Kommentar
Manchem Autonomen und mancher Antifaschistin mag es schon etwas
mulmig zumute gewesen sein. Sich plötzlich Schulter an Schulter
mit den Parteifunktionären aus dem Rathaus zu sehen und die
Polizei gibt sich ganz ungewohnt als Freund und Helfer gegen das
braune Pack.
Ist bei solchen Gelegenheiten das Ritual üblicherweise doch
ganz anders: Da gilt bestenfalls der Gleichheitsgrundsatz für
"Rechts- und Linksextremismus", schlechtestenfalls ist
das Gefahrenpotential von links - vor allem in Bayern - höher.
Der "Aufstand der Anständigen", er findet gewöhnlich
gefahrlos fernab des eigentlichen Geschehens statt. Freilich war
die Gefahr nicht besonders hoch, an diesem 27. Oktober gegen die
NPD zu demonstrieren, denn allzu offensichtlich war der Verlauf
der Ereignisse, die Teilnahme des "Rathausbündnisses"
am Protest vor Ort, im voraus abgesprochen. Die Aktionen der Polizei
wirkten nicht, als sähe sie sich einer überraschenden
Entwicklung gegenüber, und städtische Funktionäre
waren ihrerseits offenbar wohlinformiert, wie die Einsatzleitung
auf die Blockade der Kundgebung am Aufseßplatz reagieren
würde.
Bereits das Zustandekommen dieses bürgerlichen Bündnisses
wird wohl bei Antifagruppen die Frage aufkommen lassen, ob nicht
dahinter das Kalkül steckt, den Protest zu vereinnahmen,
der Linken den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Um es vorwegzunehmen und Missverständnisse zu vermeiden:
Allen einzelnen, die an diesem Samstag den Nazis entgegentraten,
ist Respekt zu zollen. Das Verhalten der Menschen, die bis zum
Abziehen der Nazis auf dem Aufseßplatz blieben, wirkte entschlossen
und überzeugend. Und dennoch ist die Frage nach weiteren
Motiven erlaubt.
Vielleicht findet sich die Antwort in den Ereignissen um den CSU-Parteitag:
3000 Menschen, so viele hatten schon lange nicht mehr in Nürnberg
demonstriert. Die übliche Taktik, einen Teil des Protestpotentials
zu kriminalisieren und von den anderen abzuspalten, war nicht
aufgegangen - im Gegenteil: Außer dem gewohnten Spektrum
der politisch seit Jahren Organisierten waren außerordentlich
viele Jugendliche auf die Straße gegangen. Für bayerische
Verhältnisse ist das schon mehr als ein Hauch von Bewegung.
In dieser Situation zeigte sich, dass das etablierte Parteienspektrum
nicht einmal mehr in der Lage war, auf die eigenen Jugendorganisationen
einzuwirken.
Ein Wunder ist das nicht - Parteien, die einen Krieg unterstützen,
die restriktive Gesetze erlassen und Freiheiten einschränken
möchten, können Jugendliche nicht binden, die sich der
Linken zurechnen. Das "Stoppt Berlusconi" Bündnis
und alle, die seinem Aufruf zur Demonstration folgten, haben vielleicht
tatsächlich ein "Rathausbündnis" erzwungen
- einen politischen Erfolg können sie mit beiden Demonstrationen
in jedem Fall verbuchen. Von einer "Außerparlamentarischen
Opposition", die in dieser Stadt etwas bewirken kann, ist
dies alles vielleicht noch meilenweit entfernt. Doch immerhin
zeigt es, dass möglich wäre, woran Linke schon nicht
mehr glauben wollten.
Michael Liebler
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