«Wer behält das Land?»
Interview zur aktuellen Situation im
Nahen Osten
Dror Etkes ist Reiseführer und Redakteur der deutsch-israelischen
Sendung Tacheles bei Radio Z. Als jüdischer Israeli bemüht
er sich vor allem um eine Kritik an der israelischen Politik und
Gesellschaft. Dror Etkes ist überzeugt, dass sich der Nahost-Konflikt
ohne differenzierte Betrachtung der Geschichte Israels und der Probleme
innerhalb der israelischen wie auch palästinensischen Gesellschaft
nicht verstehen lässt. Gerade in diesem Sinne war die Zusammenarbeit
zwischen fortschrittlichen Israelis und PalästinenserInnen besonders
wichtig, um eine Perspektive zu entwickeln. Diese Bemühungen
wurden durch die aktuellen Ereignisse allerdings weit zurückgeworfen
und gerade die israelische Friedensbewegung scheint von der Eskalation
des Konflikts wie gelähmt. Somit finden sich die AktivistInnen,
die sich von den nationalen und ethnisierten Positionen nicht vereinnamen
lassen, sowohl in ihrer eigenen Gesellschaft wie auch auf der «Gegenseite»
quasi auf verlorenem Posten.
Radio Z: Welche Position hat die israelische Friedensbewegung
in den letzten Wochen eingenommen und gab es irgendwelche Aktionen
und Demonstrationen?
Dror: Zur so genannten Friedensbewegung in Israel. 90% dieser
Bewegung ist nationalistisch eingestellt. Das heißt es sind
Leute, die natürlich einen jüdischen Staat in Israel wollen,
und sich diesen jüdischen Staat als demokratischen und liberalen
Staat vorstellen können. Ihnen war bewusst, dass irgendwann
ein Kompromiss mit den Palästinensern gefunden werden muss.
Das war bisher die Mehrheit der Friedensbewegung in Israel. Aber
im Moment gehen diese Leute total konform mit Barak, das heißt
sie sind für Gewalt und für die massive Repression gegen
die Palästinenser in Israel und in den besetzten Gebieten.
RZ: Was ist denn mit den restlichen 10 %?
Dror: Die sind halt eine sehr kleine Gruppe in Israel, die hin
und wieder Demos machen, oder über Internet Informationen verbreiten,
die nicht unbedingt in die großen israelischen Medien kommen.
Die israelischen Medien spielen momentan eine große Rolle. Wir
sehen fast alles aus der Perspektive der israelischen Soldaten, die
immer angegriffen werden, um den Israelis nicht die echte harte und
gewalttätige Realität im Westjordanland zu zeigen. Ich
muss allerdings dazu sagen, dass die palästinensischen Medien
nicht besser sind. In den letzten Wochen gab es auf beiden Seiten
nur Patrioten, Nationalisten und Kriegslieder. Doch zurück zu
deiner Frage: Es gibt wichtige Demos von eher radikaleren Gruppen,
z.B. in Jerusalem und in Tel Aviv. Aber wir, die Leute, die diese
Meinungen vertreten, sind ein winziger, winziger Prozentsatz aller
Israelis.
RZ: Hattet Ihr damit gerechnet, dass so ein Ereignis wie der
Besuch von Ariel Sharon auf dem Tempelberg diese Eskalation nach
sich ziehen kann?
Dror: Um zu verstehen, was in den palästinensischen Gebieten
in den letzten Wochen passiert, darf man nicht mit dem Sharonbesuch
anfangen. Sondern man muss im Auge behalten, was in den letzten 30
Jahren in den besetzten Gebieten passiert ist. Die Situation ist
die, dass heute im Westjordanland und im Gazastreifen zweihunderttausend
israelische Siedler wohnen und daneben leben etwa drei Millionen
Palästinenser. Diese treffen heute im alltäglichen Leben
in vielerlei Hinsicht auf mehr Schwierigkeiten als früher. Es
gibt leider sehr wenige Israelis, die das wissen. Für uns war
klar, dass diese Situation nicht lange so bleiben kann. Das, was
in den letzten sieben Jahren passiert, ist kein Friedensprozess.
Es sind Handlungen zwischen zwei Regierungen, aber einen Friedensprozess
zwischen zwei zerstrittenen Gesellschaften gibt es nicht.
RZ: An den Auseinandersetzungen ist ja auch die palästinensische
Polizei beteiligt. Das spricht ja eher nicht für spontane Proteste
der palästinensischen Bevölkerung, oder?
Dror: Ich glaube, die ersten Reaktionen, die wir in den ersten
Tagen, in den ersten Stunden gesehen haben, waren ungeplant. Andererseits
ist die palästinensische Polizei Teil des palästinensischen
Volkes. Aber man kann dies nicht trennen, die palästinensische
Polizei kann nicht andauernd gegen ihre Leute vorgehen. Sie haben
ihre eigenen Gefühle, sind auch Palästinenser, die unter
denselben Verhältnissen leiden, unter denen die anderen Palästinenser
leiden. Das muss man auch verstehen. Das heißt nicht, dass die
ersten Ereignisse nicht wirklich spontan waren. Später, ohne
Zweifel, als die palästinensische Regierung festgestellt hat,
dass diese gewalttätigen Demonstrationen nicht zu stoppen sind,
haben sie angefangen zu überlegen, wie sie diese benutzen könnten.
Wir haben sicherlich beides gesehen - spontane und organisierte Proteste.
RZ: Eine Frage zum Bombenattentat Anfang November in Jerusalem.
War dies eine unmittelbare Reaktion auf die Gespräche zwischen
Barak und Arafat, die ja erstmals einen Waffenstillstand wahrscheinlich
erschienen ließen?
Dror: Das kann sehr gut sein, dass dies gemacht wurde, um Gespräche
zwischen Israelis und Palästinensern zu verhindern. Und das
ist ja auch erstmal geglückt. Wenn so ein Attentat verübt
wird, verändert sich die Atmosphäre sofort. Barak kann
in so einem Moment die Israelis nicht auffordern die Gewalt zu beenden,
weil er genau wie Arafat immer unter Druck steht, Rache zu üben.
Diese Dynamik geht schon seit eineinhalb Monaten so. Gleich nach
dem Anschlag kamen hunderte von Leuten, viele Radikale, die alle
möglichen Sprüche schrien wie: «Tod den Arabern»
oder «Rache». Es gibt auch immer Leute, die dann Jagd
auf alle Araber in der Umgebung machen und diese verprügeln
und Schlimmeres. Leider machen das nicht nur Zivilisten, sondern
auch israelische Polizisten.
Der Ort, der Markt war auch strategisch gewählt. Die meisten
Leute, die da hinkommen, gehören zu einfacheren Bevölkerungsschichten,
die sehr oft rechte Ideologien adaptieren. Und wenn islamische Terrororganisationen
ein Ziel suchen, suchen sie natürlich auch einen Ort, wo sie
ziemlich sicher sein können, dass die Reaktionen von Seiten
der Bevölkerung überkochen werden. Und in diesem Viertel
leben eher Leute mit einer rechten Einstellung. Die Rechten und die
Radikalen von beiden Seiten sind ja von einander in ihren Reaktionen
abhängig. Ein Anschlag in der Mitte, im Zentrum, in der Hauptstadt
Israels ist darüber hinaus ein moralischer Schlag für die
Israeli.
RZ: Ist in nächster Zeit eine Annäherung von beiden
Seiten zu erwarten - oder eher das Gegenteil?
Ich kann keine Annäherung sehen in der nahen Zukunft. Das
heißt nicht, dass wir nicht Phasen haben werden, wo die Gewalt
weniger wird. Nach fünf Wochen werden die Menschen müde.
Aber zweifellos werden in den nächsten Monaten die Unruhen weitergehen,
solange die israelische Gesellschaft nicht bereit ist zu überdenken,
welche Rechte die Palästinenser in ihrem Land haben. Was wir
in unserer Gesellschaft noch nicht gemacht haben, aber machen müssen,
ist einen vernünftigen Kompromiss zu erreichen. Das Zentrum
des Konflikts ist die Frage «Wer behält das Land».
Solange Israel denkt, dass es weiter Siedlungen bauen kann und gleichzeitig
mit den Palästinensern über Frieden verhandelt, werden
wir keine Lösung finden.
Die israelische Gesellschaft muss eine prinzipielle Entscheidung
finden, entweder fangen wir an mit den Siedlern und ihrer politischen
Allianz zu diskutieren oder wir diskutieren weiter mit den Palästinensern
und der arabischen Welt.
Das Interview führten Anja Link und die Tachelesredaktion.
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