Ring of Fire ...
Vor ein paar Monaten bekam ich dieses kleine, unauffällige,
ständig auseinander fleddernde egozine Ring of Fire
von einem Freund in die Hände gedrückt. Dass es mein
Leben grundlegend geändert hat, kann ich nicht behaupten,
aber es hat Schmunzeleien, Denkanstöße und viel Entzücken
hinterlassen.
... this zine promotes queer sex, genderfuck, and the advancement
of amputees everywhere ... und darum geht es dann auch in RoF
#2. Das egozine handelt und wurde geschrieben von Hellery, einer
19-jährigen Lesbe.
Nachdem ich die erste Seite gelesen hatte, war ich etwas verstört.
Hellery Homosex erzählt als erstes über ihr Trainhopping-Erlebnis,
bei dem ihre Beine von einem Zug überfahren und daraufhin
amputiert wurden. 6 Monate später, mit 19 Jahren, veröffentlicht
sie das zine (Das liegt bereits ca.3 Jahre zurück, was der
Aktualität keinen Abbruch tut).
In vielen Texten erläutert sie ihre Gefühle als Beinamputierte.
Aber nicht wehleidig, sondern bemerkenswert offen und für
Nichtamputierte nicht immer nachvollziehbar, fast lustig bzw.
sarkastisch (List of reasons why it sucks to be an amputee).
Auf fast jeder der nächsten Seiten bin ich wieder etwas
perplex. Hellery erzählt über ihre Vorliebe für
NAIL POLISH. Ich hab mit Nägellackiererei nun wirklich nichts
am Hut, aber wie bei fast allen Texten finde ich es einfach nur
famos, wie sie schreibt und auch wenn ich vorher nicht gedacht
hätte, dass mich die Themen irgendwie interessieren, bin
ich am Ende einfach nur begeistert.
Sie schreibt über Dinge von denen sie Ahnung hat (Prothesen,
über die Schönheit von Frauen mit Damenbart, Homosexualität,
Bisexualität, Vor- und Nachteile von zwei Masturbationstechniken
+ persönliche Empfehlung) und ist nicht gewollt cool dabei,
sondern einfach nur eine wahnsinnig interessante Frau, die ihre
Gedanken äußert. Das ist alles dermaßen herzlich
und offen, dass ich von sämtlichen Gedankengängen überaus
entzückt war. Außerdem schreibt sie in einfachen englischen
Sätzen, die selbst ich ohne Wörterbuch verstanden habe.
Das Thema gender ist mir in meinem Leben fast ausschließlich
in langen, theoretischen, politischen Grundsatzdiskussionen bzw.
Texten über den Weg gelaufen. Die teils obskuren Erlebnisgeschichten
und Gedanken von Hellery zu diesem Thema haben mich alles mal
von einer anderen Seite sehen lassen. Die Schubladen in euren
Köpfen, was gender angeht, werden nicht reichen!
Hellery hat die dragking-szene kennen und schätzen gelernt.
Statt nur abends auf Konzerten und Partys als dragking
zu erscheinen, entschließt sie sich dazu, sich in ihrem Alltagsleben
den Erfahrungen, als Frau wie ein Mann auszusehen, zu stellen,
teilweise fast zu experimentieren, was es einfach noch zwischen
Frau und Mann in einem Menschen gibt. ... DRAG. I´ve been
doing drag on stage now for almost a year. And in real life I´ve
been doing drag for about a year and a half. I like to do drag
as a drag creature of whatever (½ man, ½ woman, ½
crocodile/pelican love child) ...
Drag is all about mixing it up. switching genders, confusing
genders, creating genders, refinding them and having fun with
them. And it´s fucking entertaining- that´s ferdamn
sure!
Die innere Auseinandersetzung, was ihre Sexualität betrifft,
und dies anderen Menschen dermaßen transparent zu machen,
hat mich sehr beeindruckt und mich zum Nachdenken gebracht.
Das schöne ist, dass bereits ROF#3 rausgekommen ist. Es ist
mit 92 größeren Seiten noch umfangreicher. Außerdem
beinhaltet es neben prima Zeichnungen von Hellery zwei kleine
Comics einer Freundin.
Ich habe mein Geld lange nicht so gut angelegt (#2 = 2,50 DM;
#3= 3,00 DM).
Das beste, was ich die letzte Zeit lesen durfte.
VORSICHT! Wer sich actiongepackte Geschichten über Konzerte
oder Sex erhofft, kauft sich bitte weiterhin die herkömmlichen
Fanzines oder Pornohefte.
D.K.
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