Gute Skinheads, schlechte Skinheads
Sind alle Skins dumm, rassistisch oder beides?
Jörg ist Mitglied der «Cable
Street Beat», einer Gruppe von Punks und Skins, die in Gütersloh
antifaschistische Kulturarbeit betreiben.
Ihr Ziel ist es Stereotype zu widerlegen, sich rassistischen und
sexistischen Haltungen der eigenen Szene zu widersetzen, aber auch der
bürgerlichen Öffentlichkeit und der Linken die eigenen auf Skinheads
projizierten Rassismen und Sexismen bewusst zu machen.
Cable Street ist eine Straße in London, in der vor allem ArbeiterInnen
jüdischen Glaubens lebten. Durch diese Straße wollten in den
dreißiger Jahren britische FaschistInnen unter Polizeischutz einen
Aufmarsch veranstalten. Die Menschen, die dort lebten, wehrten sich und
vertrieben FaschistInnen und Polizei.
Petra stammt aus Nürnberg und kritisiert die Skinheadkultur
als Gesamtes. Nach dem Film «OI!Warning», der einen Skinhead
darstellt, der ausnahmsweise zwar nicht rechts ist, aber dessen Figur,
so meint sie, letztendlich dennoch nur Klischees bedient, hatte sie die
Idee zu diesem Streitgespräch.
Petra: Die Skinheads in Großbritannien sahen sich ja
in den späten 60ern als «Stimme der rebellischen Jugend der
Arbeiterklasse». Doch ziemlich schnell wurden asiatische Menschen,
die auf der Flucht vor Verfolgung nach Großbritannien gekommen waren,
von Skinheads angefeindet. Bereits zwischen 1969 und 1971 waren hauptsächlich
Menschen aus Asien das Ziel rassistischer Übergriffe durch Skinhead-Banden
in GB. Die als «Paki-Bashing» bekannt gewordenen Gewalttaten
führten in einigen Fällen ja sogar zu rassistischen Morden. Da
zeichnete sich also in der Skinhead-Bewegung eine eindeutige Richtung ab
und die war rassistisch. Daher finde ich es ziemlich unverständlich,
sich auf diese «Subkultur» zu beziehen.
Jörg: Ich wäre da insgesamt vorsichtig, denn vielleicht
wird da eine Form von Revierverhalten oder eine Reaktion auf «statusbedrohende»
EinwanderInnen mit Rassismus verwechselt. Da müssten wir uns über
den Rassismusbegriff unterhalten. Fakt ist, dass Toleranz bei den meisten
Skinheads der ersten Jahre wohl nicht weiter als bis zur Grenze des Stadtviertels
gereicht hat. Wer da etabliert war, hatte nichts zu befürchten - egal
welcher Herkunft er oder sie war. Ein weiteres Argument gegen den Rassismusvorwurf
ist die Tatsache, dass Schwarze von Anfang an Teil der Skinheadkultur waren.
Nicht dass Schwarze nicht rassistisch sein könnten, aber ich denke
da wird klar, dass es nicht um «Rasse» ging, sondern um ganz
andere Sachen. Das genauer herauszufinden wäre mal spannend.
Was den Bezug auf eine solche Subkultur betrifft kann ich nur sagen,
dass es die Musik, das wie immer definierte Lebensgefühl und die Tatsache,
dass es immer eine Subkultur der Armen, Unterdrückten, ArbeiterInnen
oder so was war. Es gibt jüdische, christliche, atheistische, schwarze
und weiße und das finde ich schon sehr prima.
Petra: Die Skinhead-Szene ist, das wirst du nicht bestreiten,
eine männerdominierte, frauen- und schwulenfeindliche Szene. Der Machismo
ist in der Skinheadszene von Anfang an sehr ausgeprägt gewesen, so
standen Angriffe auf schwule Männer schon immer auf dem Programm.
«Queer-Bashing» heißen aber nicht nur Angriffe auf Schwule,
sondern auf alles, was den Skinheads nicht in das von ihnen akzeptierte
Männlichkeitsbild passt. Auf Ska-Konzerten herrscht ein enorm hoher
Männeranteil, auch auf «linken» Konzerten. Es gibt recht
wenige Frauen-Ska-Bands. Das wird ja wohl auch einen Grund haben. Auch
«unpolitische» Ska-Bands glänzen noch immer mit frauenfeindlichen
Texten. Für mich passen links, antipatriarchal und emanzipatorisch
mit der «Skinhead-Kultur» einfach nicht zusammen.
Jörg: Natürlich stimmt es, dass Skinheadkultur männerdominiert,
frauen- und schwulenfeindlich ist. Doch diese Attribute sind nicht exklusiv,
sondern «nur» in vielleicht überspitzter Form in der Szene
zu finden. Man denke zum Vergleich an die Punx- oder Technoszene. Es war
nie der Anspruch irgendeiner Skinheadszene, links, antipatriarchal und
emanzipatorisch zu sein, sondern das einzige, was sie/wir mit emanzipatorischen
Bewegungen gemeinsam hatten und haben ist die antirassistische Haltung
eines Teils der Szene und ein eher diffuses Arbeiterbewusstsein.
Bei aller Kritik: Diese Jugendkultur besteht seit 1969 und seitdem wurden
eigentlich alle «Werte» der Szene konserviert. Das prägt
das Erscheinungsbild in Bezug auf Dresscode und Benimmregeln ganz erheblich.
Diese Regeln, die für alle in der Skinhead Bibel (heißt echt
so) nachzulesen sind, haben den Nachteil, dass Aussehen wesentliches Kriterium
für die Zugehörigkeit zur «Familie» ist, was bestimmt
zur intoleranten Erscheinung beiträgt. Der Vorteil besteht aber doch
darin, dass gewisse Dinge sich nicht gehören. Es kann sicherlich anstrengend
sein, sich unter Skinheads zu bewegen, aber ich weiß, dass FrauenLesben
und Schwule auf Ska-Konzerten ihren Spaß haben, ohne sich ständig
ihrer Haut erwehren zu müssen.
Wir in Gütersloh versuchen einer teils berechtigten Kritik Rechnung
zu tragen, indem wir bei unseren Veranstaltungen auf bestimmte Verhaltensweisen
achten und unser persönliches Auftreten hinterfragen.
Unser Ansatz ist aber dem zum Trotz, gesellschaftlich etwas zu verändern
und nicht von vornherein gegen ein Feindbild zu arbeiten.
Petra: Natürlich versuchen Nazis fast alle Subkulturen zu
unterwandern. Seien es Gruftis, Punks oder wer auch immer. Aber bei keiner
Subkultur hat das ja so prächtig geklappt wie bei den Skinheads. Mensch
muss ja leider mittlerweile davon ausgehen, dass Skinhead gleich Nazi ist.
Ist das überhaupt noch «eure» Kultur? Haben es die Nazis
nicht geschafft, das Bild eindeutig zu dominieren?
Jörg: Ich kann leider nicht beurteilen, wie gut das in anderen
Szenen so klappt, aber aus der Techno- und der Dark Wave-Szene hört
man da ja schreckliche Dinge. Ich denke, dass die Gewaltbereitschaft, gewisse
Feindbilder (Hippies, Schwule und EinwanderInnen) und der Männerkult
bei einem Teil einfach prima Ansatzpunkte geboten haben und heute auch
noch bieten. Was das Bild vom Nazi mit kurzen Haaren und Bomberjacke betrifft,
so halte ich das für ein Gemeinschaftsprodukt von Medien, bürgerlicher
Öffentlichkeit, Antifa und Nazis, die sich bestimmt alle gefreut haben,
dass ein so leicht erkennbares Feindbild gestrickt wurde.
Petra: Warum zieht ihr euch nur so an? Natürlich finde ich
Provokation sehr schick. Aber glaubst du nicht, dass ihr vielleicht die
falschen Leute provoziert? Wer kann denn heutzutage noch unterscheiden
zwischen «guten» Skinheads und Naziskins? Wie gehst du damit
um, dass wohl vor allem MigrantInnen und linke Menschen vor euch Angst
haben? Wenn ein paar Skinheads die U-Bahn betreten, bekommt mensch einfach
Schiss, weil er wohl mittlerweile davon ausgehen muss, dass ein Großteil
der Skinheads Nazis sind. Natürlich hoffe ich dann immer, irgendeinen
Aufnäher zu sehen, der die Sache aufklärt, irgendwas antifaschistisches
oder so. Aber auch das kann mensch wohl nicht verlangen, ihr glaubt ja
wohl immer noch, ihr seid die Ursprünglichen. Das hilft der MigrantIn
oder mir jedoch zunächst auch nicht weiter. Zudem glaube ich, dass
die ursprüngliche Skinhead Kultur ziemlich tot ist, und wenn sich
heute eineR für das Skinhead-Sein entscheidet, dann doch wohl, weil
er ein Nazi ist.
Jörg: Ich persönlich muss auch immer raten. Der beste
Weg ist tatsächlich der Augenkontakt wie bei allen anderen Menschen
auch. Ich habe auch keine Lust mehr, irgendwelche Abzeichen zu tragen,
denn warum sollten wir eigentlich immer dazu gezwungen sein, uns für
den unausgesprochenen Vorwurf zu rechtfertigen, Nazis zu sein. Das tut
ja sonst auch niemand. Ob «die Guten» im Moment in der Mehrheit
sind oder nicht, kann ich nicht sagen. Das hängt auch vom Definitionsrahmen
ab, denn die Grauzonen von «unpolitisch» nach rechts bis zu
faschistisch sind wie überall sehr stark ausgeprägt. Aus unserer
Gütersloher Sicht sind «die Guten» sowieso die wenigsten,
aber das vor allem wegen des Sexismus. Ich denke aber, dass sich die Rechten
und die, die keine sind, ungefähr die Waage halten.
Petra: Wie gehst du damit um, wenn «gute» Skinheads
von MigrantInnen, Punks oder Antifas eins auf die Mütze bekommen?
Ich kann das irgendwie gut nachvollziehen, dass nicht vorher die politische
Überzeugung überprüft wird.
Jörg: Wenn ich Zeuge einer grundlosen Attacke gegen einen
Skinhead würde, würde ich ihm/ihr selbstverständlich helfen.
Wenn jemand wegen eines Vorurteils angegriffen wird, ist das nie richtig.
Das ist doch gerade ein wesentlicher Kritikpunkt z.B. an RassistInnen -
oder?
Das bedeutet nicht, dass ich z.B. von jedeR MigrantIn erwarte, dass
er/sie jeden Skinhead erst mal überprüft, schließlich ist
hier eigentlich immer klar, wer sich in einer Bedrohungssituation befindet.
Bei Antifas oder Punx tue ich das schon, denn die hatten schon tausend
Gelegenheiten zu merken, dass nicht alle Leute, die so aussehen wie wir,
Schläge verdient haben.
Wir haben hier mit MigrantInnen noch nie Schwierigkeiten gehabt, denn
die fragen eigentlich immer, außer sie hauen dir aufs Maul, weil
du DeutscheR bist. Die meisten achten sowieso viel eher auf das Verhalten
als auf die Klamotten - ein Lächeln und die Sache ist erledigt und
das ist auch richtig so. Mit den JamaikanerInnen feiern wir ja ohnehin
häufiger mal.
Petra: Viele AnhängerInnen der Oi!-Szene sind ja nicht rassistisch.
Doch auch hier war von Anfang an kritisches Denken unerwünscht. So
wurden Linke und AntirassistInnen abgelehnt, weil sie zu «trendy»
oder spießig waren. In dem Buch «Oi! - Ein Blick aus der Sackgasse»
heißt es: «(...) über das wahre Leben, das Sich-Wehren
und das Stolz-Sein auf deine Klasse und deine Herkunft. Oi! ist gegen Politik,
weil sie alle die gleichen Lügner und Betrüger sind, sie haben
uns im Stich gelassen. Oi! ist Rock `n Roll, Fußball, Bier Sex, Konzerte
besuchen, lachen, sich wehren». 1981 wurde eine Oi! Platte herausgebracht:
die «Strength Thru Oi!» (in Anspielung auf «Kraft durch
Freude»). Klingt schon auch nicht sooo fortschrittlich und emanzipatorisch.
Jörg: Das Verhältnis britischer Jugendlicher zur etablierten
Politik, egal welcher Couleur, war damals - so wie heute auch - nicht das
allerbeste. Darauf bezieht sich zunächst mal dieser Politikbegriff.
Was das Leben einer eigenen Kultur in festen Gangs und mit selbstgemachten
Regeln betrifft, waren sie damals vielleicht schon politisch. Im Allgemeinen
sind die meisten Glatzen, wenn sie sich nicht gerade zu einer Ideologie
bekennen, damals wie heute ein Spiegelbild des ganz normalen Politikfrustes.
Das heißt leider, dass entsprechend auch bei den «unpolitischen»
oder SHARPs der ganz «normale» Rassismus Teil des Weltbildes
ist.
Die angesprochene Platte heißt übrigens nicht nur so furchtbar,
sondern zeigt auch eine Führungsperson des British Movement Nicky
Crane. Die Legende sagt, es sei ein Fauxpas gewesen.
Infos über Cable Street Beat: Cable Street Beat c/o Netzwerkbureau,
Bogenstr. 1-8, 33330 Gütersloh, Tel. 05241/24483 (www.cable-street-beat.de)
Sampler: CD «Have Fun Fight Fascism» u.a.
|