KEIN SCHULTERKLOPFEN MEHR...
Für die einen ist sie die wichtigste Feministin der
Welt (oder zumindest der BRD). Für mich ist sie schon seit Jahren
nicht mehr interessant, spätestens seit sie die Böhsen
Onkelz öffentlich entschuldigte, ihre rassistischen und sexistischen
Texte als jugendliche Dummheit verzieh und den gleichfalls öffentlichen
Läuterungsbekundungen der Band Glauben schenkte. Ich hatte mir
ja unter Feminismus immer etwas Politisches vorgestellt, ein Engagement,
das auch vor scheinbar nicht frauenspezifischen Bereichen keinen
Halt machte. Naja, also tschüss, Alice, dachte ich - ihre zunehmende
TV-Präsenz hatte mich ohnehin gelangweilt, denn ihre Anwesenheit
in WasBinIch nutzte sie keineswegs zu feministisch-subversivem Tun.
Aber immer wieder mal bin ich teilnehmende Beisitzerin irgendeines
Frauenprojekts, das mühselig gegen patriarchale Realitäten
kämpft und immer sitzt da eine und seufzt: «Ach, wir bräuchten
eine Alice Schwarzer...» Dass realiter gar nicht daran gedacht
wird, Frau Schwarzer um Rat zu fragen oder um Schirmherrschaft zu
bitten, zeigt nur, wie weit die bundesdeutsche Renommierfeministin
abgetaucht ist in irreale Medienwelten, weit weg von jeder alltäglichen
Notwendigkeit wie Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen,
feministisches Bildungs- und Dokumentationszentrum oder Selbstverteidigungskursen...
Kay Sokolowsky, unter anderem auch Autor für Konkret, hat
keine Lust auf falsche Solidaritäten, auch nicht unter Linken
in einer feindlichen Welt. «Who the fuck is Alice?»
liefert, so der Untertitel, alles, «was man wissen muss, um
Alice Schwarzer vergessen zu können». Und dass man wie
frau Alice Schwarzer vergessen sollte, müsste eigentlich jedem/jeder
spätestens seit ihrer 99er Riefenstahl-Hommage klar sein.
Sokolowsky hat die Kapitel nach Filmtiteln benannt: Ironische
Anspielung auf ein Leben, das sich mit Gusto vor Kameras abspielt
- scheinbarer Beweis, sich durchgesetzt zu haben. «Was
Schwarzer jedoch nie zu denken gab, ist die Fragwürdigkeit von
Prominenz in einer medialisierten Gesellschaft. Dass die Äußerungen
einer siebzehnjährigen Schwimmerin ebensoviel Wirkung haben
wie eine Emma-Initiative zum Verbot von Pornographie...hat sie keineswegs
gelehrt, dass publizistischer Erfolg eine zweischneidige Angelegenheit
und mit Ironie zu betrachten ist.»
Unreflektierte Mediengeilheit ist die erste Ebene der Entmystifizierung
einer Galionsfigur. Die zweite heißt schlicht schlechter Stil.
Sokolowsky zitiert und seziert, verschont Leserin und Leser nicht
mit schiefen Metaphern, sprachlichen Unsauberkeiten, selbstmitleidigen
Gedankengängen und dümmlichen Formulierungen. O-Ton Schwarzer:
«Feministinnen, das hat Tradition, sind die Kugel kaum wert.
Sie werden getötet durch Lächerlichkeit und Diffamierung.
Nun war ich zwar nicht länger totzuschweigen, sollte aber möglichst
rasch durch Lächerlichkeit getötet werden.»
Sokolowsky hat sich tapfer durch Schwarzers ganzes Werk gelesen
und kommt zu dem Schluss, dass die Journalistin Schwarzer genau weiß,
wie sie die Prominenz nutzen kann, die ihr die 1975 erschienene Schrift
«Der kleine Unterschied» eingebracht hat: «Schwarzers
Artikel und Bücher, miserabel geschrieben, erbärmlich redigiert,
ein gigantisch nichtiges Konvolut aus Gefuchtel und Geschnatter,
haben etwas, das ihren Worten fehlt: Gewicht.» Nun wäre
daran ja nichts auszusetzen, wenn Alice Schwarzer ihre Berühmtheit
gezielt und überlegt einsetzte - aber sie macht sich zur Fürsprecherin
des Euthanasie-Befürworters Singer, sie fordert die Öffnung
der Bundeswehr incl. Dienst an der Waffe für Frauen, zwischendrin
schmeichelt sie der ehemals ostpreussischen Landgräfin und Journalistenkollegin
Dönhoff und schlussendlich akzeptiert sie die «Bundesverdienstkreuzigung»
(O-Ton Sokolowsky).
Die dritte Ebene der Demontage einer «Integrationsfigur»
ist eine sachliche und kompliziert genug: Da ist einmal der platte
Antiamerikanismus der Alt-68er, der schon andere ApoProtagonisten
in die Arme jener Reaktion getrieben hat, der sie nach Sokolowsky
ohnehin nie ganz entkommen waren. Und da ist eine (sicher nicht nur
von Schwarzer) nie zu Ende geführte und höchst schlampig
durchdachte Auseinandersetzung mit Faschismus und Antisemitismus,
mit Antizionismus und Parteinahme für Palästina - genug
übrigens, um seinerzeit die Linke zu spalten. Sokolowsky belegt
dies durch eine via Artikeln in Emma und Zeit geführte Konfrontation
zwischen Alice Schwarzer und dem Experten für journalistische
Polemik, Henryk Broder.
Wer immer etwas von Alice Schwarzer gehalten hat, und sei es nur
des «kleinen Unterschieds» wegen, einer Schrift, deren
Verdienst auch Sokolowsky - geschickt! - ebenso wenig in Frage stellt
wie Schwarzers Verdienste um die Abtreibungsdiskussion, dem oder
der muss mulmig werden angesichts so mancher Gleichstellung. «Damals
- als ich vor vielen Jahren [von den Bildern befreiter Konzentrationslager,
K.S.] sensibilisiert wurde - habe ich mich noch für die
anderen entrüstet. Damals war mir noch nicht klar, daß
auch ich selbst zu einer minderen Rasse gehöre: zu der der Frauen.
Vom Genozid an meinem Geschlecht, von den Millionen ermordeter «Hexen»
habe ich erst sehr viel später erfahren. Noch heute schärft
mein Blick für Antisemitismus den für Sexismus. Beides
gedeiht auf demselben Boden.» Noch mehr gefällig?
Dann müsst ihr nachlesen in «Who the fuck is Alice?»
und das soll euer Hirnschaden nicht sein, denn Sokolowsky schreibt
ebenso scharfsinnig wie spitzzüngig.
Aber abgesehen davon, dass dieses Buch die von ihm bei Alice Schwarzer
konstatierten Verschwörungs- und Verfolgungstendenzen bestätigen
wird, abgesehen davon, dass es - bei aller Notwendigkeit, vor allem
den geraden Weg der Schwarzer vom kleinen Unterschied, Emma, §218
und PorNo via Romy Schneider, Biolek und Dönhoff zu Singer und
Riefenstahl zu zeigen - , letztlich die Relevanz einer Galionsfigur
belegt, die - von den og. gelegentlichen Gruppen und ein paar IdiotInnen
des medialen Establishments mal abgesehen - in wichtigen feministischen
Diskursen längst keine bewegende Rolle mehr spielt - abgesehen
von alledem ist´s schade, dass Sokolowsky die Defizite der Schwarzer
kaum im Hinblick auf feministische Theorie und Praxis diskutiert,
sondern eingangs flugs feststellt: «Gegen Schwarzer zu polemisieren
ist eines gewiss nicht: ein Anschlag auf den Feminismus. Der Anschlag
war und ist Schwarzer selbst». Um sich fortan für
die Analyse der schwarzerschen Dumpfbackigkeit im Hinblick auf das
Dahindümpeln der Frauenbewegung nicht mehr zu interessieren.
Tja, da werden wir wohl wieder Leserinnenbriefe lesen müssen,
in denen steht «Ich habe Schwarzer noch nie als schlechte Schriftstellerin
erlebt....» Aber, IHR schreibt die bitte nicht - versprochen?!
Kay Sokolowsky. Who the fuck is Alice? Was man wissen muss, um
Alice Schwarzer vergessen zu können. Edition Tiamat, 126 S.,
24.-
Tine Plesch
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