Kein Kies für die Schmuddelkinder
Ein marktorientiertes Finanzierungsmodell für Kindergärten
und Horte soll den Kinderläden den Geldhahn zudrehn
Auch in der Kindererziehung schlug sich der gesellschaftliche
Aufbruch der 68er nieder. Antiautoritäre Erziehung war das Schlagwort
der aufbegehrenden Studierenden und Schreckgespenst der bürgerlichen
Gesellschaft. «Kinderläden» nannten sich neugegründete,
elternorganisierte Einrichtungen, die versuchten, den autoritär
gestalteten Kindergärten ein Alternativmodell entgegenzusetzen.
Die Jahre vergingen, die 68er fanden zu großen Teilen ihre Heimat
im Establishment und auch die Kinderläden wandelten sich. Die
antiautoritäre Erziehung hat schon lange dem bewussten «Grenzen
setzen» seinen Platz geräumt, doch über Organisation
und Pädagogik der alternativen Einrichtungen bestimmen immer
noch die Eltern. Solange es noch Kinderläden gibt: denn 30 Jahre
nach den «wilden» Anfängen befürchten Eltern
und ErzieherInnen, dass ihnen der Garaus gemacht werden soll.
Christiane Stein ist Vorstand des SOKE e.V., der Dachorganisation
der selbstorganisierten Kindertageseinrichtungen in Nürnberg
und Umgebung. Sie sieht gute Gründe dafür, marktwirtschaftlichen
Konzepten zu trotzen und für den Erhalt der Kinderläden
einzutreten. Ein Appell für eine bessere Pädagogik!
SOKE e.V. erarbeitet gerade ein Qualitätshandbuch für
und mit allen Nürnberger Elterninitiativen. Die wichtigsten
Qualitäten ihrer Einrichtungen sehen die Eltern und ErzieherInnen
in der Selbstorganisation, den Strukturen sowie der sozialen Vernetzung
aller in die Kindertageseinrichtungen eingebundenen Aktiven. Ganz
wichtig ist allen Beteiligten der ganzheitliche pädagogische
Ansatz. Grundsätzlich kann man sagen, Elterninitiativen bauen
Brücken zwischen dem individuellen Sorgerecht der Eltern und
der gesellschaftlichen Verantwortung für die Zukunft der Kinder.
Eltern engagieren sich, um in Eigeninitiative Räume zu schaffen,
in denen sich Kinder aller Altersstufen gemeinsam mit anderen Kindern
und unter Begleitung von Eltern und Fachpersonal auf ihre Rolle als
"eigenverantwortliche und gemeinschaftsfähige Persönlichkeiten"
vorbereiten können.
In Nürnberg gibt es ca. 30 Elterninitiativen, d.h. Kindertageseinrichtungen,
die von Eltern organisiert und eigenverantwortlich betrieben werden.
Dies sind Krabbelstuben (0-3 Jahre), Kinderläden (3-6 Jahre),
Horte (6-12 Jahre) und Netz-für-Kinder-Einrichtungen (2-12 Jahre).
Diese Einrichtungen wurden von Eltern gegründet. Ausschlaggebend
hierfür waren fehlende Plätze und vor allem der Wunsch
nach Mitsprache bei pädagogischen Konzepten und alternativen
Strukturen (Gruppengröße von 15-19 Kindern, Zusammenarbeit
von Eltern und ErzieherInnen, Selbstorganisation). Dies veranlasste
Eltern, viel Zeit, Engagement und Arbeit in eine selbstorganisierte
Kindertagesstätte einzubringen.
Erziehung von der Stange?
In Bayern besteht seit 1999 eine 90 prozentige Vollversorgung
im Kindergartenbereich. Dies betrifft hauptsächlich Vormittagsplätze
- wobei immer noch regionale Ungleichgewichte vorhanden sind. Für
Schulkinder und Kinder unter drei Jahren besteht jedoch immer noch
dringender Bedarf. Aufgrund des Rückgangs der Geburtenrate gibt
es weniger Kinder im Kindergartenalter, d.h. bei gleicher Gruppengröße
würde es bald an manchen Orten ein Überangebot an Kindergartenplätzen
geben. Die Höchstgruppengröße liegt in Bayern bei
25 Kindern. Somit wäre es möglich, durch kleinere Gruppengrößen
eine Entspannung im Kindergartenalltag zu erreichen.
Am 25.02.97 bewilligte das Kabinett einen 3-Stufen-Plan zur konzeptionellen
Weiterentwicklung der Kindertageseinrichtungen. Die bayerische Staatsregierung
plant nun die Einführung eines neuen Modells zur Finanzierung
von Kindergärten und Horten in Bayern. Dazu beauftragte sie
das Institut für soziale und kulturelle Arbeit in Nürnberg
(ISKA), Vorschläge zur Neugestaltung der Förderrichtlinien
unter folgenden Vorgaben auszuarbeiten:
Verzahnung pädagogischer Fachlichkeit mit Marktmechanismen,
Belohnung von Qualität, Entwicklung von Leistungsanreizen
Verwaltungsvereinfachung
Abbau staatlicher Kontrolle
Abbau von Förderungerechtigkeiten
Kostenneutralität
u.a.
Das Ergebnis ist ein marktorientiertes Finanzierungsmodell, welches
seit Juli 2000 in Bayreuth und Landsberg erprobt wird (Infos im Internet
unter www.iska-nürnberg.de/kita-bayern). Bis jetzt wurden die
Personalkosten der Einrichtungen mit Gruppengrößen von
15 bis 25 Kindern zu 40% vom Freistaat Bayern und zu 40% von der
Kommune bezuschusst. 20% der Personalkosten und alle anderen Kosten
tragen die Träger selbst. Das neue Finanzierungsmodell sieht
eine pro Kind Förderung unter Berücksichtigung bestimmter
Gewichtungsfaktoren (Kinder von 0-3 Jahren, ausländische und
behinderte Kinder) und der tatsächlichen Nutzungszeit des Platzes
vor.
Nach dem jetzigen Stand dieses neuen marktorientierten Finanzierungsmodells
hätten die selbstorganisierten Einrichtungen wie Kinderläden
keine Chance zu überleben. Das Fördervolumen wäre
zu gering. Trotz der Auflage für die Einrichtungen, Qualitätssicherung
zu betreiben, werden die vorhandenen Qualitäten in keiner Form
finanziell berücksichtigt und auch nicht überprüft.
Haste mal'n Kind?
Generell gewünscht wird Vollversorgung, Betreuung von Kindern
zwischen 0 und 3 Jahren und Hortkindern in den Kindergärten,
Integration von behinderten und ausländischen Kindern, lange
Öffnungszeiten, wenig Schließzeiten, Elternarbeit...-viele
notwendige Maßnahmen. Die Frage ist nur, ob dies alles kostenneutral,
nur unter dem Aspekt des Rückgangs der Geburtenrate, zur Qualität
werden kann. Jede Einrichtung muss nämlich vor allem darauf
achten, genügend Kinder zu bekommen, um ihre Grundversorgung
sicherzustellen. Quantität und Qualität stehen hier klar
im Widerspruch.
Auch Elterninitiativen, die 16-19 Kinder betreuen, müssten dann
mehr Kinder aufnehmen, um ihre Existenz zu sichern. Sollten sie überhaupt,
aufgrund ihrer räumlichen Voraussetzungen die Möglichkeit
haben mehr Kinder aufzunehmen, werden sie an Qualität verlieren.
Die intensive Elternarbeit und die Pädagogik, die sich stark
auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes bezieht, werden nicht
mehr in der Form zu gewährleisten sein.
Dies wäre das Aus für die Kinderläden und für
alle weiteren selbstorganisierten Kindertageseinrichtungen. Aber
das ist ja kein Problem, es gibt ja bald genügend Plätze
für alle Kinder!! Warum brauchen wir da die Elterninitiativen
noch!? Vielleicht weil Eltern und Kinder sie wollen. Vielleicht weil
Eltern ihre Erziehungsverantwortung auf die Kindertagesstätte
ausweiten wollen. Vielleicht weil ErzieherInnen gerne mit Eltern
zusammenarbeiten und vielleicht weil Eltern, Kinder und ErzieherInnen
sich sehr stark mit ihrer Einrichtung verbunden fühlen und sich
weiter für die Inhalte engagieren wollen.
Elterninitiativen müssen als Teil der Vielfalt an Kindertageseinrichtungen
in Bayern erhalten bleiben. Es kann nicht sein, dass sie nur als
Lückenbüßer betrachtet werden und bei Vollversorgung
von Kindertagesplätzen ausgelöscht werden.
Lasst uns gemeinsam dafür kämpfen!!!
Christiane Stein
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