''Optimierung
und Synergieeffekte''
Nürnbergs Kulturläden mit großer Zukunft?
Die von der CSU und FDP im September beschlossenen Einsparungen
und Schließungen bei Nürnbergs Kulturläden sind vorerst
vom Tisch. Doch wirklich aufgehoben sind die Kürzungsbeschlüsse
damit nicht: Statt dessen soll nun ein externes Gutachten feststellen,
wo im laufenden Kulturladenbetrieb Gelder eingespart werden können.
ExpertInnen der Nürnberger Uni für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften
sollen die Kulturläden auf überflüssige Ausgaben hin abklopfen.
Kostenpunkt: Etwa 100.000 Mark. Doch die sollen nach dem Willen der CSU
und FDP durch künftige Einsparungen von den Kulturläden selbst
wieder wettgemacht werden.
Ein Blick zurück: Das Amt für Kultur und Freizeit (KuF) hatte
in jüngster Vergangenheit bereits 1,1 Millionen abgeknapst, um 60.000
DM wurden allein die Kulturläden in den letzten sechs Jahren gekürzt
und mussten damit auf ganze 10% ihres Etats verzichten. Damit aber nicht
genug. Insgesamt 800.000 Mark sollten die Kulturläden und Einrichtungen
des Sozialreferats nach einem Beschluss der Stadtratsmehrheit von 1998
einsparen. Nach Protesten aus Sozialund Kulturresort legte Finanzreferent
Ulrich Maly schließlich eine Quote vor: 261.000 DM wollte er vom
Kulturreferat haben. Auch das Sozialreferat sollte nach seinem Vorschlag
408.000 DM opfern. Um die Betroffenen dazu zu bewegen, diesen Kürzungstango
zu schlucken und um die Reaktionen an der Basis zu erleben, ging Kulturreferent
Georg Leipold auf Tour durch sämtliche Kulturläden der Noris.
Integrationsarbeit zu politisch?
Allesamt waren sie bestens besucht, die Diskussionsveranstaltungen in der
ganzen Stadt. Und der zopftragende Referent Leipold, der unter dem Motto
ausgezogen war: ``Alte Zöpfe müssen nicht immer abgeschnitten
werden, man kann sie auch neu flechten'', bewies Mut, sich der teilweise
immensen Wut der Betroffenen zu stellen. Klare Worte von Seiten der Mitarbeitenden:
``Weitere Stellenkürzungen sind nun wirklich nicht mehr tragbar'',
so eine KuRo-Mitarbeiterin, die in den letzten Jahren schon ohne so manche
KollegIn an der Rothenburger Straße auskommen musste: ``Wir sind
vor lauter Auswärtsterminen kaum noch im Haus, wer soll dann die ganzen
Ehrenamtlichen betreuen?'' Besonders häufig wurde auf der KuRo-Diskussionsveranstaltung
und auch im Bleiweiß in der Südstadt der Aspekt Rassismus angesprochen.
Schließlich leisten gerade diese beiden Einrichtungen viel Basis-Integrationsarbeit
und bieten MigrantInnen-Gruppen eine Heimat. ``Klar, dass jetzt verstärkt
auf uns losgegangen wird. Was wir machen, hat der CSU noch nie gefallen,
das ist denen einfach zu politisch'', sagen ein KuRound ein Bleiweiß-Vertreter
übereinstimmend. Georg Leipold selbst argumentierte im Interview mit
der Großraumzeitung: ``Die Preisspirale der Kulturläden steigt
immer weiter an, man kann nicht dauernd teurer werden, sonst bleiben die
Leute weg und die geforderte Wirtschaftlichkeit kann erst recht nicht erreicht
werden. Absolut gesehen hat es bereits einen Besucherrückgang gegeben''.
Außerdem, so betont er, widerspreche das dem Geist und Gründungsgedanken
der Kulturläden, der schließlich in zugänglicher Kultur
für möglichst breite Schichten bestanden habe, und das wohnortsnah.
``Trotzdem ist der alte Geist mit Obstkisten und Gammelmöbeln heute
nicht mehr gefragt, wohl aber aktuelle und moderne Kultur'', glaubt er.
Das alte Vorurteil konservativer Kreise, man betreibe ``Nischenpolitik'',
will Leipold entkräften. Dafür kann er ermutigende Zahlen vorlegen:
Über 430.000 BesucherInnen zählen die Kulturläden jährlich
bei ihren Kursen und Veranstaltungen.
Kulturkonkurrenz
Unterschiedlichste Stimmen waren auf den Hearings zu hören, die sich
allesamt für ihre Kulturläden stark machten: Das Spektrum reichte
vom Grünen Stadtrat Juan Cabrera, der sich keine Möglichkeit
entgehen ließ, auf die Diskrepanz zwischen dem staatlich verkündeten
Antifaschismus und den Streichungen ausgerechnet im Integrationsbereich
für AusländerInnen hinzuweisen, bis hin zu Menschen, die die
Möglichkeiten für ihre Tanzoder Bastelgruppe lobten. Ein PDS-Mann
warnte die Kulturläden immer wieder davor, sich gegeneinander ausspielen
zu lassen und brachte auch die immensen Kosten für neue U-Bahn-Strecken
oder das Stadion ins Gespräch. Viel kritisiert wurden auch inhaltsleere
Mega-Events wie die Blaue Nacht, die ``nur dem Image, aber nicht den Leuten
dienen'', wie eine türkische Frau so schön sagte. Die SPD ihrerseits
nutzte die Podien gerne, um der CSU die Schuld am Desaster anzulasten und
zart durch VertreterInnen anzudeuten, wenn sie wieder gewählt würden,
käme alles auf wundersame Weise in Ordnung. Immerhin ging es bei den
abgehaltenen öffentlichen Hearings der Kulturläden auch darum,
sich im möglichst besten Licht zu präsentieren, um nicht zu denen
zu gehören, die die Hunde beißen. Nicht immer klappt der Zusammenhalt
zwischen den bundesweit einmaligen Einrichtungen, die eine Vorreiterrolle
spielten und sogar im Ausland Beachtung fanden. Trotzdem machten die Veranstaltungen
Mut: ``Endlich gab es einmal Feedback und wir waren mit den ganzen Kürzungen
nicht mehr alleine, sondern fanden bei unserer Klientel Rückhalt'',
freut sich eine Kulturladen-Mitarbeiterin.
Optimierung versus Einsparungen
Offensichtlich haben die Kürzungsdebatte und Hearings Wirkung gezeigt.
FDP-Stadtrat Utz W. Ulrich sieht nun einseitigen Kürzungsvorschlägen
eine Absage erteilt. Als erhaltenswert gelten die Kulturläden inzwischen
auch wieder bei der CSU, um die ``Mobilisierung von Synergieeffekten''
geht es ihr bei den jetzigen Plänen. Auf ihre ``Optimierung'' hin
will der CSU-Fraktionsvorsitzende Gsell die ``Angebote und Dienstleistungen''
der Kulturläden nun überprüfen. Statt der intern beschlossenen
Streichungen soll der Kulturausschuss am 17. November nun ein externes
Gutachten in Auftrag geben.
Doch was jetzt als überraschende Kehrtwende und gesicherte Zukunft
für die Kulturläden gefeiert wird, ist im Grunde nur ein verstaubter
alter Zopf, hervorgekramt aus der Mottenkiste der Stadtoberen. Denn Kulturund
Sozialreferat hatten ein schon 1998 gefordertes, externes Gutachten abgelehnt
und erklärt, keine Sparmöglichkeiten mehr zu haben.
Claudia Schuller
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