Tanz dem Berlusconi
Eine Nachbetrachtung - Demonstrationen gegen CSU und NPD in
Nürnberg
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Eine Polizeikamera wachte auf dem
Dach des CSU- Parteitagsgebäudes
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Als "breites Bündnis" sahen sich die über
50 Gruppierungen, die gegen den CSU-Parteitag und den geplanten
Berlusconibesuch in Nürnberg mobilisierten. Ein "einseitiges
Spektrum", urteilte die Kreisvorsitzende der Grünen
Christine Seer im Interview mit Radio Z. Auch die Teilnahme von
fünf grünen Jugend- und Parteiorganisationen, der DGB-Jugend
Weißenburg oder die Unterstützung durch Friedens- und
Menschenrechtsgruppen konnte sie nicht über das Fehlen der
Kirchen und Gewerkschaften hinwegtrösten.
Dass das Bündnis "Stoppt Berlusconi" zu den Seinen
so wenig bekannte politische Initiativen zählt, wie die "KlosterfreundInnen",
den "Linxwinkligen Kreis" oder gar eine ganze
"Pension Ost", mag einer braven Kommunalpolitikerin
spanisch vorkommen. Der eigentliche Grund für die grüne
Zurückhaltung, die sich kurz vor dem Parteitagswochenende
in deutliche Distanz wandelte, war allerdings, wie Seer selbst
einräumt, ein Bürgerkriegsszenario, das der bayerische
Innenminister an die Wand gemalt hatte.
In einem Interview, in dem Beckstein über die bayerischen
Anstrengungen in Punkto "Fahndung nach islamistischen
Terroristen" referierte, berichtete er gleichzeitig von
Waffenlagern gewaltbereiter DemonstrantInnen, die Rache für
Genua geschworen hätten.
Mochte er damit die Nürnberger Grünen immerhin zu der
Einschätzung bewegt haben, es habe "ernstzunehmende
Hinweise auf Ausschreitungen" gegeben (Christine Seer),
die Mobilisierung behinderte er damit offenbar nicht. Nach einer
symbolischen Blockadeaktion am Freitag Abend, an der mehrere Hundert
Menschen teilnahmen, gingen am Samstag Nachmittag - trotz der
Absage des italienischen Regierungschefs - 3000 Menschen auf die
Straße.
Von "Milchgesichtern" und dem "Schwarzen Block"
Viele hatten offenbar die Ereignisse der vorangegangenen Wochen
darin bestärkt ihren Protest laut zu machen: "Ich demonstriere
gegen den Krieg", sagte uns eine Frau, auch prägten
Transparente und Parolen gegen die geplanten "Sicherheitspakete"
der Bundesregierung und gegen das Einschwenken auf eine restriktive
Einwanderungspolitik das Bild. Klar einzuordnen war ein Block
von ca. 800 Autonomen, zahlreiche Menschen aus dem sozialistischen
und kommunistischen Spektrum waren gekommen, die Grüne Jugend,
Jusos, Falken und linke studentische Gruppen zogen vier Stunden
lang durch die Stadt.
Viele hatten vielleicht schon seit Jahren nicht mehr an einer
Demonstration teilgenommen - für nicht wenige junge Leute
war es möglicherweise der erste Straßenprotest: Zwei
Kollegen bürgerlicher Medien mokierten sich anderntags über
die vielen "Milchgesichter".
Vielleicht mochte die Nürnberger Polizeiführung selbst
nicht an die Waffenfunde ihres Dienstherren glauben - sie setzte
während der Demonstration eher auf Zurückhaltung. Nur
einmal kam es zu ernsthaften Spannungen: Weil die Polizei den
"Schwarzen Block" wie üblich ins Spalier nahm,
widersetzten sich die Demonstrierenden. Zu besonderen körperlichen
Auseinandersetzungen kam es allerdings auch hier nicht.
Umso mehr probten die BeamtInnen im Umfeld von Parteitag und
Demonstration, was im Gefolge des 11. September an "Sicherheitsmaßnahmen"
nach Ansicht maßgeblicher PolitikerInnen alles hingenommen
werden muss. Selbst Polizeisprecher konnten die Zahl der Einsatzkräfte
nicht benennen: Zwischen 1000 und 1000en Uniformierten machten
vor dem Parteitagsgelände und über die ganze Stadt verteilt
Dienst. In Gostenhof wurden verdächtig dunkel gekleideten
Menschen die Taschen geleert, am Plärrer mussten EinkäuferInnen
Polizeispaliere passieren. Ein politisch aktiver Nürnberger
ärgerte sich über stundenlange Verfolgung durch Zivilbeamte,
einige mussten sich mit Polaroidkameras fotografieren lassen.
Eine Kamera, die im Dauerbetrieb die "Schwarzen Katze"
filmte, in der Pennplätze verteilt wurden, drehte nicht etwa
einen Dokumentarfilm mit Überlänge, sondern für
die Archive der Polizei.
K4 kurzerhand geschlossen
Auch die städtischen Behörden ließen sich in ihren
Entscheidungen von einem Bedrohungsszenario leiten. Die Schließung
des Kulturzentrums K4, das, so die Stadt, für die Szene einen
"hohen Symbolcharakter" habe, sorgte bei MitarbeiterInnen
für Ärger. Schließlich hätte dort nicht nur
eine "Tanz den Berlusconi aus der Stadt"-Party, sondern
auch das renommierte "Hauskunstfest" mit hohem organisatorischen
Aufwand stattfinden sollen. Nicht nur, weil beides ohne finanzielle
Entschädigung für die OrganisatorInnen ausfallen musste,
sondern auch wegen der "undemokratischen Entscheidung"
quittierten MitarbeiterInnen des Hauses dies mit Streik: Der "Tag
der offenen Tür" fand im K4 kurze Zeit später ohne
sie statt.
Noch fünf Minuten vor der Auftaktkundgebung am Weißen
Turm hätten nach unseren Informationen die OrganisatorInnen
der Demo angesichts dieser Ereignisse, des politischen Drucks,
der schlechten Presse und der Konkurrenzveranstaltungen - eine
bundesweite Antikriegsdemo in Berlin - nicht einmal mehr auf 1500
TeilnehmerInnen wetten mögen. Dass dann 3000 kamen, sei,
so ein Sprecher, vielleicht Ausdruck davon, dass sich niemand
habe einschüchtern lassen wollen und man sich jetzt erst
recht der gesellschaftlichen Atmosphäre, die da von oben
durchgesetzt werden soll, entgegen stemmen wollte.
Angesichts dieses großen Erfolges - so die eigene Einschätzung
- wandelte sich das Nachbereitungstreffen des "Stoppt-Berlusconi"
Bündnisses in ein Vorbereitungstreffen auf die nächste
politische Massenaktion. Gegen den NPD-Aufmarsch des "Bürgermeisterkandidaten"
Deckert am 27. Oktober mobilisierte diesmal auch das bürgerliche
Lager: Ein eilig geschmiedetes "Rathausbündnis"
konnte selbst die CSU ins Boot holen. Allerdings erst nach einem
Streit über die befürchtete Teilnahme der PDS am Protest
und den Begriff "gegen Rechts" im Motto der geplanten
Kundgebung.
Pfiffe für die CSU
Rund 1500 DemonstrantInnen folgten dann auch dem Aufruf der im
Rathaus vertretenen Parteien und kamen zur Kundgebung am Maffeiplatz.
Die Politikprominenz zeigte Gesicht, PDS-Flaggen, Gewerkschaftsfahnen
und klassenkämpferische Spruchbänder prägten das
Bild. RednerInnen aller drei Parteien und der Gewerkschaften forderten
dann unmissverständlich dazu auf, nun doch zum Auftaktort
des NPD-Marsches zu ziehen. Pfiffe gab es lediglich für den
CSU-Fraktionsvorsitzenden Gsell, als der Wahlkampftöne anklingen
ließ.
Auf dem Aufseßplatz waren Antifagruppen und das "Stoppt-Berlusconi"-Bündnis
darauf eingestellt, die eigenen Kräfte gegen die Neonazis
zu bündeln. Eine angemeldete Mahnwache, die die Stadt - allerdings
mit wenig Elan - hatte unterbinden wollen, wurde als Anlaufpunkt
genutzt, die Polizei hatte einen Teil des Platzes mit Gittern
abgesperrt, der Supermarkt PLUS war vorsorglich mal geschlossen
und mehrere hundert "EinkaufsbummlerInnen" genossen
die letzten Oktobersonnenstrahlen.
Dass nach Ende der Gegenkundgebung auf dem Maffaiplatz sich Hunderte
in Richtung Aufsessplatz begeben würden, hatten die OrganisatorInnen
des "Stoppt-Berlusconi" Bündnisses gehofft. Doch
die TeilnehmerInnen dort setzten sich geschlossen in Bewegung
um der NPD unmittelbar entgegenzutreten. Als die 250 Neonazis
mit einem Sonderzug der U-Bahn aus dem Untergrund heraus eskortiert
wurden, sahen sie sich 3000 GegendemonstrantInnen gegenüber,
die einen geschlossenen Ring um das Absperrgitter bildeten und
sie mit Pfiffen und antifaschistischen Sprechchören begrüßten.
Dienst nach Vorschrift
Die Polizei tat an diesem Tag "Dienst nach Vorschrift".
Sie forderte die Protestierenden auf, die die Abmarschroute der
NPD-"Wahlkämpfer" versperrten, den Weg freizumachen.
"Wir können nicht, hinter uns sind so viele",
antwortete ein SPD-Stadtrat stellvertretend. Selbst der Rechtsdirektor
der Stadt befand sich unter den GegendemonstrantInnen und nur
der CSU-Prominenz war in der ungewohnten Gesellschaft der Antifa,
Autonomen und unkonventionell gekleideten Jugendlichen mulmig
geworden, die mit Eiern und Obst warfen. "Knüppel frei"
für prominente PolitikerInnen konnte der Einsatzleiter nicht
verantworten und zwang die NPD, den Weg zu ihrem Hauptkundgebungsort
am Weißen Turm mit der U-Bahn zu nehmen.
Dorthin hatten sich bereits wieder 3000 GegendemonstrantInnen
begeben. Vier Stunden lang waren die Hetzreden Deckerts kaum zu
hören, mitgebrachte Trillerpfeifen und wütende Rufe
übertönten die Lautsprecheranlage der NPD fast völlig.
SprecherInnen des linken Bündnisses zeigten sich überrascht
angesichts der Geschlossenheit, mit der auch SozialdemokratInnen
und Grüne den Marsch der Rechtsextremen mitverhindert hatten
und äußerten sich zufrieden, dass "die bürgerlichen
Kräfte sich den von uns bisher schon propagierten Formen
der direkten Verhinderung solcher Naziaufmärsche anschlossen".
"Die bisherige Spaltung in gute bürgerliche und böse
autonome Demonstranten, die die Nazis bekämpfen, wurde zum
Mindesten kurzzeitig außer Kraft gesetzt." sagte
Stefan Stadelbauer für das Bündnis. "Nazis kann
man nicht bekämpfen, indem man sich weitab von ihnen hinstellt
und sein Gutmenschentum beteuert, sondern da muss man wirklich
aktiv werden und sich gegen diese Leute stellen." Er
merkte an, dass man eine ähnliches Verhalten der Polizei
auf "normalen Antifademos" noch nicht erlebt habe. Dass
es mit der Deeskalationsstrategie der Polizei dennoch nicht so
weit her gewesen sei, wie hinterher behauptet, hätten leider
die zahlreichen Festnahmen am Rande der Demonstration gezeigt.
Teile des Bündnisses wollen nun ihre gemeinsame Arbeit fortsetzen.
Gelegenheit dazu gibt es bald. Denn am 19. November tagt wieder
eine Partei in Nürnberg, zu deren Politik die Verabschiedung
von "Sicherheitspaketen" zählt. Diesmal allerdings
ist es die SPD, gegen die sich der Protest richten soll.
Michael Liebler
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