Von Acid nach Adlon und zurück - eine Reise durch die Deutschsprachige Popliteratur
Vorne ein ausgeklügeltes Cover mit Gitterfenster - Reminiszenz
an das erste Buch Acid im März Verlag. Hinten steht eigentlich
schon alles Notwendige zu lesen: "DAS Buch zur deutschsprachigen
Popliteratur", urteilten unisono wichtige Kritiker von
3sat kulturzeit, titanic, SUBH Magazin, ZDF aspekte, und Intro.
Natürlich dürfen wir uns leicht verarscht fühlen,
bzw. uns freuen, dass sich der Autor selber nicht so ernst nimmt
und uns damit einen Weg zum Umgang mit dem Hype deutsche Popliteratur
weist. Johannes Ullmaier ist Wissenschaftler und Mitherausgeber
der Zeitschrift testcard. "Von Acid nach Adlon" ist
aus einer Sendereihe für den Hessischen Rundfunk entstanden,
was dem Buch eine CD als Beilage beschert hat und dazu ganz radiogemäß
eine Sprache, die Sachverhalte auf den Punkt bringt.
Ullmaier verweigert uns eine Definition von Popliteratur. Das
finde ich völlig in Ordnung, denn realiter existieren Popliteraturen,
und die werden dieser Tage auch mal schnell totgesagt. Ullmaier
vermittelt die Geschichte der Popliteratur und ist die mal halbwegs
verdaut, kann sich jede und jeder die eigene Definition von Popliteratur
basteln und muss weder Soloalben noch Anleitungen zum Unschuldigsein
als Popliteratur gelten lassen, auch wenn sie oder er der Generation
Golf angehört - nein, ihr habt dann verbürgt das Recht,
z.B. Benjamin Leberts Crazy ganz einfach als Internats- und Initiationsroman
zu lesen.
Ullmaier entführt uns auf vier Trips. Zunächst
reisen wir durch die Gegenwart der Republik Royal in einer Bestandsaufnahme,
die mir bestätigt hat, dass es gut war, das vielzitierte
Junkerquintett des Adlon Hotels nur via Feuilleton wahrzunehmen
und mein Geld lieber bei Musikvereinkonzerten zu vertrinken. Deutlich
wird zudem, dass hinter dem Etikett Popliteratur auch andere zu
Hause sein können, die wesentlich mehr damit am Hut haben
- mögen sie nun Sybille Berg, Franz Dobler oder Feridun Zaimoglu
heissen.
Trip 2 führt zu den Quellen, zu "Fuck you"
- Untergrundgedichte von 1968 und nach Acid, der legendären
Sammlung US-amerikanischer Untergrund-Literatur, herausgegeben
von Bernd Rygulla und Rolf Dieter Brinkmann - zurück zu den
Aufbruchsjahren also, zu wegweisenden Verlagen wie Jörg Schröders
März Verlag, dem halbvergessenen Dichter Hadayatullah Hübsch,
zu ganz vergessenen Versuchen mit Pop und Dichtung oder besser
Beat und Prosa, die z.B. Hubert Fichte im Hamburger Starclub machte,
zu Experimenten mit freiem Radio als Cassettenradio, an die sich
freie RadiomacherInnen von heute nicht mehr erinnern. Untergrund
als Ausbruch, als Alternative, als Experiment, als Bewusstseinserfahrung
- das hat sich auch für mich, die ich die Geschichte etwas
zu kennen glaubte, höchst spannend gelesen.
Trip 3 bringt uns in gerade in der hippen Popdiskussion
links liegen gelassene Gefilde: Amok, Koma & - meint Punk,
meint Kiev Stingl, Syph, frühe FSK, die Tödliche Doris
bis hin zu Wolfgang Müllers Isländischem Blaumeisenbuch
und allerlei, was als Geniale Dillettanten flügge wurde,
do it yourself-Kram, wie Butzmann und Kapielski sowie Francoise
Cactus, Thomas Meinecke und Max Goldt bis hin zu im Techno aufgefahrenen
Zeitgenossen wie Rainald Goetz.
Kaltland Beat heißt das letzte Kapitel und gibt uns
die Alternative zum Tristesse-Royal-Zirkus. Der meist als Kanakster
bezeichnete Zaimoglu und andere sind eben genauso Pop wie die
Nachfahren von Stingl und Fauser und Ploog, die SlammerInnen und
Social-Beat-PoetInnen eine Parallelwelt zur tristesse royal darstellen.
Bezeichnenderweise ist Hadayatullah Hübsch einer der Initiatoren
der Poetry Slams - zu der auch die Prenzlauer Berg-Szene um Bert
Papenfuß zu rechnen ist, der aber auch auf ihre Weise die
Schriftstellerin Kathrin Röggla angehört, genau wie
Elfriede Jelinek mit "Wir sind Lockvögel, Baby"
vor langer Zeit schon einen Poproman geschrieben hat.
Soweit, so hoffentlich klar, worum´s hier geht. Nämlich
um nichts weniger als die ganze Story. Aber guckt euch das selbst
an: Cut Up Technik - Mittel der Popliteratur - ist auch hier Stilmittel,
dazu arbeitet Ullmaier mit einer ästhetisch unwiderstehlichen
Aufmachung - unglaubliche Mühe und bestechender Witz haben
sich auch ausgetobt in Seitenüberschriften, Marginalien,
Fotos, Faksimiles, Comics, diversen Schriftbildern und vielen
Zitaten relevanter ZeitgenossInnen, wobei Wiglaf Droste durch
überraschend vernünftige Äußerungen angenehm
auffällt.
Damit ihr weiterlesen könnt, gibt es eine ellenlange, klug
eingeteilte Bibliographie. Dazu müsst ihr unbedingt die beiliegende
CD hören: fast dabeisein, wie Stuckrad-Barre die Socken rutschen,
der ehemalige März-Verleger Jörg Schröder tolle
Buchmessengeschichten aus dem Jahr 68 erzählt, Francoise
Cactus´ irren Stories lauschen, Frieder Butzmann beim Komponieren
erleben und überhaupt. Ich hab das alles in einem Rutsch
hin- und weggelesen/gehört und mir ist nur zwischendrin etwas
schwindlig geworden von soviel Geschichte, Ideen, Informationen,
Statements. Aber das war ein schöner Schwindel und auch wenn
ich selber bei testcard mitmache und euch das nach Vettern- respektive
Basenwirtschaft stinken mag, neinnein, ich empfehle euch die Reise
von Acid nach Adlon uneingeschränkt.
Tine Plesch
Johannes Ullmaier: Von Acid nach Adlon und zurück - eine
Reise durch die Deutschsprachige Popliteratur
Buch mit CD, Ventil Verlag,
DM 39.90
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