Zwei Schritte vor - einen zurück?
Wookie ist 2Step-Protagonist der ersten Stunde - und kann gut leben
mit
den Ungereimtheiten seiner Szene
Am Ende des Interviews ist Jason Chue, der schon in der
Schule
wegen seines Nachnamens Wookie gerufen wurde, etwas genervt. Vielleicht
wollte ich ein bisschen zu viel über die Zusammenhänge
in der
noch jungen englischen 2Step-Szene wissen, vielleicht waren meine
Fragen
über den momentanen versnobten Lifestyle in englischen Clubs
für
ihn nicht nachvollziehbar. Aber die Hintergründe hinter dem
neuesten
heißen Ding, das diesen Sommer mit einjähriger Verspätung
auch in Deutschland angekommen ist, müssen schon mal hinterfragt
werden.
Da ist z.B. der Hang der Londoner 2Step-Clubszene zu exzessivsten
Partys
mit Champagner in Strömen und natürlich Designermode und
Solariumbräune.
Das Vorbeikommen am Türsteher wird zum Höhepunkt des Abends,
beim Clubbing heißt es wieder "ich bin drin und Du bist draußen"
statt "we are family". Für Wookie geht das in Ordnung: "So leben
die
Leute momentan eben. 2Step wird dadurch stylish und sexy. Es sind
jetzt
wieder viele Frauen in den Clubs. Nicht wie bei Drum'n'Bass, denn
das ist
ja total zum Jungens-Ding geworden." Kontrastiert wird dieser materialistische
Lifestyle von einem Vertriebsnetz der Musik, das nur schwer näher
am Underground sein könnte: Die meisten Platten werden zuallererst
als unbeschriftete White Label-12"es angeboten und als Zentralorgane
der
Szene gelten die zahlreichen illegalen Piraten-Radiosender Londons.
Dort
laufen dann die amtlichen Stücke den ganzen Tag lang und die
limitierten
Platten finden oft innerhalb von Tagen zu einem legendären Ruf.
Ähnlich
hat Drum'n'Bass auch begonnen und da musikalische Parallelen unüberhörbar
sind, befrage ich Wookie nach dem Unterschied und nach seiner Definition
von 2Step: "Es hat denselben Background wie Drum'n'Bass, es wird
von denselben
Leuten gemacht. Die Wurzeln liegen genauso im Reggae und R'n'B, aber
es
geht da einen Schritt weiter, wo Drum'n'Bass aufhörte sich zu
entwickeln."
Allerdings ist 2Step für ihn eher ein Aspekt von Drum'n'Bass,
daher
also keine Evolution des Ganzen.
Hauptunterschiede sind nach Wookies Meinung die souligen Gesangslinien
oder Rap-Vocals, die auf den meisten 2Step-Tracks zu finden sind.
Die werden
seiner Meinung nach auch verhindern, dass 2Step zu "dark" wird und
damit
den gleichen Fehler begeht, den Drum'n'Bass irgendwann gemacht hat.
Wookie
dazu: "Drum'n'Bass verlor irgendwann seine Sing-a-long-Mentalität.
Du konntest schlecht einen Track mitsummen, es gab kaum mehr Melodien
oder
Hooklines". Bei 2Step verhält sich das schon anders, schließlich
gehen die glatten Produktionen von Leuten wie Artful Dodger oder
Shanks
& Bigfoot problemlos als R'n'B amerikanischer Prägung durch.
Davon
ist Wookie's Musik zum Glück ein paar Ecken entfernt. Viele
Instrumentals
finden sich auf seinem selbstbetitelten Debütalbum und die Stücke
mit Gesang, größtenteils unter Beteiligung des Soul-Vokalisten
Lain, sind in ihrer tiefen Soulfullness in Kombination mit den rauhen
Beats
bisher einzigartig im noch jungen Genre. Beste Erfolgsaussichten
hat Wookie's
Musik trotzdem, auch durch die fachmännische Unterstützung
des
Soul2Soul-Clans, der über die 90er Jahre hinweg den Sound der
englischen
Black Music-Szene prägte. Der Masterplan umfasst, neben Wookie's
Debüt,
ein Lain-Soloalbum und eine große Soul2Soul-Anthologie im nächsten
Jahr. Ein ständiger Spagat zwischen Big Business und Untergrund
als
Erfolgsmodell wird 2Step über den drohenden Knick nach dem Hype
hinwegretten.
Wookie werden wir also nicht so schnell wieder los.
Das Debütalbum von Wookie ist bei S2S/PIAS erschienen.
Tobias Lindemann
Link: www.wookie.uk.com
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