Der Widerstand in Italien 1943 - 45
Eine Serie vom Verein zur Förderung alternativer Medien E rlangen
Teil 2
Gegen Faschismus und deutsche Besatzung
Nach der Befreiung auf dem Rathausplatz in Reggio Emilia
Die italienische Resistenza: eine vielschichtige Widerstandsbewegung
Fernando Cavazzini, Deckname ``Toni'', erzählt von den letzten
Tagen des 2. Weltkriegs: ``In den Tagen des 1000-fachen Rückzugs haben
wir die deutschen Ausschilderungen verdreht. Mehrere deutsche Einheiten
landeten so in Gegenden, in denen unsere Sabotagegruppe `Demonio' bereits
alle Brück en und Straßen gesprengt hatte. Etliche deutsche
Soldaten gerieten in Gefan genschaft oder wurden von alliierten Tieffliegern
getötet.''
Zwanzig Monate vorher, ab dem 8. September 1943, marschierten die deutschen
Truppen in Italien ein. Es gelang der Wehrmacht innerhalb von zwei Tagen
den ehemaligen Verbündeten zu besetzen. Aus strategischen Überlegu
ngen heraus errichteten die Deutschen keine Militärregierung, sondern
liessen Mussolini eine faschistische ``Marionettenregierung'' bilden.
Der 8. September gilt aber auch symbolisch als der Tag, an dem Menschen
``in die Berge gingen'', um Widerstand zu leisten. Es entstand, anfänglich
punktuell und unkoordiniert, die ``Resistenza'', die Widerstandsbewegung
der italienischen PartisanInnen - der Partigiani.
Die Motivation, in die Berge zu gehen, war höchst unterschiedlich.
``Es brauchte nicht viel, um aus unserem Dorf einen antifaschistischen
Kno tenpunkt zu machen'', erzählt Donato Pini aus einer 100-Seelen-Gemeinde
im Apennin. ``Es gab Leute aus unseren Familien, die in den 20er Jahren
nach Frankreich emigrieren mussten und antifaschistische Persönlichkeiten
wie den Arzt oder Lehrer.'' ``Aber auch die große Not, die schwierige
Situation des Kri eges hat viele überzeugt, gegen die Faschisten und
die Deutschen zu kämpfen,'' wirft Vittorio Cavalli ein. Im Piemont,
im Nord-Westen Italiens, bildet en aus Frankreich geflohene demobilisierte
Soldaten Partisanen-Einheiten. Junge Männer, die ihren Einberufungsbefehl
für das faschistische Heer erhielten, wählten lieber das ``alternative
Kreiswehrersatzamt'' (Toni) in den Be rgen.
Im Laufe des Herbstes '43 organisierten die antifaschistischen und oppositionellen
Gruppierungen verschiedene PartisanInnen-Einheiten. Die ``Briga te Garibaldini''
standen den Kommunisten, ``Giustizia e Libertà'' den Sozia ldemokraten
nahe. ``Terza Giulia'' war eine katholische Formation. Zusätzlich
gab es die unabhängigen ``autonomen'' Einheiten.
In Verbindung mit den Arbeitskämpfen in den großen Industriestädten
entwickelte sich die ``Resistenza'' zu einer vielschichtigen Widerstandsbewegung.
PartisanInnen aus den Bergen blockierten z.B. bei den grossen Streiks in
Turin im Frühjahr 1944 die Einfallstraßen.
Die Koordinierung der Resistenza mit ihren unterschiedlichen politischen
Ausrichtungen und Aspekten - nationaler Befreiungskampf, Bürgerkrieg
und Klassenkampf - oblag dem CLN, dem bereits am 9. September gegründeten
Komitee zur nationalen Befreiung.
Über die genaue Größe der Resistenza ist wenig bekannt.
Noch im Nachkriegsitalien versuchten die italienischen Faschisten, den
Widerstand als Bandenkrieg abzuwerten. Italienische Historiker gehen von
etwa 150.00 0 bewaffneten Partigiani aus und verweisen darauf, dass man
in einem Bürgerkrieg für einen Menschen ``in den Bergen'' etwa
14 Zivilisten zur Verpflegung und weiteren Unterstützung rechnen muss.
Die 30 Partisanen der Gruppe von Donato Pini überfielen regelmäßig
die Carabinieri-Station im Tal, um sich selber zu bewaffnen, ``aber auch
um es den Carabineri schwerer zu machen, Familien, deren Söhne in
die Berge gegangen waren, zu terrorisieren''. Die Aktionen der PartisanInnen
reichten von kleineren Einzelaktionen bis zu großen mit den Alliierten
koordinierten Angriffen.
Ab dem Frühsommer 1944 gelingt es den PartisanInnen zeitweise,
ganze Gebiete zu befreien: ``Wir haben es geschafft, im Apennin eine 7
Gemeinden umfassende Partisanenrepublik, im Juni `44 auszurufen - die Republik
von Montefiorino. Nach 20 Jahren konnte dort wieder ein Bürgermeister
und ein Gemei nderat gewählt werden. Wir hatten gute Verbindungen
zu den Alliierten und w urden täglich von ihnen versorgt. Wir haben
dann sogar angefangen, eine kleine Landebahn zu bauen'', berichtet Toni.
Die Landebahn und die permanenten Sabotageaktionen der PartisanInn en
auf die Bundesstraße waren es, die ``das Fass zum Überlaufen
bracht en'', sagt Toni. Nach 6 Wochen begannen die Deutschen eine große
Säube rungsaktion gegen die PartisanInnenrepublik von Montefiorino,
die daraufhin zusammenbrach und erst im Winter 1944 reorganisiert werden
konnte.
Italienische SS-Verbände unter deutschem Kommando, aber auch deutsche
SS und Wehrmacht, wurden zur Bekämpfung der ``Banditen'' herangezo
gen. Die italienischen SS-Verbände wurden ab Oktober 1943 aufgestellt.
Sie setzten sich größtenteils aus Freiwilligen und so genannten
Freiwillig en zusammen; letztere waren Arbeitsemigranten, die in den 30ern
Jahren von Deuts chland heiß umworben wurden und seit Ausbruch des
Krieges oftmals in Arbeit slagern interniert waren.
Die Schlagkraft der Resistenza wurde nicht nur von ihrer oft unzur eichenden
Ausrüstung eingeschränkt, sondern auch durch das Vorgehen de
r Deutschen, die von Anfang an die Bevölkerung als Geisel benutzten.
Es gal t die Regel: Für einen erschossenen Deutschen zehn Italiener.
Es gab die An ordnung, bei vermehrter Aktivität der PartisanInnen
in einer Gegend mä nnliche Bewohner festzunehmen und im Falle von
Angriffen oder Aktionen zu erschi eßen.
Bei Beschuss von Truppen aus einem Dorf heraus wurde dieses nieder gebrannt.
Eines der unfreiwillig bekanntesten Dörfer ist in diesem Zusammen
hang Marzabotto in der Nähe von Bologna. Hier wurden im Laufe der
Kampfhand lungen gegen eine garibaldinische PartisanInneneinheit während
sechs Tagen 770 DorfbewohnerInnen erschossen.
Rückblickend ist die Einschätzung der militärischen Bedeutung
der Resistenza unterschiedlich: Giu- glio Nicoletta, Kommandeur einer autonomen
Einheit im Piemont, meint, sie hätten nie die Illusion gehabt, m ilitärisch
gegen die Deutschen etwas ausrichten zu können. ``Es war ni cht ein
Krieg der Zerstörung des Feindes, sondern der Einschüchterung.
'' Leonardo ``Nardo'' Tarantini, Kommandeur garibaldinischer Partisanen,
hingege n wehrt sich gegen die Behauptung, die PartisaInnen hätten
militärisch keine Rolle gespielt. Schließlich hätten sie
zeitweise bis zu 20.000 deutsche Soldaten gebunden und dadurch von der
Front ferngehalten - zur Entlastung der Alliierten. Die großen Städte
Norditaliens (Mailand, Turin, Par ma) wurden im April 1944 auch nicht von
den Alliierten befreit, sondern von den PartisanInnen und dem CLN.
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Verein zur Förderung alternativer Medien Erlangen
Leonardo "Nardi" Tarantini (links) wehrt sich gegen die Behauptung
die Resistencia sei militärisch bedeutungslos gewesen
(Nächste Ausgabe: Frauen der Resistenza und Interview mit `Toni')
Zeittafel:
10.6.40 Italien erklärt Frankreich und Großbr itannien
den Krieg
11.12.41 Deutschland und Italien erklären den USA den Krieg
Jan. 43 Vernichtung der italienischen Armee in Russland
März 43 ArbeiterInnenstreiks in Norditalien
13.5.43 Kapitulation der deutsch-italienischen Truppen in A
frika
9.7.43 Die Alliierten landen in Sizilien
25.7.43 Entmachtung Mussolinis durch den faschistischen Gro
ßrat, die Fortsetzung des Krieges wird durch den neuen faschistischen
Minis terpräsidenten Badoglio bekräftigt
3.9.43 Die Alliierten setzen von Sizilien auf das italienis
che Festland über
3.9.43 Geheimer Waffenstillstand zwischen Italien und den A
lliierten
8.9.43 Die Regierung flieht, da der Waffenstillstand bekann
t wird, bevor die Alliierten Rom erreichen konnten
8.9.43 Deutsche Truppen besetzen daraufhin Nord- und Mittelitalien
9.9.43 Der Comitato di Libe- ra- zi- one Nazionale (CLN) wi
rd von einem breiten Bündnis gegründet
12.9.43 Mussolini wird aus seinem Grand-Hotel-Gefängni
s in den Abruzzen befreit
23.9.43 Mussolini ruft am Garda- see die Repubblica Sociale
Ita- liana, die Republik von Salò, aus
4.6.44 Die Alliierten stoßen nach Rom vor
11.8.44 Aufstand in Florenz, der CLN übernimmt die Mac
ht
27.4.45 PartisanInnen befreien Mailand
28.4.45 Mussolini wird von PartisanInnen in Mailand hingeri
chtet
28.4.45 Befreiung Turins
29.4.45 Die Deutschen kapitulieren in Italien
Partigiani
Gegen Faschismus und deutsche Besatzung.
Der Widerstand in Italien.
Fotoausstellung der Institute für Widerstand und Zeitg eschichte
Modena/Parma/Reggio Emilia
Stadtbücherei Erlangen
26.01. bis 25.02.2001
Veranstaltungen zur Ausstellung:
(alle in der Stadtbücherei, 20 Uhr)
26.01.: Eröffnungsveranstaltung mit Dr. Pisi vom Insti tut
ISTORECO in Parma und als Zeugzeugin Laura "Mirka" Ex-Partisanin und Vorsitz
ende der ANPI in Parma
In der Woche v. 29.1.-4.2.: Veranstaltung mit Marco Comello, Histo riker
aus Cumiana, zum Massaker von Cumiana (siehe letzte Ausgabe)
6.2.: Frauen im Widerstand - mit Liana Novelli Glaab, Histo rikerin
und Romanistin aus Frankfurt
13.2. od. 15.2.: Kriegsverbrechen der Wehrmacht in Italien -
mit Gerhard Schreiber, Historiker und Autor aus Gundelfingen
22.2.: Bedeutung der Resistenza für die italienische Nachk riegsgesellschaft
- mit Dario Azzelini, Journalist aus Berlin
Termin steht noch nicht fest:
Resistenza im Spiegel der Literatur - mit Prof. Titus Heyde nreich
(Institut für Romanistik der Uni)
Außerdem:
Themenbezogene Soundcolage von Stefan Poetzsch, Auss tellungsführungen
Buchausstellung zur Resistenza und eine vierwöchige Filmreihe
in folgenden Kinos: E-Werkkino (Erlangen), Uferpalast (Fürth ) und
vieleicht Filmhauskino Nürnberg).
Weitere Informationen unter:
http://www.partigiani.de |