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Die Ambivalenz der Erinnerung
| "Ich und meine Freundinnen hatten
einen Wettbewerb, welche den Führer am häufigsten
sah." |
Eckart Dietz-Felbinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter im
"Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände",
im Gespräch mit der raumzeit über das Dokumentationszentrum
und die Erinnerungskultur in Deutschland und Nürnberg
Faszination und Gewalt" diesen Titel trug die bisherige
Ausstellung in der Zeppelintribüne und diesen Titel trägt
auch die neue Ausstellung im Nordflügel der Kongresshalle.
Drei bis vier Kubikmeter maßen die Granitsteine, die Häftlinge
in Konzentrationslager wie Mauthausen oder Flossenbürg für
die Monumentalbauten der Nazis schlagen mussten. "Wir
nannten sie Soldatensteine", erinnert sich ein Häftling
aus Flossenbürg. "Das ging bis zum Schluss so."
In Flossenbürg und seinen Außenlagern kamen 30.000 Häftlinge
ums Leben.
Dietz-Felbinger: "Faszination und Gewalt
sind zwei Seiten der gleichen Medaille man kann sie nicht aufheben.
Das Regime plante vom ersten Tag an, die Welt zu erobern. Die
Inszenierung und Abhaltung der Reichsparteitage, der gigantische
Aufwand der dabei betrieben wurde, sowohl von der Inszenierung
als auch von der Bauadministration her, muss als Stufe zur Vorbereitung
auf den 2. Weltkrieg begriffen werden. Und dann wollte man sich
für das, was man getan hatte, bejubeln lassen - genau hier
in der Kongresshalle, die bis 1950 fertig gestellt werden sollte.
Dies macht den Schwerpunkt der hiesigen Ausstellung aus, es wird
gezeigt, warum Nürnberg ausgewählt worden ist. Wir haben
einen eigenen Raum, in dem der Ablauf einer ganzen Woche Parteitage
nachgezeichnet ist. Die Gewaltseite zeigt aber auch die Baugeschichte,
die wir neu recherchieren konnten. Das Bauen war ohne KZ-Häftlinge
und Kriegsgefangene nicht möglich."
An der Bauplanung waren alle großen Firmen des Reiches und
etliche kleinere Zulieferfirmen beteiligt insgesamt fast 300.
Die SS war sich über die wirtschaftliche und politische Bedeutung
der Bauprojekte im Klaren und gründete eine eigene Baufirma,
die die von den Häftlingen gebrochenen Steine vertrieb. Auf
unsere Nachfrage, ob man bei den Umbauarbeiten zum Dokumentationszentrum
darauf geachtet hätte, jene Privatfirmen nicht zu berücksichtigen,
lacht unser Interviewpartner nur: "Das wäre wohl praktisch
gar nicht gegangen."
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Dokumentantationszentrum am Reichsparteitag
der Nazis

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Die Wahl Nürnbergs als Austragungsort ihrer Parteitage fassten
die Nazis in dem Motto "Von der Stadt der Reichstage zur
Stadt der Reichsparteitage" zusammen. Für ein paar Tage
wurde Nürnberg zum Mittelpunkt "Großdeutschlands
vielleicht sogar der Welt", erinnert sich eine Nürnbergin
"und wir waren stolz, dass wir in dieser schönen Stadt
wohnten." Hitlers Anspruch auf ein paar Jahrhunderte Geschichte
erklärt Nürnberg zur deutschesten aller deutschen Städte.
Ihr blieb nach 1945 das, was von den monumentalen Plänen
der Nazis verwirklicht wurde: Die Alliierten bombadierten das
RPTG nicht, sondern sprengten lediglich das Hakenkreuz, das über
der Zeppelintribüne prangte. Als "ahistorischen Pragmatismus"
bezeichnet Dietz-Filbinger den Umgang der Stadt Nürnberg
mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände. "Das Motto
war anfangs, wir bauen wieder auf.
"Die Idee einer Ausstellung auf dem Gelände entsteht
Ende der 70er Jahre. Es dauert vier Jahre bis zum ersten Mal für
zwei Wochen im Mittelbau der Zeppelintribüne die erste Ton-Bildschau
"Faszination und Gewalt" gezeigt wird. Noch Anfang der
90er Jahre beabsichtigte der damalige OB Schönlein die frühere
SS-Kaserne abreißen zu lassen, einen der größten
Gebäudekomplexe dieser Art. Mitte der 90er Jahre erklärt
der Deutsche Städtetag, dass der Umgang mit dem Gelände
eine Aufgabe von nationaler Bedeutung sei.
Dietz-Felbinger: "Insofern kann man das
RPTG, neben dem Holocaust-Mahnmal, als das Prestigeobjekt in der
Erinnerungs- und Gedenklandschaft der BRD betrachten. Auf Grund
der Wiedervereinigung gab es bei den politischen Eliten den Konsens
negatives Erinnern d.h. die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus
als eine nationale Aufgabe zu begreifen. Das ist völlig neu
und man wird sehen, was dabei heraus kommt. Dabei wird das Erinnern
an diese Zeit ein ganz und gar künstliches werden, weil die
beteiligten Menschen sterben, und die Karten, wie dieser Prozess
aussehen soll, werden jetzt gemischt. Es gab große Konflikte,
so bei der Gestaltung der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, bei
der Diskussion um das Holocaust-Mahnmahl in Berlin. Aber all dies
sind Beschlüsse der politischen Eliten. Ich glaube der Zentralrat
der Juden hat gesagt, sie bräuchten kein Mahnmal, um sich
zu erinnern. Die Beurteilung ist eine andere Frage. Von Seiten
der Politik ist natürlich eine subjektive Interpretation
der Geschichte nicht auszuschließen, dass man sagt Gesamtdeutschland
will sich so und so zeigen und will signalisieren, dass es das
Erbe angenommen hat. Ich denke das sind Motive, die eine Rolle
spielen, aber im Moment ist es zu früh darüber ein Urteil
abzugeben.
Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des 3. Reiches ist,
auch in Nürnberg, geprägt von der Ambivalenz der Erinnerung.
Wir haben auf der einen Seite die Verdrängung durch die Erlebnisgeneration,
von der kaum eine offene Auseinandersetzung zu erwarten ist, und
auf der anderen Seite stehen die Überlebenden, z.B. der VVN,
aber auch andere, und ihr Wille Informationsarbeit zu leisten.
Dieser Prozess der Ambivalenz der Erinnerung ist immer gegeben
gewesen und wird auch nicht vom Tisch sein, wenn das Dokuzentrum
offen sein wird. Ich erwähne hier nur das Stichwort Diehl.
Die Diskussion um seine Ehrenbürgerschaft ist ja nach wie
vor offen, weil das Gutachten nicht bekannt ist. Bildlich sichtbar
wurde dies in der Berichterstattung in den Nürnberger Nachrichten:
auf der gleichen Seite erschienen die Fortschritte des Dokuzentrums
und die Besichtigung durch Eliten, darunter ein Artikel über
den Streit um Diehl."
"Faszination ... " es herrschte "fassungslose
Begeisterung" erzählt einer der Nürnberger
Zeitzeugen. 120 Menschen, die die Parteitage miterlebt haben wurden
interviewt, darunter Handwerker, Techniker, Menschen die eine
Funktion in dieser Maschinerie hatten.
Dietz-Felbinger: "Fast alle haben erzählt,
dass sie damals begeistert und fasziniert waren. Die wenigsten
haben erkannt, dass die Nationalsozialisten einen Krieg vorbereiteten.
Sie glaubten an eine bessere Zukunft. Man muss natürlich
berücksichtigen, dass es eine Diktatur war und keine Informationsgesellschaft.
Aber die Nationalsozialisten haben mit den Parteitagen den Idealismus
und die Gefühlswelt exzellent bedient. Es gab ja nicht nur
die Propagandaveranstaltungen, sondern zusätzlich ein großes
Beiprogramm. Für viele Menschen war es ein Abenteuer nach
Nürnberg zu fahren und einmal aus dem Alltag ausbrechen zu
können. Die Stimmung, das haben wir an den Dokumenten und
durch Privatfilme sehr gut zeigen können, war wirklich heiter
und gelassen. Man kann nicht allein sagen, dass die Menschen verführt
worden sind, sondern es herrschte eine Stimmungslage auf Grund
der Entwicklung des deutschen Nationalismus vor, die dann unter
dem Zeichen des Machtantritts der Nazis in diesen Weg geführt
hat. Insofern ist die Durchführung der Parteitage auch ein
Beispiel für die Manipulation von Menschenmassen mit den
modernsten Mitteln."
raumzeit: Sie würden sagen, dass die Manipulation
ausschlaggebend war?
D.F.: "Nein, das würde ich nicht sagen. Gehen
Sie in den Ausstellungsraum über die Nürnberger Prozesse
und dort können Sie sehen, dass es eben nicht Hitler und
eine kleine Gruppe von Nazi-Funktionären war, sondern dass
alle Eliten der Gesellschaft beteiligt und verantwortlich waren.
Es gab Millionen an Tätern und Mitläufern. Daraus leitet
sich die Frage ab, wie kann sich ein hoch entwickeltes Volk an
dieser Idee beteiligen. Und darüber hinaus ist dies das Beunruhigende,
was man aus der Geschichte des 3. Reiches bis heute spannen kann.
Die hochmoderne Logistik und Organisation, die Struktur der Ausdifferenzierung
der Arbeitsteilung, der Verteilung der Administrationen waren
hoch moderne Angelegenheiten, die man in den heutigen modernen
Gesellschaften wiederfindet. Anders gesagt sind die modernen Gesellschaften
vor neuen Katastrophen, vor neuen Barbareien nicht sicher."
Wie die Karten neu gemischt werden und welche Motivationen hinter
der nationalen Gedenkkultur stehen, wird man in Zukunft an den
Diskussionen um das Dokuzentrum und seine Arbeit sehen können.
Erste Beobachtungen konnte man allerdings schon um die Eröffnung
herum machen. Hatte doch OB Scholz in der Vorabpressekonferenz
die Verdienste in seine Tasche und die seiner Partei stecken wollen:
"Fünf Jahre nach meiner Amtsübernahme ..."
Wahlkampf lässt sich mit allem machen, man würde das
wohl kommunale Funktionalisierung nennen. Die Empörung war
groß, vor allem bei der SPD. Dafür durfte deren früherer
Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel, Kuratoriumskollege von
Scholz, die Ehre der Stadt anlässlich der Eröffnung
gegenüber der Kritik, man wolle die Vergangenheit im Museum
entsorgen, retten: "Aktives demokratisches Freiheitsbewusstsein"
habe Nürnberg bewiesen, als man neulich den Aufmarsch der
Nazis habe scheitern lassen. Bekommt der/diejenige, die das Rathausbündnis
doch noch überredet hat, sich nach der Kundgebung am sicheren
Ort, weit ab von den Nazis, doch noch ihnen zu nähern und
den Kontakt mit den im Vorfeld verteufelten "Chaoten"
zu suchen, bekommt diese Person jetzt eine Ehrentafel im Eingangsbereich
des Dokuzentrums? Aber wer hat eigentlich Hans-Jochen Vogel davon
erzählt?
Auf die Gefahr der Funktionalisierung, jenseits kommunaler Nabelschau,
hat in einem anderen Zusammenhang der Leiter der Gedenkstätte
Buchenwald aufmerksam gemacht: "Gewissermaßen als
Normalitätsausweise", reflektiert Volkhard Knigge,
könnten Gedenkstätten funktionalisiert werden "die
man braucht, weil sie auch in anderen Ländern - wie dem ,Holocaust
Memorial Museum' in Washington oder Yad Vashem in Israel - zur
Normalausstattung einer Demokratie westlichen Typs gehören."
Else König
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