Riots in Belgrad
Ein Volk hat sich seines «Diktators» entledigt. Wenn
auch Milosevic nicht enthauptet worden ist, so hat der Sturm auf
das Parlamentsgebäude doch dazu geführt, dass der Oppositionskandidat
Kostunica als offizieller Sieger der Wahlen anerkannt wurde. Dass
Milosevic nicht doch noch das Militär eingesetzt hatte, wurde
von der deutschen Öffentlichkeit fast bedauernd zur Kenntnis
genommen, hätte das doch zum vereinsamten «Tyrannen»
besser gepasst. Die Statements von Politik und Medien in der BRD
sagen mehr über das deutsche Geschichtsbild aus als über
die Ereignisse in der Bundesrepublik Jugoslawien.
Vom Volk, das sich befreit hat, von einer verführten und
betrogenen Bevölkerung ist die Rede, die sich endlich gegen
die Diktatur durchsetzen konnte. Das klingt vertraut. Plötzlich
scheint es auch keine Rolle mehr zu spielen, dass in der deutschen
Berichterstattung DIE Serben bisher die Barbaren auf dem Balkan waren.
Die deutsche Politiker bemühen sich nicht einmal darum, ihre
Interessen zu vertuschen. So kündigte, kaum dass sich die Machtverhältnisse
in Jugoslawien geändert hatten, der bayerische Ministerpräsident
Beckstein an, dass jetzt für die restlichen in Deutschland verbliebenen
SerbInnen einer Rückkehr in die Heimat nichts mehr entgegenstünde.
Schließlich brechen jetzt in Jugoslawien die Zeiten von Demokratie
und Freiheit an. Als Garant dafür gilt der neue Präsident,
derselbe Kostunica, der mit dem Slogan: «Serbien zuerst, Demokratie
an zweiter Stelle» in den Wahlkampf gezogen war. Der Kandidat
der Demokratischen Opposition Serbiens war schon immer Antikommunist
und hielt das titoistische Jugoslawien für ein Kunstprodukt.
Was hinsichtlich der Konstruktion von Staaten natürlich richtig
ist, im diesem Kontext jedoch bedeutet, dass verschiedene Völker
eben nicht zusammenleben können und ein Großserbien anzustreben
ist.
Unter Tito gehörte Kostunica zu denjenigen, die aufgrund
ihres Antikommunismus und ihres serbisch-nationalistischen Engagements
ihren Posten an der Universität verloren haben. Jetzt feiert
der Westen Kostunica als Politiker, der sich schon immer gegen die
Obrigkeit aufgelehnt habe. Wie allerdings der neue Präsident
mit denjenigen umgehen wird, die sich gegen seine Obrigkeit auflehnen,
das muss sich erst zeigen. Die AktivistInnen der antinationalistischen,
feministischen Gruppen, die Deserteure und einige kritische Medienleute
galten aufgrund ihres Engagements gegen den Bosnienkrieg als «Feinde
des Vaterlandes». Anti-nationalistische Positonen galten als
Verrat und das werden sie - so steht zu befürchten - auch weiterhin
bleiben. Fest steht, dass diejenigen jugoslawischen AktivistInnen,
die aufgrund der zunehmenden Repression, die nach dem Krieg der Nato
einsetzte, zur Flucht ins Ausland gezwungen wurden, auch von einer
Regierung Kostunica nicht willkommen geheißen werden. Dass politische
Aktivitäten für diese Oppositionellen in Jugoslawien in
Zukunft wieder möglich sein werden, bleibt zumindest zu hoffen.
m.k.
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