nach innen gerichtete, gesellschaftliche Dimension und eine mehr oder weniger revanchistische Dimension nach außen.

Innenpolitisch wird Gesellschaft als homogene Einheit gedacht, die ein "nationales Interesse" besitzt. Durch den Begriff der Vaterlandsliebe und mittels behaupteter "nationaler Identität" wird die Fiktion einer nationalen Interessengemeinschaft aufgebaut.

Das Kriterium, nach dem die behauptete Homogenität eines Volkes definiert wird, kann variieren. Die Nazis machten einen rassistischen Abstammungsmythos zum Definitionskriterium für die arische "Volksgemeinschaft". Es sind aber auch andere Kriterien möglich, wie Glauben, ein gemeinsames Schicksal, gemeinsame Werte oder Traditionen. Wolfgang Schäuble z.B. geht, genau dieser Volksgemeinschafts-Ideologie entsprechend, von einer Volkseinheit aus, indem er das deutsche Volk als "Schicksalsgemeinschaft" bezeichnet (selbstverständlich ist Schäuble "Alter Herr" einer Verbindung).

Was als angebliches Gemeinschaftsinteresse ausgegeben wird, ist in Wirklichkeit ein gut getarntes Partikularinteresse. In der "Solidargemeinschaft", wie sie von Korporationen und von Konservativen allgemein propagiert wird, bezieht sich die "Opferbereitschaft für das übergeordnete Ganze" keineswegs in gleicher Weise auf die Villenbewohner am Starnberger See wie auf die mittellosen Massen.

Es sollen tatsächlich existierende, objektiv unvereinbare Interessengegensätze innerhalb der Gesellschaft vertuscht werden. Das Individuum sowie die verschiedenen Interessengruppen innerhalb einer Gesellschaft haben sich einem gemeinsamen quasi natürlichen "Volkskörper" unterzuordnen. Der Einzelne soll in der Gemeinschaft aufgehen und seine Pflicht erfüllen, ohne kritische Fragen zu stellen. In einer Erklärung der Burschenschaft der Bubenreuther von 1993 heißt es, ein Mitglied zeichnet sich aus, "durch die Bereitschaft für das Vaterland einzutreten, gleich an welche Stelle man gesetzt wird".

Außenpolitisch wird ein Weltbild propagiert, in dem Völker und Nationen als Subjekte der Geschichte und damit als einheitliche Handlungskollektive auftreten. Die Unterschiede zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen verantwortlich und frei Handelnden auf der einen Seite und abhängig und unfrei Handelnden auf der anderen Seite werden schlichtweg negiert.

Die extremste Form der Volksgemeinschafts-Ideologie wird durch den sog enannten volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff zum Ausdruck gebracht. Er knüpft direkt an die völkische Nazi-Ideologie an und wird vom Dachverband der "Deutschen Burschenschaft" (Germania und Frankonia) vertreten. Er besagt, dass das deutsche Vaterland dort ist, wo deutsche Volksgruppen siedeln oder gesiedelt haben. Diese Sichtweise bedeutet zum einen, dass den in Deutschland geborenen Nachkommen von MigrantInnen die deutsche Staatsbürgerschaft bestritten wird. Zum anderen werden damit die staatlichen Grenzen der Nachbarländer in Frage gestellt. Diese rassistische und revanchistische Variante wird in ihrer Reinform nicht von allen Verbindungen geteilt. In leicht verklausulierter Form gehört sie jedoch zum Standardrepertoire, genauso wie das Singen aller drei Strophen des Deutschlandliedes ("...von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt, Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt...")

Die Übergänge sind fließend. Der Dachverband "Neue Deutsche Burschenschaft" (Bubenreuther) verzichtet auf direkte staatliche Gebietsansprüche. In seiner Satzung heißt es, das "verantwortliche Streben der Neuen Deutschen Burschenschaft" gehe über "die politischen Grenzen des deutschen Vaterlandes" hinaus. Es "schließt jene Deutschen mit ein, die ihre Heimat außerhalb dieser Grenzen haben." Auch bei dieser abgeschwächten Form wird von einer "Volkseinheit" ausgegangen, deren ideologische Implikationen direkt anschlussfähig sind an autoritäre und faschistische Gesellschaftsmodelle.

Studentenverbindungen müssen aufgrund ihrer konstitutiven Merkmale als autoritär, hierarchisch, elitär, sexistisch und nationalistisch bezeichnet werden. Einige sind auch offen völkisch-rassistisch. Die geistige Grundlage des Verbindungswesens ist teilweise identisch, jedoch zumindest in vielerlei Hinsicht problemlos anschlussfähig an rechtsextremes Denken. Die Skala der rechten Gesinnung geht stufenlos bis ganz rechts außen.

Dem gegenüber ist es gängige Praxis sich nach außen mit dem Mantel einer Ideologie des Unpolitischen zu präsentieren. Über vorgeblich unpolitische Events - Cocktailpartys, Feuerzangenbowlen oder "Neue-Deutsche-Welle-Partys" - versuchen Korporationen ihren männlichen deutschen Nachwuchs zu werben. Ein anderes beliebtes Mittel ist das Angebot billiger Zimmer in den Verbindungshäusern, vor allem für Studienanfänger.

In der nächsten Ausgabe der raumzeit werden die an der Uni Erlangen-Nürnberg existierenden Korporationen vorgestellt.

Antifaschistischer Arbeitskreis Fürth