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Nr. 17             Oktober 2002

 
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In Nürnberg startet ein neues Pilotprojekt in Sachen Videokameras

"Ausreisezentren" für Flüchtlinge

Ein neuer Baustein in der Abschreckungs- politik

"... jede nach ihrer Façon?"

Eine Podiumsdiskussion zum Streit um das Kopftuch

Neue Deutsche Welle von der Maas bis an den Belt

Studenten-verbindungen: akademische Vertreter der Rechten




 
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Werte entwickeln - Werte sichern - Werte steigern

Erlanger BürgerInnen wehren sich gegen Einzelhandels- und Bürozentrum

Den Kopf auf dem silbernen Tablett präsentiert

Gerichtsstreit um die Kündigung eines Betriebsrats: Wegen Diebstahl oder wegen Standhaftigkeit entlassen?

"Was sie dem Herrn Christo zum Schmach gethan haben ..."

Wie in Unterfranken die Legende eines jüdischen Ritualmords entstand




 
Buchkritik
 

... nationale Lügen und Mythen zu korrigieren

Drago Jancars Erzählungen aus der jugoslawischen Geschichte vom Mittelalter bis zur Tito-epoche

Inter Nationalismus

Eine Einführung in die Ideengeschichte des Internationalismus

Bunte Seiten der alternativen Medien

Ein Nachschlagwerk über selbstverwaltete Betriebe, soziale Projekte und politische Initiativen

Ästhetische Mobilmachungl

Sammelband über die abgestandenen Versuche des Tabubruchs in der Neonazi-Subkultur




 
Musik und Theater
 

The good and the bad...

Tine Plesch mit Tipps und Infos aus der Welt der subversiven Kultur

Enklave der behinderten, revolutionären AnarchistInnen

Theaterstück

die vier Regeln des Michael Hurley

und ein Todestag




 
Glosse
 

Bundeskanzler Stoiber

Fast hätten wir gewonnen! "Wenn wir nur unsere Stauseen a kloans bisserl aufgemacht hätten"

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"Was sie dem Herrn Christo zum Schmach gethan haben ..."

Eine Ritualmordlegende aus Unterfranken

In wenigen Tagen erscheint im Aschaffenburger Alibri-Verlag Heft Nr. 10 der Zeitschrift "Geschichte quer". Dieses Heft dreht sich um das Thema "Kriminalität". Einer der Artikel handelt von dem Mord an einem vierjährigen Knaben, der sich 1929 im unterfränkischen Manau zutrug. Diesen Mord versuchten die NationalsozialistInnen der jüdischen Minderheit in Unterfranken in die Schuhe zu schieben. Anhaltspunkte für die verleumderischen Behauptungen der Nazis fanden sich zu keinem Zeitpunkt, dennoch zog der Fall des angeblichen "jüdischen Ritualmords" weite Kreise. Die raumzeit bringt diesen Artikel von Christiane Kolbet als Vorabdruck und als Kostprobe für das neue Heft von "Geschichte quer".

Am Sonntag den 17. März 1929 kehrte im fränkischen Dörfchen Manau der kleine Karl Keßler nicht vom Spielen heim. Es wurde schon dunkel und die Eltern machten sich Sorgen. Zusammen mit den Nachbarn begannen sie nach dem Kind zu suchen. Bald suchte das ganze Dorf mit Fackeln und Sturmlaternen. Gegen Mitternacht fand man den Jungen schließlich mit durchschnittener Kehle im Wald. Das Dorf war in Aufruhr.

Da schlich sich ein schlimmer Verdacht aus einem der Höfe heraus. Eine Bäuerin hatte ein altes zerfleddertes Buch gefunden: "Ein Bericht von den zwölf jüdischen Stämmen, was ein jeder dem Herrn Christo zum Schmach gethan haben soll und was sie dieß den heutigen Tag dafür leiden müssen". Von den Nachkommen des Stammes Dan heißt es in diesem Machwerk, dass sie keine Ruhe fänden, wenn sie nicht "mit der Christen Blut ihren stinkenden Leichnam wieder salben und schmieren". Es war noch nicht Mittag, da wussten alle BewohnerInnen von Manau über den Inhalt des Buches und den Stamm Dan Bescheid.

Die Polizei, die am Morgen nach Manau gekommen war, ging von einem "Lustmord" an dem viereinhalbjährigen Knaben aus. Doch für die BewohnerInnen von Manau stand fest, dass Karl Keßler einem "jüdischen Ritualmord" zum Opfer gefallen sein musste. Auf Einladung seiner Gesinnungsgenossen aus Burgpreppach kam wenige Tage später der Gauleiter der NSDAP von Unterfranken, Dr. Otto Hellmuth, nach Manau. Er ließ sich vor Ort über den Mord informieren.

Im Wald traf er mit dem jüdischen Religionslehrer Emanuel Levi aus Burgpreppach zusammen. Diese Begegnung am Ort des Geschehens erschien dem Gauleiter höchst verdächtig. Dies umso mehr, als Levi auch für das rituelle Schlachten von Vieh und Geflügel in den umliegenden jüdischen Gemeinden zuständig war.

Der Zahnarzt Dr. Otto Hellmuth aus Marktbreit, der seit zwei Jahren Gauleiter der NSDAP in Unterfranken war, verfasste noch in der gleichen Woche als "Sonderberichterstatter" einen Artikel über den Mord von Manau für das antisemitische Wochenblatt "Der Stürmer". Blut-rünstig und im Detail malte Hellmuth in seinem Beitrag aus, wie das Kind niedergemetzelt worden war und welchem Zweck die Tötung seiner Meinung nach gedient haben musste: der Gewinnung von Menschenblut.

Die bayerische Rabbinerkonferenz versuchte umgehend dem abergläubischen Vorwurf in einer gemeinsamen Erklärung zu begegnen. Doch die Rabbiner fanden vor den Augen der Nazis keine Gnade und bei der verstörten Bevölkerung des Haßgaues kein Gehör.

Am 1. April 1929, dem Ostermontag, lud die NSDAP nach Hofheim, in den Nachbarort von Manau, zu einer Versammlung über die "Blutmorde der Juden" ein. Der Andrang war riesig: Aus ganz Franken waren die ZuhörerInnen angereist. In drei Wirtshaussälen und vor rund 1200 TeilnehmerInnen gleichzeitig hetzten die Nazis und ihr unterfränkischer Gauleiter Otto Hellmuth gegen die Juden. Unterstützt wurden sie dabei vom "Stürmer"-Redakteur Karl Holz, der eigens für diese Veranstaltung von Nürnberg nach Hofheim gekommen war. Unverhohlen riefen die Nazis zu Tätlichkeiten gegen die Juden auf. Hellmuth verkündete voll Pathos:

"In Manau wurde ein kleiner, unschuldiger Mensch geopfert. Aber dieses Opfer ist nicht umsonst gebracht worden. Man kann ein Volk nur bis zu einem gewissen Grad mißhandeln, aber ein Volk, das auch nur noch geringe Lebenskraft hat, wird sich die weitere qualvolle Mißhandlung durch die Hebräer nicht gefallen lassen. Wir Nationalsozialisten werden das Volk jetzt wachrütteln und es zur Tat gegen seine fremdstämmigen Bedrücker aufrufen."

Ähnliche Veranstaltungen folgten in Orten der Umgebung. Ohnmächtig sahen die Behörden dem Treiben der Nazis zu. Rechtlich waren ihnen die Hände gebunden.

Eine rasche Aufklärung des Mordes hätte die Lage zweifellos entspannt. Doch die Polizei tat sich mit der Suche nach dem Täter schwer. Offensichtlich angesteckt vom epidemisch um sich greifenden Ritualmordwahn vernahm sie zahlreiche Juden aus der Umgebung. Die Ermittlungen in dieser Richtung verliefen jedoch ergebnislos.

Noch während die Staatsanwaltschaft im Dunklen tappte, nach ZeugInnen suchte und die spärlichen Spuren analysierte, nutzte der Gauleiter Otto Hellmuth die Zeit, um seine Version der Ereignisse weiter unter die teils verängstigte, teils fanatisierte Bevölkerung zu bringen: Im April ließ er einen weiteren Artikel im "Stürmer" folgen. Darin abgehandelt fand sich:

"Der Blutmord von Manau. Der blonde Knabe. Der Stich in die Halsschlagader. Der blutleere Körper. Die Wunde am Rückenwirbel. Das geheimnisvolle Auto"

Diese Ausgabe des "Stürmer" wurde kostenlos in der Gegend von Manau verteilt. Mit dem Mord erstmals in Verbindung gebracht wurde der Burgpreppacher Religionslehrer Emanuel Levi. Zusätzlich zur Gratisausgabe des "Stürmer" ließ Otto Hellmuth auf eigene Kosten ein einschlägiges Flugblatt und eine Postkarte mit dem Konterfei des ermordeten Kindes drucken und verbreiten. Das Resultat der Hetze war, dass die jüdischen BürgerInnen der Gegend um ihr Leben und ihre Habe zu fürchten begannen, und dass in Hofheim am 13. April 1929 eine neue Ortsgruppe der NSDAP gegründet wurde.

Vier Wochen nach dem Mord, der den ganzen Haßgau in Aufruhr versetzt hatte, bezogen die Behörden endlich Stellung: Die Staatsanwaltschaft ließ wissen, dass es keine Beweise für einen "Ritualmord" gäbe und setzte zugleich eine Belohnung in Höhe von RM 3500 für die Ergreifung des Täters aus. Der bayerische Kultusminister Goldenberger erteilte Anweisung, die SchülerInnen in Unterfranken über die "Unsinnigkeit der Ritualmordanschuldigung gegen die Juden im allgemeinen zu belehren". Auch die im Bezirksrabbinat Burgpreppach zusammengefassten Israelitischen Kultusgemeinden meldeten sich in einem eindringlichen Appell zu Wort und versuchten das Vorurteil gegen ihre Religionsgemeinschaft zu widerlegen:

"Die Judengegner sagen, die Juden brauchen das Blut, um es in die Mazzen zu verbacken. Nun ist das Mazzenbacken keine geheime Kunst und wird auch nicht einmal ausschließlich von Juden besorgt. Gerade in unserem Bezirk ist eine Mazzenbäckerei, in welcher fast nur nichtjüdische Arbeitskräfte angestellt und tätig sind; glaubt irgendein vernünftiger Mensch, daß diese nichtjüdischen Arbeitskräfte es nicht merken würden, wenn in den Mazzenteig Blut hineingebracht würde, oder glaubt irgendein vernünftiger Mensch, daß, wenn diese Arbeitskräfte irgend etwas von Blut bemerkt hätten, sie dazu schweigen würden? Jeder Vernünftige muß zugeben, daß diese Annahmen Unsinn sind."

Doch alle noch so vernünftigen Argumente verfingen bei der aufgeputschten Bevölkerung nicht mehr. Im Gegenteil: Auch die Mazzenbäckerei von Julius Neuberger geriet nun ins Zwielicht.

Am 30. April hielten die unterfränkische NSDAP und ihr Gauleiter eine weitere Kundgebung über den angeblichen Ritualmord im Würzburger Ausflugslokal "Huttenscher Garten" ab. Wieder strömten die Massen herbei. Vergeblich hatten die Würzburger JüdInnen versucht, bei der Regierung von Unterfranken ein Verbot der Kundgebung durchzusetzen. Nachdem sie die NSDAP-Versammlung nicht hatten verhindern können, luden die JüdInnen von Würzburg am 6. Mai ihrerseits zu einer Veranstaltung ebenfalls in den "Huttenschen Garten" ein. Dort wollten sie die Bevölkerung über den Vorwurf des Ritualmordes aufklären. Weit über tausend Würzburger BürgerInnen nahmen an der vom Rechtsanwalt Karl Rosenthal geleiteten Veranstaltung teil. Darunter waren auch viele Nazis. Was als Aufklärungs- und Informationsveranstltung gedacht war, ging im Tumult unter: Die Nazis brüllten die Redner nieder. Die Polizei räumte das Lokal.

Dennoch werteten die Würzburger JüdInnen die Veranstaltung als Erfolg, hatten doch ihr OB Hans Löffler und die Presse bedingungslos Position für die bedrängten Juden und gegen die Verleumder ergriffen. Der Chefredakteur des "Fränkischen Volksblatts", der geistliche Rat Heinrich Leier war zur Verteidigung der Jüdinnen und Juden selbst soweit gegangen, die Legenden um die von der katholischen Kirche heilig gesprochenen angeblichen Ritualmordopfer, Andreas von Rinn und Simon von Trient, ins Reich der Phantasie zu verweisen. Für einen Christen, so der Pfarrer Heinrich Leier, sei die Sache klar:

"Wer solche Lügen leichtfertig verbreitet, hat eine schwere Verantwortung auf sein Gewissen geladen und eine schwere Sünde begangen. Denn jedem Christen ist die Lüge verboten, besonders eine solche törichte und boshafte Lüge, die so verhängnisvolle Folgen haben muß."

Einige Monate später wurden die "Stürmer"-Herausgeber Julius Streicher und Karl Holz wegen der Berichterstattung über den Mordfall von Manau zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt. Der Urheber der Artikel, Otto Hellmuth, blieb jedoch unbehelligt.

Ein Jahr nach dem Mord wurde im Wald von Manau ein Gedenkstein für den ermordeten Karl Keßler eingeweiht. Die kirchliche Feier, an der das ganze Dorf teilnahm, wurde vom evangelischen Pfarrer Seiler vorgenommen, auf dessen Initiative hin das Denkmal errichtet worden war. Der Pfarrer hatte den ermordeten Jungen gekannt. Nun ruhte das Kind auf dem Dorffriedhof von Manau. Vom Mörder des kleinen Karl aber fehlte jede Spur.

Fast fünf Jahre war es still um den Mord von Manau. In dieser Zeit hatten die politischen Geschicke des Landes eine dramatische Wendung genommen: Die Nazis waren an die Macht gekommen und der Gauleiter der NSDAP, Otto Hellmuth, war Regierungspräsident von Unterfranken geworden. Doch der unaufgeklärte Mordfall ließ ihm keine Ruhe. Im Mai 1934 erschien eine abstoßende "Ritualmord"-Sondernummer des "Stürmer". Der Mord von Manau nahm darin breiten Raum ein. Im Herbst 1934 wurde auf Betreiben von Otto Hellmuth ein neuer Versuch unternommen, den Fall doch noch zu lösen. Wieder wurden jüdische Tatverdächtige verhört und wieder gab es in der Sache keinerlei Ergebnisse.

1937, acht Jahre nach dem Mord und quasi aus Anlaß seines zehnjährigen Wirkens als Gauleiter von Unterfranken, unternahm Otto Hellmuth einen weiteren Vorstoß, um den Mörder des Kindes endlich dingfest machen zu können. Den Täter hatte er sich bereits ausersehen: Der Religionslehrer und Schächter Emanuel Levi aus Burgpreppach, den er Jahre zuvor am Tatort getroffen hatte. Am 27. April 1937 wurde Levi verhaftet und seine Wohnung durchsucht. Zur gleichen Zeit wurden weitere Tatverdächtige und mutmaßliche Komplizen festgenommen. Es waren dies u. a. der Kaufmann David Adler aus Burgpreppach und die Lehrer Simon Blumenthal und Justin Fränkel. Ein "Zeuge" hatte angegeben, am 17. März 1929 Levi, Blumenthal und Fränkel auf dem Marktplatz von Hofheim gesehen zu haben, von wo aus sie mutmaßlich an den Tatort gefahren sein sollten.

In den nächsten Wochen wurden wahllos weitere Juden festgenommen. Darunter die Metzger Julius Schloß und Theodor Levor. Sie alle wurden für viele Monate im berüchtigten Würzburger Gestapogefängnis in der Ottostraße inhaftiert. Am 20. Mai 1937 kam ein weiterer Häftling dazu: der Burgpreppacher Mazzenbäcker Julius Neuberger.

Die Häftlinge saßen in Einzelhaft. Häufig wussten nicht einmal ihre Angehörigen, wo sie sich befanden und was man ihnen vorwarf. Nahezu täglich wurden die Beschuldigten zu Verhören geholt. Jeder neue Name, der dabei fiel, konnte eine weitere Verhaftung nach sich ziehen. Im Oktober 1937 wurde auch Simon Levi, der Sohn des Hauptverdächtigen Emanuel Levi festgenommen. Zum Tathergang hatte sich die Gestapo eine Theorie zurecht gelegt, die sie nun mit allen Mitteln zu untermauern versuchte. Diese Theorie umriss der ehemalige Rabbiner Saul Munk von Burgpreppach 1965 in einem Bericht für Yad Vashem.

"Hauptlehrer Levi wurde beschuldigt, das Kind geschächtet zu haben, Herr Lehrer Mahlermann hätte ihm assistiert, Herr David Adler und Herr Simon Levi hätten die Herren in ihren Wagen zu der Stelle gefahren und Herr Julius Neuberger hätte das Blut des Kindes in der Mazzothfabrik verwendet."

Alle Zeugen, die schon 1929 und 1934 vernommen worden waren, wurden nun erneut befragt. Die wenigsten hatten ihren ursprünglichen Aussagen etwas hinzuzufügen. Es gab aber auch Zeugen, die der Gestapo geflissentlich mit den Informationen dienten, die diese offensichtlich hören wollte. Darüber hieß es im Bericht vom Rabbiner Munk:

"In der Mazzothfabrik waren fast nur christliche Arbeitskräfte tätig. Dieses geschah, um jeder Verleumdung vorzubeugen. Nichtdestoweniger haben diese Arbeitenden unter Eid ausgesagt, sie hätten gesehen, wie eine Schüssel Blut in die Bäckerei hineingetragen wurde."

Die Gestapo scheint mit den Beschuldigten wenig zimperlich umgegangen zu sein. Der siebzigjährige Hauptbeschuldigte Emanuel Levi drohte bei einem der zahllosen Verhöre offen mit Selbstmord. Auch die anderen Beschuldigten standen unter großer seelischer Anspannung. Hinzu kam, dass die Häftlinge, wenn sie schon nicht selbst misshandelt wurden, so doch Zeugen von tätlichen Übergriffen auf andere wurden. Falls sie es erreicht hatten, dass sie Briefe und Besuche von Angehörigen bekommen durften, so mussten sie doch über die Sache selbst Stillschweigen bewahren. Die Untersuchungen und Verhöre zogen sich monatelang hin.

Ende 1937 mußte die Gestapo dennoch alle Beschuldigten einschließlich des Hauptverdächtigen Emanuel Levi wieder frei lassen. Einer Aufklärung des Falles war man auch diesmal nicht näher gekommen.

Im Wald von Manau war mittlerweile eine Pilgerstätte entstanden. Die Nazis hatten einen Weg zum Gedenkstein für den ermordeten Karl Keßler angelegt und zu beiden Seiten des Steins Säulen mit abnehmbaren Lampen angebracht. Selbst ein Rednerpult soll es gegeben haben. Alljährlich seit 1937 wurden am 17. März Gedenkveranstaltungen am Ort des Verbrechens abgehalten, an denen neben zahlreichen NS-Gliederungen auch die lokalen und regionalen Größen der Partei teilnahmen.

Einige der entlassenen jüdischen Verdächtigten nutzten die Ende 1937 wiedergewonnene Freiheit dazu, Deutschland zu verlassen. Andere Beschuldigte kehrten in ihre Heimatorte zurück. Julius Neuberger, den die Aussagen seiner Angestellten um ein Haar Kopf und Kragen gekostet hätten, wurde nach seiner Haftentlassung gezwungen, die selben Angestellten weiter in seiner Mazzenfabrik zu beschäftigen. Die meisten der im Manauer Mordfall beschuldigten Juden wurden später in Konzentrationslagern ermordet.

Die Nazis hielten bis 1945 alljährlich Gedenkveranstaltungen im Wald von Manau ab: Als Würzburg bereits in Trümmern lag und die Amerikaner vor den Toren der Stadt standen, berichtete die "Mainfränkische Zeitung" noch von einer Feier anläßlich des 16. Jahrestages des Mordes. Der Gauleiter Otto Hellmuth wurde bald danach als Kriegsverbrecher gesucht, gefasst und zum Tode verurteilt. Doch die Nachkriegszeit meinte es gut mit Hellmuth: Zu lebenslanger Haft begnadigt, wurde er bereits 1955 aus dem Gefängnis entlassen und erhielt eine Entschädigung für seine "Kriegsgefangenschaft". 1958 ließ er sich im Schwäbischen nieder und praktizierte wieder als Zahnarzt. Er starb 1968.

Der Mörder des kleinen Karl Keßler wurde nie gefasst. Noch heute erinnern das Grab auf dem Friedhof und der Gedenkstein im Wald von Manau an das ermordete Kind.

Christiane Kolbet