Monatsrückblick
Hausgemachte Terroristen
An der US-Heimatfront bilden Anthrax-Erreger die aktuelle Bedrohung.
Die Täter sind mit großer Wahrscheinlichkeit nicht internationale,
sondern hausgemachte, nationale Terroristen. Die Fahndung ist
bisher erfolglos, die Option Bomben schmeißen"
fällt hier weg - und deshalb wissen die Sicherheitsexperten
nicht so recht, was tun. Um das Feindbild wieder zurechtzurücken
und die Kriegsbereitschaft aufrechtzuerhalten, schwadronieren
sie beständig über bevorstehende neue Anschläge
des internationalen Terrorismus.
Dank neuer US-Gesetze darf die CIA wieder im Inland ermitteln,
Wohnungen heimlich auf Verdacht durchsuchen. Die Menschenrechte
von AusländerInnen werden noch stärker beschnitten.
Verdächtige können ohne Verfahren unbegrenzt eingesperrt
werden. FBI-Angehörige wünschen sich öffentlich,
die Verdächtigen zu Folterverhören in marokkanische
und ägyptische Gefängnisse auslagern zu können.
Taliban auf Bodenniveau
Während an der Heimatfront alles getan wird, die Werte der
freien Welt zu verteidigen, ist man an der Außenfront Afghanistan
stolz, die uneingeschränkte Lufthoheit zu besitzen. Zu dumm,
dass Mullah Omar und Usama Bin Laden nicht in der Luft herumflattern,
sondern sich auf Bodenniveau bewegen. Und dort besitzen die Taliban
nach wie vor die Hoheit. Und nicht wie geplant die Guten, die
Nord-Allianz.
Was gut ist böse ist gut ist böse
Die USA haben dem Rest der Welt nur zwei Möglichkeiten gelassen:
Unterstützung der USA oder potentielle Kriegsgegner - Gut
oder Böse. Gut oder Böse werden Staaten nicht durch
ihr vergangenes politisches Handeln, sondern durch ihre aktuelle
Haltung gegenüber US-Interessen. So können ganz böse
Taliban-Führer durch Überlaufen ins US-Lager Gute werden.
Im globalen Machtgefüge können Gute durchaus gegeneinander
Krieg führen; der global Gute kann regional der Böse
sein. Indien und Pakistan führen Krieg um Kaschmir oder,
in der neuen offiziellen Lesart: Indien bekämpft den Terrorismus.
Eroberungskriege und ethnische Kriege, Kriege um Gebiete und um
Rohstoffquellen, das gibt es jetzt alles nicht mehr, es gibt nur
noch Anti-Terror-Kriege.
Und die Scharfschützen im Auftrag der israelischen Regierung
ermorden keine PalästinenserInnen, sie machen Terror-Bekämpfung.
Nachdem ein führender israelischer Politiker von einer palästinensischen
Gruppe ermordet wurde, zitiert Friedensfeind Ariel Sharon George
W. Bush: Nichts ist mehr wie früher". Gerne würde
er wie Bush handeln: Krieg gegen Palästina ist sein Politikstil.
Verhindern könnte das nur das Vorbild USA. Global wird Arafat
momentan als Guter benötigt.
Minister Seewi ist nicht der erste führende Politiker Israels,
der ermordet wurde. Doch 1995 war nicht das Opfer, sondern der
Täter ein rechtsradikaler Israeli. Nach dem Tod Rabins blieb
in Israel alles, wie es war. Die Rechtsradikalen in Israel haben
eher noch an Einfluss gewonnen. Das Erschrecken vor der eigenen
Gesellschaft: Weder in den USA noch in Israel ist man dazu fähig.
Die Unfähigkeit von US-Regierung und US-Militärs, das
Scheitern einer Kriegsstrategie zuzugeben, hat vor allem eine
fatale Folge. Sie werden sich weiter an ihrer Lufthoheit ergötzen
und zu Lasten der Zivilbevölkerung weiter bomben. Bush mahnt
sein Volk dann auch: Geduld, es dauert", und Rumsfeld
ergänzt: Jahre, viele Jahre".
Deutsche Leitlinie Krieg
In der deutschen Politik kann nichts mehr gedacht und gemacht
werden ohne die Leitlinie Krieg. Regierungsfähig ist nur,
wer dazu uneingeschränkt steht. Zwingender Schluss: keine
Regierungs-Beteiligung der PDS in Berlin. Um das sicherzustellen,
drohte der Kanzler unverhohlen: Milliarden für den maroden
Landeshaushalt gibt´s nur bei einer Ampelregierung. Welche
Politik bei so einer Ampel herauskommt ist egal.
Zu Otto Schilys Sicherheitspaket gibt es nach einigen Abstrichen
jetzt auch grüne Zustimmung. Das Ergebnis reicht zum Erschrecken.
Zu den bestehenden Sondergesetzen für Nicht-EU-AusländerInnen
kommen weitere hinzu: Abschieben entgegen den Regeln der Genfer
Flüchtlingskonvention, Zugriff von Polizei und Geheimdienst
auf das Ausländerzentralregister, die neue Datenbank zur
Rasterfahndung. Aber alle werden Opfer der Sicherheitsgesetze
werden. Ein Highlight ist die Aufnahme biometrischer Daten in
den Pass. Anders als der Strichcode auf der Stirn ist dies ohne
Zwangstätowierung möglich - der Zweck ist der Gleiche:
Es ermöglicht die Maschinenlesbarkeit des Menschen und eröffnet
in Verbindung mit Videoüberwachung ungeahnte Möglichkeiten.
Die Diskussion hierüber fällt aus. Ebenso wie die über
einen Kriegseinsatz Deutschlands. Der Kanzler stellt ihn nicht
zur Diskussion, er stimmt das Volk drauf ein.
Wolfgang Schlicht
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