And the winner is ...
Preis für Verstöße gegen die Privatspähre
und den Datenschutz verliehen
Der FoeBuD e.V (Verein
zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten
Datenverkehrs e.V.) hat im Oktober zum erstenmal die
Big Brother Awards vergeben. Mit diesem Preis werden zum ersten
Mal besonders gravierende Verstöße gegen die Privatsphäre
ausgezeichnet.
Nein, das hat nichts mit der TV-Blechbüchsengruppe für
FeierabendvoyerInnen zu tun, zumindest nicht direkt. Denn was die
Jungs und Mädels den ZuschauerInnen präsentieren, tun sie
schließlich aus eigener Entscheidung. Deshalb ist hier der Titel
»Big Brother» in erster Linie Effekthascherei. Der »Große
Bruder» von George Orwells negativer Utopie ist eine übergeordnete,
staatliche Institution, die den BewohnerInnen von Oceana (so der
Name des Staates in Orwells Roman) keine Wahl lässt, ob sie
sich und ihr Leben den Blicken anderer aussetzen wollen.
Den InitiatorInnen des Awards geht es nicht darum, die ausgezeichneten
Unternehmen und Personen in der Öffentlichkeit vorzuführen,
sondern anhand ihrer Verhaltensweisen gezielt auf Misstände
aufmerksam zu machen, so behauptet zumindest Rena Tangens in der
Laudatio zum Big Brother Award. In ihrer Laudatio beschreibt sie
wie der ehemals »freie» Cyberspace »zivilisiert»
wird, sprich reglementiert und zur Überwachung genutzt wird.
Dabei vergisst sie nicht, eine Teilschuld auch den NutzerInnen zuzuschreiben,
sei dies aufgrund von Unachtsamkeit, Unwissen oder Zeitgeistdenken.
Sind wir nicht alle ein bisschen Big Brother
Die Tendenz, sich und sein (ödes?) Leben anderen im Datenraum
zugänglich zu machen, ist in den letzten Jahren enorm gestiegen.
Von der im Netz übertragenen Geburt bis hin zum Sterbebett ist
alles geboten. Dabei geht den DarstellerInnen und den BetrachterInnen
die Bedeutung von Privatsphäre immer stärker abhanden,
die Gewöhnung an Überwachung trifft somit auf eine immer
stärkere Basis und Akzeptanz. Gleichzeitig greifen private Maßnahmen
z.B. zur Überwachung von Hausangestellten oder der Zöglinge
im Kindergarten immer mehr um sich. An diesem Punkt nähern sich
die eingangs erwähnten BlechbüchsenbewohnerInnen der TV-Sendung
frappierend der Realität an, scheinbar freiwillig wird hier
gedankenlos einer Entwicklung Vorschub geleistet, die zum Beispiel
1984, als die Volkszählung anstand noch undenkbar gewesen wäre
oder den BewohnerInnen von Orwells Roman wie eine Farce erscheinen
müsste.
Foucault lässt grüßen
Was hier passiert, ist nichts anderes als Unterdrückung/Kontrolle
durch Verführung. So sublimieren die NutzerInnen von Kindermädchenüberwachungskameras
ihr schlechtes Mutter- und Vatergewissen, bietet die Sexindustrie
Videovoyeurismus für Sex without secretion oder man/frau ist
eben 24 Stunden life bei der Blechbüchsengemeinschaft, um mal
so richtig nah am Leben zu sein. Dabei sind die NormalverbraucherInnen
eh der Ansicht, dass sie als gute BürgerInnen nichts zu verbergen
haben, so dass sie sich für die weitreichenden Möglichkeiten
ihrer computergestützten Gerätschaften erst gar nicht interessieren.
Da es aber letztendlich auch den Rahmen sprengen würde, von
allen eine intensive Auseinandersetzung auf dem Gebiet der Überwachunstechnologie
und den Entwicklungen der Netztechnik und ihren Möglichkeiten
zu erwarten, plädieren die InitiatorInnen für eine Grundrechtscharta
für die vernetzten Bürger. Und wie es sich seit Moses für
Grundregeln gehört, sind es auch hier 10 Gebotewww.bigbrotherawards.de/laudatio.
Gegen eben diese Grundsätze haben, nach Ansicht der Jury
für die Big Brother Awards, folgende Personen und Institution
eindeutig verstoßen:
Congratulations to...
Der Hauptpreiswurde in der Rubrik »Business und Finanzen»
verliehen und ging an die Loyalty Partner Gesellschaft für Kundenbindungssysteme
mbH in München. Loyalty hat die payback-Karte entwickelt und
mit großem Werbeaufwand unter die Leute gebracht. Dahinter steckt
nichts Banaleres, als die Idee des alten Rabattheftchens: Mann/Frau
geht ins Kino oder die Tankstelle und kriegt dann neben der Rechnung
noch eine bestimmte Anzahl von Punkten, die sich später wiederum
in neue Konsumgüter verwandeln lassen. Eigentlich doch ganz
harmlos - was hier allerdings passiert, sind personenbezogene Konsumanalysen
im großen Rahmen. Payback strebt nach eigenen Angaben ein KundInnenziel
von 12 Millionen NutzerInnen an. Interessant an der Sache und mitausschlaggebend
für die Nominierung, ist der Versuch von Loyalty, das eigene
Engagement an der Karte zu verschleiern, sie tritt nämlich nicht
offiziell als Initiator auf.
Hartmut Mehdorn, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bahn
AG. Erhielt den Preis der Kategorie "Behörden und Verwaltungen".
Um ihr Konzept der 3-S (Service, Sicherheit und Sauberkeit) effizient
umsetzen zu können, hält die Bahn eine umfassende Videoüberwachung
ihrer Bahnhöfe und der daran angeschlossenen Einkaufszentren
für unumgänglich. Dabei greift sie sowohl auf den hauseigenen
Wachschutz (Sicherheitsdienst der Deutschen Bahn AG (BSG)), wie auch
auf den Bundesgrenzschutz (BGS) zurück. Die Videoüberwachung
dient der Herstellung einer konsumgerechten Stimmung aus vordergründigen
kommerziellen Interessen. Probleme werden von ferne beobachtet, wenn
etwas stört, wird ES entfernt. Soziale Kälte wird mit noch
mehr Kälte beantwortet.
Das Bundesverwaltungsamt in Köln bekommt für sein Ausländerzentralregister
den Preis in der Kategorie "Lebenswerk". Das Ausländerzentralregister
(AZR) wurde 1953 ins Leben gerufen und erfasst in seinem Datenbestand
10 Mio. Menschen. Die Nutzungsmöglichkeiten und Befugnisse zu
Kontroll- und Überwachungszwecken sind fast ohne Begrenzung:
Jede deutsche Behörde kann im AZR nach einer AusländerIn
per »Suchvermerk-Ausschreibung» fahnden lassen. Unter
dem harmlosen Begriff «Gruppenauskunft» werden der Polizei
und den Geheimdiensten Rasterfahndungen ermöglicht.
Weiterhin wurden Preise an die Stadtwerke
Bielefeld für die Installation von Radiobeschallung in öffentlichen
Bussen vergeben, sowie an das opensource Projekt Apache
Consortium, das für die Herausgabe des Apache Webserver
verantwortlich ist. Kritisiert werden die Voreinstellungen für
die Sicherheit des Webservers, die den heutigen Anforderungen nicht
gerecht werden und ohne Aufwand verändert werden könnten.
Weitere Preisträger sind der Berliner Innensenator
Werthebach und der email-Dienst GMX.
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