Schönes Wetter - viele Filme
35. Internationale Hofer Filmtage 2001
Wie schon die Jahre zuvor begann mein Besuch der Hofer Filmtage
mit einer Zugfahrt durch herbstlich-bunte Wälder in das herbstlich-graue
Hof wobei es dieses Jahr erstaunlich wenig geregnet hat. Abgesehen
von dem schönen Wetter gab es für mich diesmal leider
keinen 'Festivalhit' - aber einige beeindruckende Filme waren
doch dabei.
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Dazu gehört Annas Sommer (Regie: Jeanine Meerapfel).
Anna Kastelano (großartig gespielt von Angela Molina) denkt
daran das Haus ihrer sephardisch-jüdischen Familie zu verkaufen
und öffnet die 'eiserne Truhe', in der die Vergangenheit
der Familie in Form von Dokumenten und Andenken aufbewahrt werden.
Die Geister und Erinnerungen steigen hervor und begleiten Anna
durch den Sommer auf der griechischen Insel, in dem sie sich an
ihre Eltern und Großeltern und ihren verstorbenen Mann erinnert,
mit ihrer Jugendfreundin kocht, den wesentlich jüngeren Nikola
kennen lernt und eine Beziehung beginnt. Trauer und Neuanfang,
Lebenslust und Tod werden in diesem Film mit einer Ruhe und Langsamkeit
in Bilder gesetzt, die in der heutigen Zeit fast mutig zu nennen
ist.
Ebenfalls angetan war ich von Jump Tomorrow, dem ersten
Spielfilm von Joel Hopkins. George, der in drei Tagen heiraten
soll, trifft zufällig auf Alicia, die ihn auf Anhieb bezaubert,
und kurz darauf auf den etwas überspannten, liebeskranken
Gerard, der ihn dazu bringt, seiner Faszination nachzugehen -
oder besser zu fahren. Die Reise bedeutet Veränderung und
führt am Ende zur Befreiung. Eine glänzende Leistung
von Tunde Adebimpe, der dem Charakter des George eine zurückhaltende
Weltfremdheit zu geben versteht, ohne jemals lächerlich zu
wirken.
Science Fiction und Raketenfilme
Auch wenn die Filmtagen erklärtermaßen "kein Motto-Festival"
(Filmtage-Leiter Heinz Badewitz) sind, lassen sich doch Themenblöcke
zusammenstellen (wobei die Logik hier eine sehr persönliche
sein kann...)
Von Rotwang Film kommt der intelligente, ironische (und mit Filmzitaten
gespickte) Science Fiction Planet der Kannibalen, gedreht
in Schwarz-Weiß (laut Regisseur ist Klaus Peter Weber einer
der wenigen Kameraleute, die diese Fotografie noch verstehen).
Im Jahre 2020 liegt Deutschland wirtschaftlich am Boden, die Arbeitslosenzahlen
schwanken zwischen 50%, sinkend (offizielle Angaben) und 70%,
steigend (Zahlen aus dem Untergrund). Zwischen den beiden verbliebenen
Medienkonzernen veranstaltet die Regierung einen unbarmherzigen
Verdrängungs'krieg'. Emma Trost, Direktorin für Trendmanagement,
soll ihrem Konzern das Überleben sichern, indem sie angeblich
in der Stadt lebende Aliens ausfindig macht. Doch bevor sie nähere
Informationen erhält, gerät sie unter Mordverdacht.
Geheimpolizei, Medienmanipulation, Reality-TV-Spielshows ("mit
echten Toten") und eine Widerstandsgruppe im geschlossenen
"Museum für den Frieden" - in seiner Einleitung
zum Film sprach der Regisseur Hans-Christoph Blumenberg von seinem
eigenen Erstaunen, wie nah die reale Diskussion um die innere
Sicherheit diesem Science Fiction doch gekommen sei.
Nicht ganz unpassend war der zuvor gezeigte Kurzfilm Space-Zoo,
die bayerische Antwort auf Star Trek, in dem zwei Astronauten
der Forschungsstation Stoiber als Aliens in einen
intergalaktischen Zoo landen, bevor ihnen die Rückkehr nach
Oberbayern gelingt.
Weniger Science Fiction aber sowohl phantastisch als auch kritisch
ist Olaf Kaisers Film Drei Stern Rot: Der Schauspieler
Christian Blank verliert bei Dreharbeiten an einem 'innerdeutschen
Grenzfilm' die Nerven und greift den Hauptdarsteller an, weil
er ihn für Major Nattenklinger hält. In der Psychiatrie
erzählt er der Ärztin Dr. Wehmann sein Motiv, das weniger
in einem bestimmten Gesellschaftssystem begründet liegt als
in der Hilflosigkeit gegenüber opportunistischen Mitmenschen.
Obwohl er ihn bereits mehrfach umgebracht hat, wird Blank von
Nattenklinger - Volkspolizist, Lehrer, Ausbilder und Major der
DDR-Grenztruppe - verfolgt. Wie der Igel im Märchen ist Nattenklinger
immer schon da, wenn Blank glaubt, endlich Ruhe gefunden zu haben.
'3 Stern Rot' hieß die Leuchtrakete, mit der DDR-Grenzposten
den gleichnamigen Alarm wegen Fluchtversuch ausgelöst haben
- eine Flucht vor Wendehälsen scheint allerdings weniger
Erfolg zu versprechen als die Überquerung der Mauer.
Eine ganz andere Rakete startete am 3. Oktober 1942 in Peenemünde
- die erste Rakete ins Weltall. Was die Deutschen nicht wussten,
sie hatten damit Bianca, den Geist der Rakete ins Leben gerufen.
Auf Biancas Spuren entfaltet Prüfstand 7 eine Kulturgeschichte
der Rakete, von Peenemünde bis zum Space Park Bremen; vom
Superphallus zur Maschinenbraut, von den Stollen des Konzentrationslagers
Dora bis zum UFA-Film, von Ruth Kraft ('Insel ohne Leuchtfeuer')
bis Thomas Pynchon, der erstmals eine Teil-Verfilmung seines Romans
'Die Enden der Parabel' erlaubte.
Spielfilm - Dokumentation - Spielfilm - Dokumentation
Über 10 Jahre besuchte der Fotojournalist Alberto Venzago
für Mounted by the Gods regelmäßig ein Vodoo-Kloster
im Benin, verfolgte die Suche des Oberpriesters Mahounon nach
einem Nachfolger, die Ausbildung und schließliche Anerkennung
Gounons als neues Oberhaupt des Klosters. Bei der Montage wurde
dem dokumentarischen Filmmaterial eine essayistische Struktur
unterlegt. Auch in seiner Ästhetik gibt der Film nicht vor,
'Wirklichkeit' abzubilden: das verwendete Farbfilm-Material wurde
in der Nachbearbeitung schwarz-weiß 'entsättigt', um
Farbe anschließend sporadisch und gezielt einzusetzen.
Ein manipuliertes Erlebnis dokumentiert auch Florian Fickel, der
für Blind in Manhattan zwei junge Frauen miteinander
konfrontiert. Maren Boßmeyer ist vor einigen Jahren erblindet
und reist zum ersten Mal nach New York, wo sie auf Kordula trifft
und die beiden Manhattan erkunden.
Ebenfalls sehenswert ist das Portrait dreier Putzfrauen in Der
Glanz von Berlin, die in ganz unterschiedlichen Milieus leben
und arbeiten, die nicht nur von ihren Motivationen und Einstellungen
zum Putzen erzählen sondern auch von ihrem Leben, ihren Träumen
und Enttäuschungen.
Ein dokumentarischer Kurzfilm berichtet von den hitzigen Debatten,
die Das Konzert der Wiener Philharmoniker am 7. Mai 2000
im Vorfeld hervorgerufen hatte. Der österreichische Staatsbürger
Leon Zelman, selbst Überlebender des Holocaust, organisierte
diese Konzert, eine Aufführung Beethovens Neunter Sinfonie
(die auch die Ode an die Freude beinhaltet) - im Konzentrationslager
Mauthausen. Während Zelman, der Dirigent Simon Rattle und
viele andere auf eine Aussöhnung durch die 'heilende Wirkung'
der Musik hofften, hielten andere den Ort für völlig
ungeeignet und etliche der Überlebenden boykottierten die
Veranstaltung.
Kurzfilme ins Kino!
Ich bedauere es immer wieder, dass in den normalen Kinoprogrammen
keine Kurzfilme mehr zu sehen sind, einige sehr sehenswerte liefen
in Hof. Boy Meets Girls gehörte allerdings nicht dazu
- der Film ist genauso einfallslos wie sein Titel. Anders dagegen
Alles für den Hund von Birgit Lehmann, die
das 'Genre' Kurzfilm zu ihrer Passion erklärte. Der Film
könnte auch der 'Kreislauf des Geldes' heißen - drei
Menschen kommen nacheinander zu viel Geld und verlieren es genauso
schnell wieder - wäre da nicht der Hund der Leierkastenfrau...
'Zauber'haft geht es zu in Happy Halloween (eine Autowaschstraße
wird zur Geisterbahn), Santa (ein Kleinstadtbahnhof wird
zur Weihnachtskrippe) und Hubert's Brain (ein kleines Genie
wird zum Supergenie - auch wenn es am Ende einige Verwechslungen
von Gehirnen gibt) und ein wenig auch in Zwei im Frack. Marching
Gaily ist dagegen eher als Realsatire zu bezeichnen:
Als 1999 die Regenbogen-Parade der Lesben und Schwulen mit der
Polizeiparade zusammenfiel wurde eine 'wienerische' Lösung
gefunden: die Lesben und Schwulen marschierten im, die Polizisten
gegen den Uhrzeigersinn.
Denk ich an Deutschland
Etwas enttäuscht war ich vom diesjährigen Schwerpunkt,
der die sonst übliche Retrospektive ersetzte. Eigentlich
eine gute Idee, renommierte Regisseure (!) einen Film über
'ihr' Land drehen zu lassen. Die Durchführung hat mich allerdings
nicht überzeugt. Das Programm entstand im Auftrag von WDR
und BR, die Filme laufen seit November in diesen Fernsehprogrammen
und wurden mit digitaler Technik gedreht und projiziert. Das erzeugt
im Kino das Gefühl, vor einem überdimensionierten Fernseher
zu sitzen. Insbesondere einfarbig helle Flächen wirken pixelig.
Allerdings erhalten leinwandfüllende, nahe (Portrait-) Aufnahmen
einen interessanten Fotoeffekt. Nun sind das auch Bilder, die
für den TV-Monitor und nicht für eine Kinoleinwand aufgenommen
wurden und ich frage mich, was diese Filme dann auf einem renommierten
Filmfestival zu suchen haben. Außerdem, warum wurden keine
Filme von Regisseurinnen gezeigt haben BR und WDR wirklich nur
Männer um filmische Auseinandersetzungen mit Deutschland
gebeten? Und von den 5 gezeigten Filmen hat mir nur Wir haben
vergessen zurückzukehren (ARD 28.11., 23.45) von Fatih
Akin wirklich gut gefallen. Durchaus ansehbar ist Ein Fremder
von Peter Lilienthal und auch Adeus und Goodbye (Peter
Patzak), wohingegen mich Leander Haußmanns Die Durchmacher
und Die Leopoldstraße kills me (Klaus Lemke) ziemlich
gelangweilt haben.
Von den netten aber belanglosen Filmen wie High Heels oder
Mein Bruder der Vampir, die sowieso in die Kinos kommen
werden, werde ich hier nicht berichten; auch nicht von all den
langweiligen Filmen junger Männern (und solcher, die sich
immer noch dafür halten) über junge Männer und
ihre Probleme (oder das, was die Regisseure dafür halten).
Da sei doch lieber erwähnt, dass der Filmpreis der Stadt
Hof dieses Jahr an Hans-Christian Schmid ging (Nach 5 im Urwald,
23, Crazy) und - für alle, die in Erlangen
Theater- und Medienwissenschaften studiert haben: Frank D. Müller
stellte in Hof seinen zweiten Kurzfilm Sängerknaben
vor. Angeblich habe er bei seinem ersten Besuch der Filmtage vor
10 Jahren geschworen, einmal mit einem eigenen Film hier vertreten
zu sein - herzlichen Glückwunsch zum erreichten Ziel! (Übrigens
von Nürnberg/Fürth/Erlangen bis Hof ist es gar nicht
so weit.)
Jule Seipel
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