Wer weist bin Laden auf seinen Fauxpas hin?
Von müdem Achselzucken für US-Kreuzritter
und westlichen Wissenslücken
Lücken beherrschen seit dem berühmten 11. September
die vom Selbstverständnis her wohlsortierten Wissensstübchen
des Westens. Wir entdecken, wie wenig wir über die Welt östlich
der christlichen Hemisphäre wissen, und im Laden tappen wir
vergeblich nach erhellenden Büchern, es scheint keine zu
geben. Vermutlich wird innerhalb der nächsten Monate verstärktes
verlegerisches Trittbrettfahren zu beobachten sein. Auch die wenigen,
lange vor dem weltpolitischen Eckdatum eingefädelten Arabistik-Publikationen
wie W. Montgomery Watts Der Einfluß des Islam auf das
europäische Mittelalter werden in den Ruch des marktstrategischen
Schnellschusses geraten.
Wer sich über Rückschlüsse aus der Historie praktisch
nützliche Informationen über das Denken, die Anschuldigungen
an den Westen und die Motive radikaler oder terroristischer Muslime
erhofft, hat mit der 1972 erstmals erschienenen Aufsatzsammlung
die falsche Wahl getroffen. Watt beleuchtet nicht die Wirkung
von Religion als irrationales Massenstimulat, er beschränkt
sich auf die weltliche, die gesellschafts- und staatspolitische
Rolle von Islam und Christentum in der Geschichte. Enormen praktischen
Nutzwert aber hat das Buch im Bezug auf die politische Ethymologie
von Begriffen, mit denen sowohl Usama bin Laden als auch in der
Reaktion auf den 11. September der Westen propagandistisch hausieren.
Watt differenziert zwischen dem Einfluss der nach Spanien und
Sizilien vorgedrungenen Moslems, die den ChristInnen kulturell
erst ebenbürtig, dann überlegen waren, und der gegenseitigen
Befruchtung während der Kreuzzüge. Dem Jahrhunderte
dauernden Kontakt auf europäischem Boden schreibt er die
Entdeckung der Naturwissenschaften als eigenständige Disziplin
zu, die Eroberungsversuche europäischer Ritter in Palästina
hält er für eher bedeutungslos.
Indirekt entzaubert W. Montgomery Watt Usama bin Ladens ohnehin
irrelevante Floskel von einem modernen Kreuzzug der
USA gegen die islamische Welt als einen Schuss, der sich bei genauem
Hinsehen gegen sich selber richtet. Für die Muslime,
so der Arabist, waren die Kreuzzüge kaum mehr als eine
Reihe von Grenzzwischenfällen, ein internes Problem
der untereinander zerstrittenen muslimischen Fürsten. Vergleicht
bin Laden die USA mit den Kreuzrittern, spricht er folglich von
einer Bedrohung, die so gering ist, dass sie wenn ein müdes
Achselzucken rechtfertigen würde. Wer übernimmt es,
bin Laden auf seinen Fauxpas hinzuweisen? Ironischerweise war
damals Kandahar das Zentrum der islamischen Welt und dort, so
W. Montgomery Watt, wurde die Invasion aus Europa nicht im geringsten
für ernst genommen.
Auch der von den USA gern benutzte Begriff des zivilisierten
Westens lässt sich nicht in einen ohnehin irrelevanten Vergleich
zwischen den Kreuzzügen und dem am 11. September eruptierten
Konflikt integrieren. Der christliche Westen entdeckte nämlich
erst während der Kreuzzüge den Wohlklang zivilisierter
Werte und begann erst jetzt (regional auf Spanien und Sizilien
begrenzt), den Islam als eine Quelle für seinen geistigen
Input wahrzunehmen. George W. Bush verfügt bereits über
ein gefestigtes Selbstverständnis, welches sich der christliche
Westen dereinst erst über die Auseinandersetzung mit dem
Islam verschaffen musste. Über die Negierung islamischer
Wurzeln und Werte fand Europa damals Zugang zur hellenistischen
Antike und damit zu sich. Hier endet unsere kleine Demonstration,
dass populistische suggestive Geschichtsvergleiche auch in Zeiten
des Krieges Hohlkörper sind.
Martin Droschke
W. Montgomery Watt: Der Einfluß des Islam auf das europäische
Mittelalter. Aus dem Englischen von Holger Fließbach. Vorwort
von Ulrich Haarmann. Berlin (Wagenbach) 2001. 124 Seiten, DM 19,80,
Euro 9,90
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