Von der brotlosen Kunst zur Kunst als Brot
GOHO - Die Gostenhofer Atelier-
und Werkstatttage
Lust auf Inspiration, auf knisterndes Schaffen, auf versteckte
Winkel? Lust, in einem völlig biederen Mehrfamilienhaus die
Treppe hoch zu steigen, um plötzlich in einem Atelier mit
Ausblick auf Gostenhofer Hinterhöfe zu stehen?
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"we are stars now in the
dope show"
Installation: Charlotte Forster
(Foto: Charlotte Forster)
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Zum dritten Mal luden die Gostenhofer Atelier- und Werkstatttage,
kurz: GOHO, vom 12. bis zum 21. Oktober ein, den KünstlerInnen
über die Schulter zu schauen, mit ihnen ein Pläuschchen
zu halten, ihre Arbeitsweise kennen zu lernen: Dem Anspruch von
GOHO, Kunst in ihrem gesellschaftlichen Kontext spürbar zu
machen, ist man mehr als gerecht geworden. Denn die erstaunlich
vielfältige Kunstszene ist hier wesentlich enger mit dem
realen Leben verknüpft, als mit dem elitären Gehabe
einer etablierten Kunstszene. So gibt es verschiedene Standpunkte
in der Kunst, wie Rüdiger Kent, Pressesprecher der selbst
organisierten Gostenhofer KünstlerInnen in einem Interview
mit RADIO Z erklärt: Zum einen gäbe es die herrschende
Kunst, die von wenigen Persönlichkeiten bestimmt werde. Diese
entschieden schließlich, was Kunst zu sein habe. Einmal dazu
erklärt, könne sie dann erhoben werden in die hehren
Gefilde renommierter Museen oder wichtiger Galerien.
Also ist es nicht Kunst, in einer führenden Galerie zu hängen,
wie Andy Warhol behauptete?
Mitnichten, so die Gostenhofer Kunstszene, vielmehr verstünde
sie Kunst in einem viel allgemeineren Sinn als das, was jeder
Mensch brauche. Das sei letztendlich ihr wahrer gesellschaftlicher
Wert. Die Kunst sei wie Brot, das jeder Mensch isst, die KünstlerInnen
seien die Bäcker dieses Brotes und diejenigen, die die Kunst
betrachten, folglich die, die es essen.
Es durfte also kräftig geschlemmt werden bei den Atelier-
und Werkstatttagen. Zum einen ganz leibhaftig, wie bei der Kunstkochaktion
Armer Ritter der Tube freie Kunstwerkstätten.
Ein altes Brötchen sollte man mitbringen, das in Milch und
Ei getaucht und ausgebacken wirklich superlecker war. Doch natürlich
auch im übertragenen Sinn: So machte Doris Weller deutlich,
wie sie zwischen den Welten pendelt, mal Nürnberg, mal Nigeria,
mal Südafrika, und wie sie mit ihren Bildern in erdigen Farben
Geschichten erzählt. Ein wichtiger Effekt von GOHO: Einmal
die Künstlerin und den Künstler sehen, wie sie gerade
was machen, wie sie was bearbeiten. So erklärt Ingo Brodeck
den Prozess seiner digitalen Bildbearbeitung - von der Idee zum
Foto zum Werbeprospekt oder zum Bild an der Wand. Schon mal drüber
nachgedacht, dass abgerissene Plakatwände Kunst sind? Oder
durch den Blick des Künstlers dazu werden können?
Die Grundidee der Atelier- und Werkstatttage war es nach Wunsch
der VeranstalterInnen, für die Kunst zu öffnen, die
Betrachtenden zur Kunst hinzuführen. Ein Versuch, der Kunst
den lästigen elitären Touch zu nehmen? Tatsächlich
stellen sich Lieselotte und Hubert unter Atelier ja möglicherweise
einen großen Raum vor, wo so etwas wie der künstlerische
Geist weht. Unter Werkstatt wiederum versteht man eher was Nüchternes.
Doch beides - das zeigt GOHO - ist miteinander verbunden. Die
Werkstatt der Bildhauerin Claudia Endres nicht im ersten, sondern
im zweiten Hinterhaus an der Kanalstraße, zieht genauso durch
die wie zufällig im Hof liegenden Figuren und Köpfe
in den Bann wie durch die schweren Maschinen und den Staub im
Inneren ihrer Werkstatt, wo sie ihre großformatigen Granitobjekte
bearbeitet.

Ralf Reinhardt: "Franziska" |
Der Versuch, die Kunst zu öffnen für diejenigen, die
möglicherweise sonst wenig mit Kunst zu tun haben, ist real
zu verstehen. Es waren gut 40 Ateliers, die ihre Türen für
BesucherInnen öffneten. Da die Kunstschaffenden selbst anwesend
waren und es auch geführte Touren durch die Kunsthallen
gab, wurden viele Hemmschwellen überwunden. So war der Kohlenhof
Kunstverein an der Fürther Straße eine aufregende Entdeckung,
denn hier sieht das Atelier tatsächlich so aus, wie es sich
Lieselotte und Hubert (und die Autorin dieses Beitrages) vorstellen:
Eine helle Fabriketage, in der der unaufgeräumte Frühstückstisch
allein schon Kunst ist und inspirierend wirkt, der Video mit U-Bahn-Sequenzen
im Badezimmer läuft und das Zimmer der Prinzessin auf der
Erbse zu bewundern ist. Bei Livemusik und Barbetrieb am Abend
lässt sich dann ein bisschen von der Künstler-Bohéme
erschnuppern.
Gostenhof als das Mekka der KünstlerInnen - tatsächlich
habe sich der Stadtteil mittlerweile vom Glasscherbenviertel
zum beliebten Wohnort mit einer ausgezeichneten kulturellen Infrastruktur
gewandelt. Gentrifizierung durch Kunst? Hat GOHO auch einen politischen
Anspruch? Es versteht sich als ein multikulturelles Gesamtkunstwerk,
an dem selbstverständlich nicht-deutsche KünstlerInnen
beteiligt sind, wie zum Beispiel der kurdische Künstler Ismail
Atmali, der seine Kunst als Weg sieht, sein Dasein als Emigrant
zu bewältigen.
So viele KünstlerInnen zu organisieren und unter einen Hut
zu bekommen, bedarf einer langen Vorlaufphase: Ausgegangen von
einer Handvoll KünstlerInnen, die sich in der Kneipe trafen
und die Idee ins Leben riefen, entstand ein Schneeballsystem,
das heute Früchte trägt: Neben den beteiligten Ateliers
sind es zahlreiche weitere Orte, wie Kneipen, Kirchen, und Betriebe,
die Kunst zeigen.
Nicht zuletzt wurden zehn Tage lang im Kulturdach,
der Galerie unter dem Dach des Nachbarschaftshauses Gostenhof,
die Arbeiten aller an GOHO beteiligten KünstlerInnen gezeigt.
Das Gesamtkunstwerk GOHO konnte hier noch einmal im
Detail wahrgenommen, viele auf der Atelierführung gewonnene
Eindrücke wieder entdeckt und vertieft werden: Das Schloss
für den Schlüssel zur Kunst, wie ihn die VeranstalterInnen
mit GOHO an die Hand geben wollten, ist tatsächlich geöffnet
worden. Eine wunderbare Idee!
Nadja Bennewitz
Der Katalog zu GOHO ist für 10.-DM im Nachbarschaftshaus
Gostenhof, unter T. 0911-267575 zu haben.
Skulpturenufer an der Pegnitz
Am besten vom Westbad/Lederersteg anfangen und stadtauswärts
laufen
13.10.-18.11.2001
Ausstellung Traumbilder mit Werken von Veronika
Vaskovics
Gaststätte Frankenland, Austr. 55
Okt.- November 2001
Ausstellung mit Bildern und Holzskulpturen des kubanischen
Künstlers Berto Otilio Hernandez
Atelier 17, Bärenschanzstr. 17, T. 2727977
17.10.-27.11.2001
Ausstellung Erinnerungen an Tumarestan mit Werken
von Dagmar Peyne
Friseur Toupet or not Toupet, Obere Kanalstr. 11a, T. 265881
19.10.-14.12.2001
Ausstellung Kunstbrücke Ost-West-Nord-Süd
mit Bildern und Lichtinstallationen von Karsten Reckziegel,
Bernd de Payrebrune, Ali Zibi, Rita Kriege
Orient Express, Imbiss, Kernstr. 5, T. 2875565
20.10.-Ende Dezember 2001
Gruppenausstellung Syrtaki mit Objekten, Fotos,
Fadenzeichnungen, Faxen, Skizzen junger Kunstschaffender
Planungskneipe, Kernstr. 29, T. 266839
21.10.-21.12.2001
Ausstellung Buchbilder mit künstlerisch gestalteten
Bucheinbänden von Annette Schubert
HandBuch, Atelier für Papiergestaltung, Bleichstr. 18
Rgb., T. 261356
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