Neue Deutsche Welle von der Maas bis an den Belt
Teil I: Studenten-Verbindungen - akademische Vertreter der Rechten
Wer im Sommersemester durch Erlangen geht, wird feststellen,
dass häufig die Stadt mit Fahnen verschiedener Farbkombinationen
beflaggt ist. Wie vom Erlanger Ordnungsamt zu erfahren war, haben
die Verbindungen traditionell das Recht, ihre Fahnen zu den Stiftungsfesten
an so markanten Punkten wie dem Hugenottenplatz oder dem Schlossplatz
aufzuziehen.
Da es in Erlangen 20 Studentenverbindungen gibt (allein die Burschenschaft
der Bubenreuther hat ca. 400 Mitglieder), sind die Korporationen
fast durchgängig im Stadtbild präsent. Ihre Festkommerse
(feierliche, offizielle Trinkveranstaltungen) dürfen die
Korporierten u. a. im Redoutensaal der Stadt abhalten, und für
Festakte steht den einen oder anderen auch schon mal die Aula
des Schlosses (Gebäude der Universitätsverwaltung) zur
Verfügung - der jeweilige Rektor als Festredner inklusive.
Im Schlossgarten befindet sich ein Studenten-Gefallenendenkmal
- eine Wallfahrtsstätte für korporierte Kranzniederlegungen.
Rituelle Akte der Unterwerfung
Das Weltbild, das von den Korporationen vertreten wird, ist anti-egalitär
und gegen gleichberechtigte, demokratische Teilhabe aller Gesellschaftsmitglieder
gerichtet. Ihre eigene gesellschaftliche Rolle sehen sie als selbsternannte
Elite. Das Erlanger Corps Onoldia formuliert diesen Anspruch,
getragen vom Glauben an die eigene Überlegenheit: "Es
gilt für uns im rechten Verständnis das Wort Schlieffens:
‚Mehr sein als scheinen’ als Kennzeichen einer echten Elite und
der von ihr zu tragenden Verantwortung für das Ganze."
Um Teil dieser noblen Gesellschaft zu werden, gibt es rituelle
Akte der Unterwerfung, durch die der Student als Gegenleistung
für seinen Gehorsam Anerkennung bekommt und selbst Teil dieser
akademischen, gesellschaftlichen Elite wird.
Alle Korporationen praktizieren Ausschlussmechanismen nach Merkmalen,
die durch Geburt festgelegt sind. Frauen wird die Möglichkeit,
dieser Elite anzugehören verweigert. Nahezu alle Korporationen
nehmen ausschließlich Deutsche auf. Ein nicht unerheblicher
Teil macht das rassistische Abstammungsprinzip - nur wer "deutsches
Blut" in sich trägt, kann Mitglied werden - zum Kriterium.
Die offizielle Begründung für den Ausschluss von Frauen
lautet, dass diese in die Gemeinschaft Zank und Unfrieden tragen
würden, da die Männer ihretwegen in Streit gerieten.
Die männerkultischen Denk- und Verhaltensweisen bedeuten
eine Degradierung der weiblichen Persönlichkeit. Reden von
Gleichberechtigung ist reines Lippenbekenntnis. Lediglich in der
ihnen zugewiesenen Rolle als schmückendes Beiwerk werden
Frauen geschätzt. Der patriarchale Mythos vom ehrenhaften
Männerbund, der pflicht- und verantwortungsbewusst die Geschicke
des Ganzen leitet, bedient kollektive Männerphantasien.
"Die Masse links liegen lassen"
Eines der ideologischen Grundelemente des klassischen Faschismus
ist der autoritäre Staat, der als eigenständig handelndes
Subjekt verstanden wird, das einen eigenen Wert an sich hat. Ihm
wird die Funktion als Repräsentant eines gesellschaftlichen
Ganzen zugeschrieben, der das allgemein gültige Staatsinteresse
gegenüber den Bürgern durchsetzt. Die einzelnen gesellschaftlichen
Interessen haben sich dem Ganzen unterzuordnen. Nicht der Staat
hat den Menschen zu dienen, sondern die einzelnen Menschen haben
der Staatsräson zu dienen. Der autoritäre Staat stützt
sich dabei auf eine Herrschaftselite.
Dieser Ideologie entsprechend wird man auf der Homepage der Erlanger
Burschenschaft Frankonia mit den Worten begrüßt: "Die
Masse links liegen lassen." Die hierarchische Struktur der
Verbindungen fügt sich nahtlos in diese rechte Ideologie
ein. Ein neues Mitglied muss sich entwürdigenden Unterwerfungsritualen
unterziehen. Kommando und Gehorsam werden z.B. bei Trinkritualen
eingeübt. Der korporierte Student hat ein streng nach Ge-
und Verboten geregeltes Leben zu führen, die im Comment,
dem Regelwerk der Korporationen, verankert sind. Heinrich Mann
beschrieb in seinem Roman "Der Untertan" treffend die
Situation bei einem Trinkgelage von Korporierten: "Voll Dankbarkeit
und Wohlwollen erhob er [der Protagonist Diederich Heßling]
gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein Glas. Das Trinken und
Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen oder Singen hing meistens
nicht von ihm selbst ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn
man es richtig befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden."
Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Die höchste Stufe dieser auf Befehl und Gehorsam gründenden
Praxis stellt das von manchen Verbindungen praktizierte Mensurfechten
mit scharfen Waffen dar. Jeder Bundesbruder einer schlagenden
Verbindung muss diese Prozedur durchlaufen, um vollwertiger Angehöriger
zu werden. Durch dieses Initiations-Ritual beweist das neue Mitglied,
dass es sich unterwirft und Schmerz heldenhaft erträgt.
Der (Volks-)Gemeinschaftsmythos
Mit dem Vaterlandsverständnis zeigt sich ein weiteres konstitutives
Merkmal. Diese nationalistische Volksgemeinschaftsideologie besitzt
eine nach innen gerichtete, gesellschaftliche Dimension und eine
mehr oder weniger revanchistische Dimension nach außen.
Innenpolitisch wird Gesellschaft als homogene Einheit gedacht,
die ein "nationales Interesse" besitzt. Durch den Begriff
der Vaterlandsliebe und mittels behaupteter "nationaler Identität"
wird die Fiktion einer nationalen Interessengemeinschaft aufgebaut.
Das Kriterium, nach dem die behauptete Homogenität eines
Volkes definiert wird, kann variieren. Die Nazis machten einen
rassistischen Abstammungsmythos zum Definitionskriterium für
die arische "Volksgemeinschaft". Es sind aber auch andere
Kriterien möglich, wie Glauben, ein gemeinsames Schicksal,
gemeinsame Werte oder Traditionen. Wolfgang Schäuble z.B.
geht, genau dieser Volksgemeinschafts-Ideologie entsprechend,
von einer Volkseinheit aus, indem er das deutsche Volk als "Schicksalsgemeinschaft"
bezeichnet (selbstverständlich ist Schäuble "Alter
Herr" einer Verbindung).
Was als angebliches Gemeinschaftsinteresse ausgegeben wird, ist
in Wirklichkeit ein gut getarntes Partikularinteresse. In der
"Solidargemeinschaft", wie sie von Korporationen und
von Konservativen allgemein propagiert wird, bezieht sich die
"Opferbereitschaft für das übergeordnete Ganze"
keineswegs in gleicher Weise auf die Villenbewohner am Starnberger
See wie auf die mittellosen Massen.
Es sollen tatsächlich existierende, objektiv unvereinbare
Interessengegensätze innerhalb der Gesellschaft vertuscht
werden. Das Individuum sowie die verschiedenen Interessengruppen
innerhalb einer Gesellschaft haben sich einem gemeinsamen quasi
natürlichen "Volkskörper" unterzuordnen. Der
Einzelne soll in der Gemeinschaft aufgehen und seine Pflicht erfüllen,
ohne kritische Fragen zu stellen. In einer Erklärung der
Burschenschaft der Bubenreuther von 1993 heißt es, ein Mitglied
zeichnet sich aus, "durch die Bereitschaft für das Vaterland
einzutreten, gleich an welche Stelle man gesetzt wird".
Außenpolitisch wird ein Weltbild propagiert, in dem Völker
und Nationen als Subjekte der Geschichte und damit als einheitliche
Handlungskollektive auftreten. Die Unterschiede zwischen Herrschenden
und Beherrschten, zwischen verantwortlich und frei Handelnden
auf der einen Seite und abhängig und unfrei Handelnden auf
der anderen Seite werden schlichtweg negiert.
Die extremste Form der Volksgemeinschafts-Ideologie wird durch
den sog enannten volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff zum Ausdruck
gebracht. Er knüpft direkt an die völkische Nazi-Ideologie
an und wird vom Dachverband der "Deutschen Burschenschaft"
(Germania und Frankonia) vertreten. Er besagt, dass das deutsche
Vaterland dort ist, wo deutsche Volksgruppen siedeln oder gesiedelt
haben. Diese Sichtweise bedeutet zum einen, dass den in Deutschland
geborenen Nachkommen von MigrantInnen die deutsche Staatsbürgerschaft
bestritten wird. Zum anderen werden damit die staatlichen Grenzen
der Nachbarländer in Frage gestellt. Diese rassistische und
revanchistische Variante wird in ihrer Reinform nicht von allen
Verbindungen geteilt. In leicht verklausulierter Form gehört
sie jedoch zum Standardrepertoire, genauso wie das Singen aller
drei Strophen des Deutschlandliedes ("...von der Maas bis
an die Memel, von der Etsch bis an den Belt, Deutschland, Deutschland
über alles, über alles in der Welt...")
Die Übergänge sind fließend. Der Dachverband
"Neue Deutsche Burschenschaft" (Bubenreuther) verzichtet
auf direkte staatliche Gebietsansprüche. In seiner Satzung
heißt es, das "verantwortliche Streben der Neuen Deutschen
Burschenschaft" gehe über "die politischen Grenzen
des deutschen Vaterlandes" hinaus. Es "schließt
jene Deutschen mit ein, die ihre Heimat außerhalb dieser
Grenzen haben." Auch bei dieser abgeschwächten Form
wird von einer "Volkseinheit" ausgegangen, deren ideologische
Implikationen direkt anschlussfähig sind an autoritäre
und faschistische Gesellschaftsmodelle.
Studentenverbindungen müssen aufgrund ihrer konstitutiven
Merkmale als autoritär, hierarchisch, elitär, sexistisch
und nationalistisch bezeichnet werden. Einige sind auch offen
völkisch-rassistisch. Die geistige Grundlage des Verbindungswesens
ist teilweise identisch, jedoch zumindest in vielerlei Hinsicht
problemlos anschlussfähig an rechtsextremes Denken. Die Skala
der rechten Gesinnung geht stufenlos bis ganz rechts außen.
Dem gegenüber ist es gängige Praxis sich nach außen
mit dem Mantel einer Ideologie des Unpolitischen zu präsentieren.
Über vorgeblich unpolitische Events - Cocktailpartys, Feuerzangenbowlen
oder "Neue-Deutsche-Welle-Partys" - versuchen Korporationen
ihren männlichen deutschen Nachwuchs zu werben. Ein anderes
beliebtes Mittel ist das Angebot billiger Zimmer in den Verbindungshäusern,
vor allem für Studienanfänger.
In der nächsten Ausgabe der raumzeit werden die an der Uni
Erlangen-Nürnberg existierenden Korporationen vorgestellt.
Antifaschistischer Arbeitskreis Fürth
|