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...mehr eine befindlichkeitsdiskussion über deutschland
Moshe Zuckermann ist Professor an der Universität in Tel
Aviv. Dieses Interview führten wir Mitte Oktober. Bereits in der raumzeit Nr. 3 veröffentlichten wir einen Kommentar von ihm
zu Israel und der deutschen Linken.
raumzeit: Ariel Sharon ist nach den Terrorangriffen in
den USA davon ausgegangen, dass das Verständnis der USA und
der Europäer für die israelische Politik gegenüber
den Palästinensern zunehmen wird. Nun hat aber der Druck der
USA auf Israel zugenommen. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Zuckermann: Ich glaube, Sharon hat
die Abläufe seit dem 11. September vollkommen falsch eingeschätzt. Die Amerikaner können zur Zeit keine Spannung im Nahen
Osten gebrauchen und die Vorstellung, Sharon könnte gerade jetzt im Nahen Osten durchgreifen wie er es gerne wollen würde, hat
sich so als falsch herausgestellt. Damit erklärt sich u.a. auch sein Ausbruch vor kurzem, als er Bush mit Chamberlain verglich, die
Palästinenser mit den Nazis und Israel mit der Tschechoslowakei.
raumzeit: Die Regierung Bush hat sich ja jetzt in Sachen
Nahost als Vermittler zurückgemeldet. Geht es der USA ihrer
Meinung nach wieder um ein längerfristiges diplomatisches Engagement
oder ist es nur kurzfristig zu sehen mit dem Hintergrund der Terroranschläge?
Zuckermann: Ich glaube, dass sich die
Amerikaner im Moment in einer Vermittlung im Nahen Osten nicht größer engagieren können. Sie sind eben beschäftigt mit
ihrem Krieg in Asien. Die einzige Frage, die sich stellt, ist, ob aus diesem Gesamtzustand etwas für den Nahen Osten herausspringen
könnte, und gar nicht mal aus Gründen, die mit Menschenfreundlichkeit zu tun haben, sondern mit geopolitischen Interessen. Wie
nach dem Golfkrieg vor zehn Jahren. Sie wollen jetzt Ruhe in dieser Region haben, denn sonst sind ihre eigenen Interessen nicht
gewährleistet.
raumzeit: Was genau könnte denn für den Nahen
Osten herausspringen und was sind diese geopolitischen Interessen?
Zuckermann: Was für den Nahen Osten herausspringen könnte, ist ein von außen
aufgezwungener Friedenszustand bzw. ein Abkommen. Und es gibt viele in der israelischen Friedensbewegung, die darauf hoffen, weil sie nicht
mehr daran glauben, dass die Palästinenser und die Israelis noch dazu fähig sind, aus eigener Kraft und aus eigenem Impuls heraus
etwas zu machen. Die geopolitischen Interessen sind ziemlich klar. Amerika hat noch immer Interesse an den Ölvorräten des Nahen
Ostens, also an guten Beziehungen zu Saudi-Arabien und zu den Golfstaaten, darüber hinaus ist eine Beherrschung der Region immer schon
im Interesse der USA gewesen. Das Problem ist nur, dass Amerika sich dabei zwischen Scylla und Charybdis bewegen muss.
raumzeit: Viele Stimmen in Europa und Amerika sehen in
dem Konflikt zwischen Israel und Palästina einen Hauptgrund
für die Zunahme des islamischen Terrorismus auch gegen nicht-israelische
Ziele. Der israelische Friedensaktivist Uri Avneri äußerte
sich im Deutschen Fernsehen ähnlich. Kann man nun mit einer
für beide Seiten einigermaßen zufriedenstellenden Friedenslösung
den islamischen Fundamentalismus bzw. die angespannte Situation
im ganzen Nahen Osten entschärfen?
Zuckermann: Ich glaube
nicht, dass Palästina der einzige Grund für den islamischen Fundamentalismus ist. Natürlich ist der Nahe Osten ein
Zentralproblem der Weltpolitik, weil hier immer wieder Kriege entflammen könnten, die Auswirkungen haben auf die Region und die ganze
Welt. Der islamische Fundamentalismus resultiert aber nicht aus dem Nahost-Konflikt, sondern hat zu tun mit einem Ost-West-Konflikt, nicht
im Sinne des Konfliktes zwischen Kulturen, sondern im Sinne eines sozio-ökonomischen Gefälles in der gesamten Welt. Der
Fundamentalismus erklärt sich eher daher, dass man es nicht mehr schafft, diese Probleme anzupacken, u.a. auch, weil der Kapitalismus
nicht angepackt wird. Der Nahe Osten spielt unter diesem Gesichtspunkt eine zentrale Rolle, weil er ein Unruheherd
ist.
raumzeit: Im Deutschen Fernsehen hat man nach den Terroranschlägen
in den USA Bilder von jubelnden Palästinensern gesehen. Wie
sieht die Lage im Augenblick aus, nach den amerikanischen Angriffen
auf Afghanistan. Sehen sie das genauso oder glauben sie, das waren
nur Minderheiten die man da im Fernsehen gesehen hat?
Zuckermann: Ich bin der Meinung, dass die Palästinenser,
die damals gejubelt haben, nicht charakteristisch waren. Das war eine Minderheit, die vor allem aus dem fundamentalistischen Lager kam. Wir
wissen, dass es zu Auseinandersetzungen gekommen ist zwischen palästinensischen Demonstranten und den palästinensischen
Behörden. Dabei wurden drei Demonstranten von den palästinensischen Behörden getötet. Man muss unterscheiden zwischen
den jubelnden Fundamentalisten, zwischen dem allgemeinen Unbehagen seitens der Palästinenser gegenüber den Amerikanern und der
offiziellen Politik der Palästinenser, die sich im Moment pro-amerikanisch bzw. pro diesem Anti-Terror-Krieg
stellen.
raumzeit: Wie sieht jetzt die Forderung von linken Israelis
an die USA und die israelische Regierung aus?
Zuckermann: Es gibt im Moment in Israel keine ernstzunehmende linke Opposition und von daher kann von Forderungen nicht die
Rede sein. Gewisse Kreise in der israelischen Linken hoffen, dass die Amerikaner aus eigenen Interessen im Nahen Osten intervenieren
werden, in einer Art und Weise, durch die es zu einem Friedensabkommen kommen könnte.
raumzeit: Die Position der deutschen Linken schwankt zwischen
Verständnis für die Terroranschläge in den USA, vor
allem im Spektrum der Anti-Imperialistischen Gruppen und den von
den Anti-Deutschen geforderten Anschlägen auf die islamischen
Zentren. Was halten sie von dieser Diskussion?
Zuckermann: Die Diskussion der deutschen Linken ist meiner
Meinung nach mehr eine Befindlichkeitsdiskussion über Deutschland
als um die Weltlage. Dieses binäre Denken, dass man entweder
dafür oder dagegen ist, geht für mich an der Sache vorbei.
Dass Amerika eine kapitalistische Expansionspolitik in der Welt
betreibt, dürfte ja keine Neuigkeit sein. Dass man sich jetzt
aber von den islamischen Fundamentalisten die große Emanzipation
erhoffen könnte, scheint mir ebenso hahnebüchen. Dass
die Amerikaner heute einen Krieg führen, bei dem der Feind
nicht ausgemacht ist, ist schon wieder eine dritte Sache. Dass es
im Grunde genommen um die Aufteilung der Welt und Beherrschung von
Territorien im hegemonialen Sinne im 21. Jahrhundert geht, darum
geht die eigentliche Diskussion.
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