Kündigungsgrund: Solidarisch und international
Am 16.10. erhielt Josef Lutz, Physiker und Betriebsrat bei
der Nürnberger Firma Semicron, seine außerordentliche Kündigung:
Lutz habe eine Solidaritätsadresse mit den von Entlassung bedrohten
Kollegen der Firma Adtranz in der Südstadt und einen Protestbrief
gegen die Bombardierung Jugoslawiens durch die Nato ins Internet
gestellt. Dies schade den Geschäftsinteressen der Firma Semicron.
Für Josef Lutz sind diese Anschuldigungen schlichtweg
falsch. Die Veröffentlichung der Dokumente habe nicht er, sondern
die Organisation Solidarität International (SI) veranlasst,
auf deren Homepage sie schließlich auch zu finden seien.
Hintergrund scheint ein Konflikt zwischen der Geschäftsleitung
und dem links ausgerichteten Betriebsrat und Vertrauenskörpermitglied
Lutz zu sein, der schon seit Jahren schwelt. Seine Chefs nämlich
verdächtigen ihn der Mitgliedschaft in der MLPD und bei SI.
Massive Bespitzelungsversuche
«Grundsätzlich kein Problem» sei «die politische
Einstellung eines Mitarbeiters» bestätigte zwar der Betriebsratsvorsitzende
Ernst Kuttruf auf Nachfrage der RAUMZEIT.
Aber beschäftigen tut man sich bei Semikron mit dem Problem,
das keines ist, trotzdem.
Auszüge aus dem Verfassungsschutzbericht tauchen plötzlich
am Schwarzen Brett auf. Überschrift: «Semicron gegen Extremismus».
Massive Bespitzelungsversuche durch die Betriebsleitung habe es gegeben,
pikanterweise auch noch mit tatkräftiger Unterstützung
der zuständigen IG Metall-Funktionäre, sagten uns MitarbeiterInnen.
Der zweite IG Metall-Bevollmächtigte Wechsler soll auf einer
Sitzung des Vertrauenskörpers alle Anwesenden ausführlich
über ihre Meinung zum Thema «Linksradikalismus»
befragt haben.Wer denn die fraglichen Gruppierungen (SI und MLPD)
kenne, wollte er wissen. Zuvor hatte sich die VK-Leitung bereits
mit Lutz solidarisiert. Die Kündigung aufgrund politischer Betätigung
war entschlossen zurückgewiesen worden. Doch Wechsler, der behauptete,
eine Kündigung sei gar nicht geplant, diktierte nun förmlich
einen Distanzierungsbeschluss. Diese Spaltungspolitik wirkte, der
Vertrauenskörper ließ sich ins Bockshorn jagen und unterzeichnete.
Immerhin hatte ja der Betriebsrat die Kündigung zunächst
abgelehnt, man wog sich in Sicherheit. Am nächsten Tag jedoch
flatterte Josef Lutz ein Schreiben ins Haus: Semicron kündigt
den Gang vor das Arbeitsgericht an.
Auch von seiner Gewerkschaft gab es Post. Die IG Metall will den
aktiven, kämpferischen Betriebsrat wegen «gewerkschaftsfeindlichem
Verhalten» ausschließen. Auf Nachfrage im DGB-Haus
zitierte ein Metaller aus einem uralten Unvereinbarkeitsbeschluss
mit der MLPD. Auch am Kornmarkt hält man also die Mitgliedschaft
von Lutz in der kleinen Partei für eine ausgemachte Sache. Sind
linke Positionen, die unter anderem auch die Gewerkschaftsfürsten
kritisieren, per se verdächtig?
Sprachrohr Gewerkschaft?
Als Beweis für die subversiven Kontakte des Physikers soll ein
Foto herhalten, das ihn gemeinsam mit Leuten von Solidarität
International bei einer Spendensammlung für die Erdbebenopfer
in der Türkei Ende 99 zeigt. So viel Internationalismus mag
einem global agierenden Konzern freilich zu weit gehen.
Ob die Spekulationen über das Parteibuch des engagierten Betriebsrates
allerdings der einzige Grund für die Entlassung sind, daran
bestehen erhebliche Zweifel. Aufgefallen ist Lutz im Betrieb in jüngster
Zeit nämlich vor allem durch sein solidarisches Verhalten und
seine klare Position in der Auseinandersetzung um ein neues Schichtmodell.
Darüber nämlich soll die Samstags- und Sonntagsarbeit eingeführt
werden, und das gefällt vielen bei SEMICRON nicht. Nun wurde
ein Solidaritätskreis für ihn gegründet, der plant,
die Verhandlung am 15.11. vor dem Arbeitsgericht zu beobachten und
eine Kundgebung in der Sigmundstraße durchzuführen. Ein
breites Spektrum unter dem Motto: «Wer einen von uns angreift,
greift uns alle an». «Für mich ist Josef ein echter
Gewerkschaftler und zeigt, wie Gewerkschaften sein sollten: «Kämpferisch
und auf ArbeiterInnenseite», sagt einer, der selbst Betriebsrat
ist. Einem anderen ist die Meinungsfreiheit und die Möglichkeit,
das Internet für eigene Zwecke zu nutzen, wichtig. Doch in einem
sind sich die UnterstützerInnen einig: «Die Gewerkschaften
wegen solcher Fälle zu verlassen, ist der falsche Weg. Vielmehr
gilt es sie zu stärken und zu dem zu machen, was sie sein sollten
- und das ist kaum das Sprachrohr der Konzernherren!»
Claudia Schuller
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