Werte entwickeln - Werte sichern - Werte steigern
BürgerInnenbegehren in Erlangen gegen Arcadenprojekt
Dr. Appelt vom Management für Immobilien AG Essen (mfi)
hat eine harte Nuss zu knacken. "Werte entwickeln - Werte
sichern - Werte steigern" ist der Slogan seiner Firma. Die
Entwicklung des Erlanger Immobilien AG-Projektes "Arcaden"
könnte allerdings ein BürgerInnenentscheid verhageln.
Herr Appelt bemühte sich deshalb Anfang August um ein informelles
Gespräch mit VertreterInnen des BürgerInnenbegehrens.
Zum Schluss bat er sie, die Einreichung der Unterschriftenlisten
noch aufzuschieben, denn es sei notwendig, Zeit für weitere
Gespräche zu gewinnen. Im Gesprächsverlauf hatte der
mfi-Unterhändler anklingen lassen, wenn das Projekt in der
geplanten Größe über die Bühne gehen würde,
könne sich seine Firma vorstellen, "Ausgleichszahlungen"
von einer Million Euro für die Erlanger Altstadt zu leisten.
Dortige Strukturverbesserungen sind nicht nur nach Ansicht des
Altstadtforums auch bisher längst überfällig. Geschäfte
und verschiedene Organisationen befürchten im Kielwasser
der Arcaden eine Welle weiterer Verschlechterungen.
Das innenstadtnahe Einzelhandels- und Bürozentrum Arcaden
soll auf dem Post- und ehemaligen Gossengelände entstehen:
Sparkassenbüros, eine zweistöckige Verkaufspassage,
Gastronomie und Parkplätze mit insgesamt 100.000 qm überbauter
Fläche. Die geplante Verkaufsfläche von 23.500 qm würde
rund einem Viertel der bisher in der Innenstadt vorhandenen gesamten
Einzelhandelsflächen entsprechen. "Ein neues Lebens-
und Einkaufsgefühl" verspricht die mfi, die das Gelände
gekauft hat, und verweist als Referenz auf Zentren in anderen
Städten, welche von ihr entwickelt und vermarktet wurden
bzw. werden: wie in Berlin-Spandau, Gera, Zwickau, Harburg, München
und Regensburg.
Ein "Koloss auf tönernen Füßen", zehnmal
so groß wie der Horten, betonen dagegen die GegnerInnen,
der die gesamte Struktur der Innenstadt erheblich stören
und dem Fach- und Einzelhandel Schaden zufügen werde. Sie
gründeten die Gegeninitiative "Erlanger Bürgergemeinschaft"
und setzen auf die Wirkung eines Bürgerbegehren "Ja
- zu unserer Stadt, Attraktive Innenstadt statt Kuckucksei",
das auch von vielen Erlanger EinzelhändlerInnen getragen
wird. Gut 10.000 Unterschriften sind inzwischen beisammen, knapp
dreimal so viele, wie zur Einleitung eines BürgerInnenbegehrens
in Erlangen überhaupt notwendig sind.
Der Kuckuck an sich ist ein schräger Vogel. Er legt seine
Eier in fremde Nester, lässt sie von Anderen ausbrüten,
schlüpft, schmeißt die anderen Vögelchen aus dem
Nest, macht sich dann vom Acker und sucht neue Nester. Der Investor,
warnt die "Erlanger Bürgergemeinschaft" mit selbstgemaltem
Comic auf ihrer Internetseite www.erlanger-kuckucksei.de, sei
wie der Kuckuck. Dem "einheimischen" Einzelhandel gehe
es dann wie den anderen Vögelchen.
Obgleich die Bürgergemeinschaft den Vogel gar nicht abschießen
will, soll er aber Federn lassen: Niemand sei gegen eine Weiterentwicklung
des Einzelhandelangebotes, jedoch müsse es in einem kleineren
und stadtverträglichen Ausmaß geschehen. Grundsätzlich
würde die Initiative einer Bebauung des Geländes positiv
gegenüberstehen, könnte doch dort die durch die Schließung
der Kaufhäuser Kaufhof und Heka entstandene Lücke im
Einkaufsangebot geschlossen werden.
Zur Abstimmung wird letztendlich die Frage stehen, ob die Arcaden
auf eine Geschossflächenzahl zwei, höchstens 60.000
qm Nutz- und 15.000 qm Verkaufsfläche zu begrenzen sind.
Ein erfolgreicher Ausgang hätte zur Folge, warnen die Manager
der Immobilien AG, dass dann - zum Kuckuck - kein kleines Ei,
sondern gar keins mehr gelegt werde. "Diese Drohung begründet
sich nur durch den Anspruch auf einen maximalen Ertrag",
erwidert die Gegeninitiative und versichert auf ihrer Internetseite:
"Wir lassen uns dadurch nicht davon abbringen, von unserem
Bürgerrecht Gebrauch zu machen und uns für eine zukunftsfähige
Stadtentwicklung einzusetzen, die für alle Vorteile bringt."
Auch Dr. Appelts Million konnte sie nicht vom Weg zur Wahlurne
abhalten. Dieses Angebot würde "keinesfalls unsere Meinung
ändern", versichert ein Vertreter des BürgerInnenbegehrens
gegenüber der raumzeit. Finanzielle Ausgleichsangebote würden
sie generell ablehnen. "Eine verödete Innenstadt kann
durch derartige Zahlungen nicht ausgeglichen werden".
Ob die Erlanger BürgerInnen Anfang nächsten Jahres
zur Entscheidung gebeten werden, ist noch nicht ausgemacht. Die
Unterschriften zur Einleitung des Bürgerbegehrens sind bisher
nicht eingereicht worden. Vorher will die Initiative nochmals
dem Oberbürgermeister und dem Stadtrat Gelegenheit zum baurechtlichen
Handeln geben. Da von einem Erfolg der Abstimmung auszugehen sei,
könne die CSU/FDP-Stadtratsmehrheit die Forderungen des Bürgerentscheids
- entgegen ihrer bisherigen Haltung - doch noch selbst beschließen.
Die Abstimmung wäre dann hinfällig und die Stadtverwaltung
könnte die nicht unerheblichen Verfahrenskosten einsparen.
Schließlich besagt ein bekanntes Klagelied des Stadtkämmerers,
dass über der Stadt der Pleitegeier kreist.
wm
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