Wie Bilder morden helfen
Über die Ausstellung: "Abgestempelt, judenfeindliche
Postkarten" im Museum für Kommunikation, Nürnberg
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Wer den Weg durch die Räume des DB-Verkehrsmuseums ins
Kommunikationsmuseum gefunden und einen weiteren Treppenaufgang
erklommen hat, befindet sich in der Ausstellung "Abgestempelt",
einer Dokumentation, um nicht zu sagen einem Gruselkabinett der
Judenfeindschaft während des Wilhelminischen Reiches und
der Weimarer Republik.
Sehr weise war die Entscheidung der Ausstellungsverantwortlichen
die Macht der Bilder nicht zu unterschätzen und sowohl auf
dem Katalogumschlag, als auch in der Außenwerbung darauf
zu verzichten Illustrationen aus der Ausstellung selbst zu verwenden.
Als Plakat-Motiv wurde stattdessen ein Fenster gewählt. Postkarten
sind einerseits Einblicke in den privaten Bereich. Andererseits
können sie als weitverbreitetes Massenmedium der Trivialkultur
ein Ausblick in die jeweilige Zeit sein.
Antisemitische Motive sind natürlich nur ein Teil der Postkartenproduktion
jener Zeit, aber die Vielzahl der Exponate, die der Berliner Sammler
Wolfgang Haney zusammengetragen hat, zeigen doch, dass der Antisemitismus
zum Alltag des Kaiserreichs gehörte.
In den karikaturhaften Darstellungen tritt die Aggressivität
des Antisemitismus oft sehr deutlich zu Tage, manches mal versucht
sie sich hinter einem humorigen Anstrich zu verbergen.
Das Hauptaugenmerk der Ausstellung liegt auf der Postkarte als
Propaganda-Mittel des Antisemitismus. Dieses verliert mit dem
Aufkommen anderer Medien wie Rundfunk und den inszenierten Aufmärschen
und den publikumswirksamen Themenausstellungen der Nationalsozialisten
an Bedeutung. Darum ist die Zeit vor und nach der sogenannten
"Machtergreifung" mit nur wenigen Karten und einigen
anderen postalischen Exponaten dargestellt. Dieses Ungleichgewicht
kann man kritisieren, da die Ausstellungsbesucher/innen zwar die
Auswirkungen des deutschen Antisemitismus, nämlich den industriell
organisierten Massenmord an Juden und Jüdinnen und die Vernichtung
der jüdischen Kultur in Europa als Hintergrundwissen mitbringen;
in der Ausstellung wird aber nur am Rande auf die faschistische
Verfolgung der Juden eingegangen. Andererseits arbeitet die Ausstellung
gegen die verbreitete Vorstellung, dass erst durch die Machtergreifung
der Nazis antisemitische Ideologien in weite Bevölkerungsschichten
getragen wurden.
Zu den Stationen der Ausstellung:
Nach einer kurzen Geschichte der Postkarte, die in Deutschland
1870 zeitgleich zur Feldpostkarte (Deutsch-Französischer
Krieg 1870/71) eingeführt wurde und die als Urlaubsgruß
bald sehr beliebt war, wird mit einigen Exponaten auf die Geschichte
der Judenfeindschaft eingegangen.
Aus dem kirchlichen Antijudaismus, der in Predigten, aber auch
schon in kirchlichen Kunstwerken Ausdruck fand und der den Gläubigen
durch die Jahrhunderte präsent blieb, wurde im Laufe des
19 Jahrhunderts ein Antisemitismus, der sich wissenschaftlich
gab und auf der rassistischen Annahme fußt, dass Menschenrassen
mit unveränderlichen körperlichen und charakterlichen
Eigenschaften existieren.
Nach dieser Einführung werden die Postkarten in Themenkreisen
bestimmter antisemitische Klischees, die Juden als Börsianer,
als Hausierer, als "Ostjuden", die "Wehruntauglichkeit"
der Juden, "judentypische" Namen und ihre Diskreditierung
etc. präsentiert. Eine Abteilung ist der Verbindung von Antisemitismus
und Sexismus gewidmet. So wurden z.B. antisemitische Klischees
benutzt, um die aufkommende Frauenrechtsbewegung in Misskredit
zu bringen und umgekehrt. Jüdinnen wurden als Mannweiber
karikiert.
An zwei Beispielen ist jedoch aufgezeigt, dass es nicht nur bei
den beleidigenden Postkarten blieb. Sowohl die Ferieninsel Borkum,
als auch das Hotel "Kölnerhof" in Frankfurt/Main
warben schon im Kaiserreich damit "judenfrei" zu sein.
Hier trainierten die Antisemiten, was dann im NS-Staat flächendeckende
Politik werden sollte. Deutlich wird ein direkter Zusammenhang
zwischen den antisemitischen Postkarten, die zu Werbezwecken aufgelegt
wurden und der konkreten (auch mit körperlicher Gewalt ausgeführten)
Ausgrenzung.
In der Zeit nach dem 1. Weltkrieg verbindet die völkische
Propaganda die Dolchstoßlegende mit antisemitischen Weltverschwörungstheorien
und tritt immer offener und offensiver auf.
Auf die Fortsetzung der antisemitische Propaganda mit Karikaturen
und Hetztiraden im Blatt "der Stürmer" des "Frankenführers"
Julius Streicher wird in der Ausstellung nur mit einem Exponat
hingewiesen. Ein anderes Beispiel mit lokalem Bezug ist eine Bildpostkarte,
die das Pegnitzufer an der Insel Schütt zeigt. Dort wo man
die Kuppel der jüdischen Synagoge zwischen den Fachwerkgiebeln
sehen müsste, prangt ein hämischer Aufkleber des Stürmers.
In Nürnberg war das Gotteshaus nämlich schon vor der
Reichspogromnacht im Juli 1938 zerstört worden.
Leider fehlen in der Ausstellung sowohl Zeugnisse des Antisemitismus
als gesamteuropäisches Phänomen, als auch eine Dokumentation
antisemitischer Klischees über den Zusammenbruch der NS-Diktatur
hinaus (hierzu findet man Material im lesenswerten Katalog). Als
ein aktuelles Beispiel der Wiederkehr der immer gleichen Klischees
und der Aggressivität des Antisemitismus kann vielleicht
das Plattencover der Nazi-Band Landser: "Ran an den Feind",
ersch. 2001 dienen, für das auch in Nürnberger Nazi-Fanzines
kräftig Werbung gemacht wurde.
"Abgestempelt": 18. Oktober 10. Februar
Museum für Kommunikation, Lessingstr. 6 (im Verkehrmuseum!),
Nürnberg
Öffnungszeiten: Di. So. 9-17.00 Uhr
Führungen meist So. 14.00 Uhr
Katalog: 39 DM
Ebenfalls sehenswert:
"Die Welt der jüdischen Postkarte"
Jüdisches Museum Franken, Königstr. 89, Fürth
ini
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