Fratoj, al sun', libereco! - Brüder zur Sonne, zur Freiheit!
Die Universalsprache ESPERANTO - ein Interview mit Hedwig
Regnart-Laufer
Der jüdische Augenarzt Dr. Ludwig Zamenhof entwickelte
ab 1880 die Universalsprache Esperanto. Zamenhof wuchs in Bialystock
auf, wo die verschiedenen Bevölkerungsgruppen - Juden, Polen,
Russen, Deutsche und Litauer - isoliert voneinander lebten. In dieser
Umgebung mit ständigen Auseinandersetzungen und Pogromen hatte
Ludwig Zamenhof schon als Schüler die Idee zu einer gemeinsamen
Sprache.
Unter dem Pseudonym «Dr. Esperanto» («esperanto
= Hoffender») stellte er 1887 in Warschau das erste Lehrbuch
vor. Um die Jahrhundertwende war Esperanto bereits in weiten Teilen
Europas verbreitet.
Mittlerweile sprechen etwa 5 Millionen Menschen weltweit Esperanto.
Kontakte und weitere Informationen gibt es unter:www.esperanto-nuernberg.de.
Hedwig Regnart-Laufer stammt aus einer Fürther Arbeiterfamilie.
Sie war für die Gewerkschaft und die KPD aktiv. Bereits 1930
wird sie das erstemal wegen ihrer politischen Aktivitäten verhaftet.
In der Zeit zwischen 1933 und 1937 war sie in Schutzhaft in verschiedenen
Frauengefängnissen und -konzentrationslagern. Danach geht sie
nach Österreich und kehrt 1951 nach Fürth zurück.
GRZ: Hed, wie bist du eigentlich auf den Gedanken gekommen,
Esperanto zu lernen?
H: Ein Kollege von unseren Nachbarn war Lehrer einer Nürnberger
Arbeiter-Esperantogruppe und hatte die Idee, in Fürth auch eine
Gruppe einzurichten. Unser Nachbar hat meinen älteren Bruder
Konrad angesprochen. Mich nicht, ich saß nur dabei und hörte
zu. Er sagte: Willst du Esperanto lernen? Esperanto ist die Sprache,
mit der sich Arbeiter überall verständigen und auch im
Krieg miteinander reden können, um zum Beispiel zu verhindern,
dass sie als Soldaten aufeinander schießen. Der Konrad war einverstanden
und sollte sich umschauen, ob er nicht noch ein paar Junge auftreiben
konnte, die Interesse hätten. Und dann fragte unser Nachbar
mich: Na was ist mit dir, magst du nicht auch? Da war ich ganz aus
dem Häuschen, dass er mich auch angesprochen hat. Ich war 15
Jahre alt und immer so ein kleines, unscheinbares Wesen. Da haben
sie mich oft übersehen. Ich bin also mit in den Esperantokurs
gegangen.
GRZ: Wurde Esperanto hauptsächlich von Menschen aus der
Arbeiterbewegung gelernt?
H: Nein. In Nürnberg hatte sich zuerst eine bürgerliche
Esperantogruppe gebildet, die aber nicht dieselben Interessen hatte.
Denen ging es hauptsächlich darum, ausländische Verbindungen
herzustellen, vielleicht Reisen ins Ausland zu machen. Für uns
war Esperanto aber etwas ganz anderes. Wir haben die Möglichkeit
gesehen, dass Arbeiter sich verständigen können und nicht
weiter Objekte für das Kapital sein müssen.
GRZ: Hast Du dein Wissen auch anwenden können? Hattet
Ihr Kontakte mit EsperantistInnen aus anderen Ländern?
H: Nach dem ersten Kurs konnten wir noch nicht richtig lesen oder
schreiben. Aber wir haben nicht nur den einen Esperantokurs gemacht.
Unsere alte Gruppe hat immer weiter gelernt und auch Neue unterstützt.
Wir haben denen Nachhilfestunden gegeben, damit sie gut mitkamen;
und dann haben wir irgendwann angefangen zu korrespondieren. Außerdem
gab es eine internationale Zeitung. Wie die erste hieß, das
weiß ich nicht mehr, später war es der IMPREKOR, der internationale
Pressekorrespondent.
GRZ: Die erste hieß «La Esperantista» und
war die weltweit erste Esperantozeitung. Sie wurde 1889 in Nürnberg
herausgegeben.
H: Ich habe mir aus der Zeitung einen Korrespondenten aus Moskau
gewählt. Der war ein junger Soldat, in der Roten Armee. Dann
hatte ich noch eine Verbindungen mit Rumänien, Ungarn und Frankreich.
Meine Mutter lernte ebenso wie ich Esperanto und hatte eine Korrespondenz
mit Wladiwostok. Stellt euch das vor! Die Briefe waren ein Vierteljahr
unterwegs. Wichtig war aber auch, die internationale Zeitung zu lesen,
die hauptsächlich von revolutionären Arbeitern gemacht
wurde. Diese Zeitung berichtete von allen Kämpfen auf der Welt,
die die Arbeiter geführt haben. Das war für uns die Möglichkeit,
zu beobachten und zu urteilen. Das war sehr, sehr wichtig. Es hat
uns aufgebaut zu wissen, wie es auf der ganzen Welt zugeht, nicht
bloß was bei uns passiert.
GRZ: Die Esperantobewegung wurde nach 1933 verboten und verfolgt.
Was bedeutete das für die Mitglieder?
H: Ich wurde am 10. März 1933 verhaftet. Ich weiß nicht,
was mit der Esperantogruppe dann passiert ist. Als ich das erste
Mal in Gemeinschaftshaft war, habe ich meinen Kameradinnen vorgeschlagen,
Esperanto zu lernen. Ich hatte nämlich, als ich 20 Jahre war,
darauf hingearbeitet, die Lehrerinnen- und Lehrerprüfung zu
machen. Wir haben sogar bei Schulen vorgesprochen und angeboten,
wir würden Schulkinder unterrichten - ohne Bezahlung. Aber das
ist abgelehnt worden von den Schulbehörden, die brauchten keine
internationale Verständigung. Im Gefängnis haben sich anfänglich
einige dafür interessiert, Esperanto zu lernen, aber nach kurzer
Zeit waren sie einfach zu träge.
GRZ: Wieviele Leute waren in der Esperantogruppe Fürth
?
H: Wir waren immer so acht bis zwölf junge Leute. Dann sind
wieder viele weggeblieben und neue dazugekommen, aber ein harter
Kern hat sich immer erhalten - bis zuletzt. Dann sind viele in die
politische Arbeit abgewandert. Da war Esperanto nicht mehr das Notwendige,
das Notwendige war dann, mit den Arbeitern zu diskutieren und sie
auf die Lage aufmerksam zu machen, was geschieht, wenn Hitler an
die Macht kommt.
GRZ: Hattet ihr wirklich die Hoffnung, dass Esperanto mal die
Sprache wird, die alle ArbeiterInnen sprechen?
H: Tja,
wir haben natürlich erlebt, dass die Schulen z.B. unser Angebot
Esperanto zu lehren, abgelehnt haben. Es wurde uns mit der Zeit schon
klar, dass das nicht gewünscht wird und dass es alleine an uns
liegt, dass die Arbeiterkinder Esperanto lernen. Und so haben wir
nicht aufgehört zu werben, um neue Schüler zu bekommen.
GRZ: Waren außer dir und deiner Mutter noch andere Frauen
in eurer Gruppe?
H: Nein, wir waren die einzigen. Ich war meistens die einzige
Frau, auch bei den Jungsozialisten und bei den Kommunisten. Wenn
mal ein Mädel kam, hat die sich umgeschaut, wen kann ich mir
als Liebhaber wählen, und dann ist sie wieder verschwunden.
GRZ: War Esperanto schwer zu lernen?
H: Nein, es ist nicht schwer zu lernen. Esperanto besteht zu mehr
als 60% aus lateinischen Worten. Diese zu lernen hat mir dann die
Möglichkeit gegeben, Zeitungen besser verstehen zu können.
Das war eine große Bereicherung. Es war wichtig, Esperanto zu
beherrschen, weil man dann auf einmal einen ganz anderen Horizont
bekam und vieles verstand, was man sonst nicht verstanden hätte.
Es sind auch deutsche Wörter darin, ich weiß nicht mehr
genau wieviele, vielleicht 20 oder 30 %. Auch Französisch, Englisch,
und Italienisch ist - glaube ich - ein bisschen dabei.
GRZ: Heute hat Englisch eine ähnliche Funktion. Sehr viele
Leute lernen und sprechen Englisch und deswegen...
H: ... ja, englisch ist die Sprache, die das Kapital braucht,
nein es ist wirklich schade, dass Esperanto sich nicht durchsetzen
konnte.
Esperantogruppen in der Region:
Nürnberg: Gruppentreffen jd. 3. Montag im Monat, KuRO Rothenburgerstr.
106, 18:30-21:00
Kontakt: T. 0911/359658, info@esperanto-nuernberg.de
Erlangen: Gruppentreffen jd. 1. Mittwoch im Monat, Gaststätte
Deutsches Haus, Luitpoldstr. 25, ab 19:00
Kontakt:maurer.erlangen@t-online.de
Forchheim: Stammtisch jd. letzten Mittwoch, Gaststätte Eichhörnla,
Bambergerstr. 9, ab 19:00
Kontakt: T. 09191/729507, M. info@esperanto-forchheim.de
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