Den Kopf auf dem silbernen Tablett präsentiert
Gerichtsstreit um Entlassung eines Betriebsrats
Mit einer schwenkbaren Monitorhalterung unter dem Arm erschien
der Ex-Betriebsratsvorsitzende Nathale Fontana zu seinem Kündigungsprozess
vor vier Wochen vor dem Nürnberger Arbeitsgericht. Er klagt
gegen die zum Schlott-Sebaldus Konzern gehörende Druckverarbeitung
Nürnberg (DVN) auf Wiedereinstellung. Den Monitorarm hatte
er als "Corpus Delicti" mitgebracht. Ihn soll er nebst
einigen Büchern und einer CD-Rom unterschlagen haben, so
die Begründung für die Entlassung.
Dass es bei dem Gerichtsstreit um mehr geht, als um mitgenommene
Arbeitsutensilien, darauf wies ein ungewöhnlich voller Verhandlungssaal
hin. UnterstützerInnen und ehemalige KollegInnen folgten
einem Aufruf von ver.di und füllten ihn bis zum letzten Platz.
Die Arbeitsplätze von rund 100 Beschäftigten der Großdruckerei
DVN, die nach Ansicht der Gewerkschaft von LeiharbeiterInnen ersetzt
werden sollen, hatte der 39jährige als Arbeitnehmervertreter
verteidigen wollen.
Die Mehrheitsverhältnisse im Betriebsrat seien der Betriebsführung
nicht genehm gewesen, führte Anwalt Markowski aus. Nachdem
ein Mitglied der Arbeitnehmervertretung das Angebot des Arbeitgebers
angenommen habe, aus dem Betrieb auszuscheiden, habe der nachrückende
Kandidat die Mehrheit geändert.
"Dann ging es los", schildert ein Kollege Nathale "Fonti"
Fontanas: "Sie wählten ihn als Vorsitzenden ab, nahmen
ihm seine Freistellung, schickten ihn wieder an die Maschine und
dann erhielt er seine Kündigung, weil Sachen bei der Räumung
des Büros verschwunden seien. Mit dem neuen Betriebsrat gab
es dann den Sozialplan und Entlassungen. Den Hintergrund kann
sich jeder selbst an den zehn Fingern abzählen."
Die neue Betriebsratsmehrheit glaubt, durch den versöhnlichen
Kurs 60 von ursprünglich 160 bedrohten Arbeitsplätzen
gerettet zu haben.
Doch dass die KollegInnen den "Kopf ihres Vorsitzenden auf
dem silbernen Tablett" präsentiert und dessen Kündigung
zugestimmt hätten, hält man in Gewerkschaftskreisen
auch über die Grenzen Nürnbergs hinaus für einen
Skandal. Bundesweit hagelte es Protestschreiben, es läuft
eine Internetkampagne für Fontana auf www.labournet.de und
in Dortmund zogen GewerkschafterInnen sogar aus Solidarität
vor die Tore eines Großkunden der DVN. Sie wollten ihre
Aktion nicht zuletzt als Protest gegen die Pläne der Hartz-Kommission
verstanden wissen, Leiharbeit salonfähig zu machen. Denn
gegen Niedriglöhne und die tarifliche Schlechterstellung
der KollegInnen auf Zeit hatte Fontana stets energisch Stellung
bezogen. Schließlich hatte er selbst vor einem Dutzend Jahren
als Saisonarbeiter in der DVN begonnen.
Seinen von Entlassungsplänen betroffenen KollegInnen hatte
er erklärt, dass eine Klage gegen Kündigungen erfolgreich
sein könne, wenn nachgewiesen werde, dass auf ihrem Arbeitsplatz
hinterher ein Leiharbeiter beschäftigt würde.
Seit seinem Weggang stimmten zahlreiche MitarbeiterInnen des
Betriebs Auflösungsverträgen zu. Währenddessen
sehe man bei DVN täglich neue ZeitarbeiterInnen, Überstunden
würden angesetzt und an den Wochenenden dreischichtig gearbeitet,
klagte ein Arbeiter der Großdruckerei.
Ob nun der mitgebrachte Monitorarm Fontana gehört, wie er
behauptet, oder von ihm entwendet wurde, wollte der Arbeitsrichter
schließlich nicht aufklären. Der Zweck der Verhandlung
war es, möglicherweise eine gütliche Einigung herbeizuführen.
Doch der Arbeitgeber beharrt auf der Rechtmäßigkeit
seiner Kündigung, Fontana hingegen will "auch aus politischen
Gründen" seine Wiedereinstellung erreichen.
Doch auch wenn er seinen Prozess noch gewinnen sollte: Für
die Arbeitsplätze der KollegInnen bei DVN wird es dann vermutlich
zu spät sein. Den nächsten Prozesstermin setzte der
Arbeitsrichter für Mitte Januar an. Bis dahin dürfte
die DVN ihre Entlassungspläne wohl durchgesetzt haben.
Michael Liebler
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