Die verbesserte Frau
Barbara Kirchner ist Naturwissenschaftlerin und als Autorin
für spex oder de:bug bekannt. Ihr Roman "Die verbesserte
Frau" ist ein Krimi mit Thriller- und Sci-Fi Elementen, der
sich um Themen wie Privatisierung von Wissenschaft und Möglichkeiten
biochemischer Forschung dreht. Fast wie nebenbei entwirft Kirchner
aber auch Utopien von Sexualität und Freundschaft und gibt
uns mit der lesbischen Studentin Bettina Ritter eine ganz alltägliche
Laienermittlerin, der es irgendwann ganz normal reicht.
Barbara Kirchner hat mir per E-Mail ein paar Fragen beantwortet:
Wieso hast Du dich für die Form Roman und für den
Krimi entschieden?
Im Prinzip ist es die Form, mit der ich mich selbst beim Lesen
am meisten beschäftige. Beim Schreiben will man schon die
Vorteile der Kunst genießen (Formgesetze, die nicht bloßer
Sachzwang sind z.B. Subjektivität, aber auch deren Objektivierung,
alles Sachen, die Kunst kann und andere Modi des Denkens nicht
können). Die Romanform ist immer noch die am meisten entwickelte
Prosaform. Ich vermeide gerne sowas wie Plattenkritiken, wenn
es dabei rein um eine Serviceleistung geht. Diese Art von Schreiben
macht mich nicht an, das ist entfremdete Arbeit und ich habe das
Privileg, nicht vom Schreiben leben zu müssen.
Das Genre Krimi ist ja sozusagen für sogenannte Frauenthemen
schon eingeführt. Mein Krimiwissen, Krimigefühl, kommt
eher vom Film. Das Ergebnis meines Romanversuchs ist wohl auch
sehr cinematisch geworden. Die Handlung steht immer im Vordergrund,
die "innere Welt" ist nur relevant, wenn es um Übergänge
geht und steht damit zurück hinter "Was-passiert-dann".
Das breit diskutierte Thema heißt ja Genforschung. Dir
geht es um die weitaus weniger beachteten Möglichkeiten,
durch Eingriff in biochemische Prozesse Verhalten zu verändern
...
Über diesen ganzen Nexus Aktualität, Debatte, antizyklisch
genau von was Anderem reden etc. muss ich ein bisschen schmunzeln.
Da steckt sehr wenig Kalkül drin, eher Zufall. Das Buch ist
ja nicht gerade jung, es passt in seiner antizyklischen Bezugnahme
auf die vernachlässigte Seite der Sache eher durch Zufall.
Diese Zufälle sind unglaublich und man lernt nur eins: Nie
auf Debatten hin erzählen. Wenn die Geschichte taugt, taugt
sie jederzeit. Jedenfalls war mein Buch auch schon zweimal fest
von Verlagen angenommen, die sich dann auf ziemlich eklige Art
und Weise wieder aus der Zusammenarbeit rausgewunden haben. Das
waren dann auch solche Verlage, die glauben, mit ihrem Programm
irgendwie großartig zur Verbesserung der Situation der Frau
beitragen zu müssen, na ja ...
Natürlich habe ich als Naturwissenschaftlerin was zu diesem
Thema zu sagen bzw. zu schreiben. Schmerzforschung ist ein plakatives,
unglaublich gut geeignetes Schlagwort, um die Leute gleich das
Richtige denken zu lassen. Der Roman behandelt Naturwissenschaft
von drei Seiten her: Soziales, Wissenschaftler als Kaste (Arndt/Olim),
dann das spekulative Moment, was man an guten SF-Büchern
so mag, hier sehr kurz gehalten, und dann, wie soll man sagen:
Ethik. Dafür, für dieses Dritte, hat man vor allem wieder
die Handlungsbetontheit.
Grob gesagt wird in "Die verbesserte Frau" Sexualität
als Machtbeziehung bis zur Gewalt dargestellt, überdrehtes
SadoMaso inklusive (eben die verbesserte Frau). Sexualität
erscheint andererseits als recht frei flotierende Angelegenheit.
Freundschaft, Zärtlichkeit, Erotik, Sex, lesbisch oder schwul
müssen nicht eindeutig festlegbar sein. Eine Utopie in einer
Zeit, in der Sexualität medial totgequatscht wird - also
alles ja auch eigentlich schon "durch" scheint?
Sehr gut beobachtet. Ziemlich sicher ist Sexualität totgequatscht.
Aber befreit ist was anderes. Immer wieder muss man halt da ran,
immer wieder geht es schief, das ist halt politisch so, und deshalb
auch in dem Buch.
Wie üblich im Krimi sterben etliche, auch unbeteiligte
und sympathische Leute. Ganz naiv gefragt, warum?
Wenn du dich das fragst, wenn es dich stört, hat es seinen
Sinn gehabt. Denn das ist ja der Mist am Mord: Er ist im Wortsinne
sinnlos, er schlägt zu, wo er will, und ist eine gute Metapher
fürs Elend in einer Welt, die eben nicht planvoll von freien
Menschen organisiert wird, sondern mehr eine Naturkatastrophe
ist. Der Einzelne sagt sich dann zurecht: Warum immer ich?
Es splattert ordentlich gen Ende. Was war Deine Idee dabei?
Dazu werde ich oft gefragt, was ich ehrlich gesagt kaum verstehe.
Das klingt, als ob etwas, das ich eigentlich für eine selbstverständliche
und sozusagen auf breiter Front durchgesetzte Sache gehalten habe,
noch verwunderlich oder originell ist: die schlitzende, prügelnde,
echt saure Frau, also Bettina etwa im letzten Drittel, wo es dann
ernst wird und der Splatter kommt. TV-Sendungen wie Buffy, The
Vampire Slayer oder Comics wie Martha Washington bedienen sich
dieser Zutat ja nicht als erste in der Geschichte der weiblichen
Heldin. Dabei bedarf es bestimmt nicht unbedingt einer feministischen
oder politischen Gesinnung. Für mich ist dieses Drittel des
Buches unvermeidlich.
Einige Rezensentinnen haben sich dann aber gerade darüber
gefreut, wodurch mir aufgefallen ist, dass meine Bettina Ritter
ja gar keine dieser Ikonen ist, also nicht Lara Croft und dergleichen,
sondern dass das Attraktive an ihren Gewaltausbrüchen vielleicht
ist, dass sie vorher so eingehend, auch von innen und im Sinne
einer Schilderung des sozialen, echten Lebens, geschildert wird
und es deshalb einfach krasser und möglicherweise auch befreiender
wirkt, wenn so ein echter Mensch die Schnauze voll hat, als wenn
es eine Superheldin wäre.Und trotz bekannter Beispiele ist
diese Ebene der ich-trau-mich-jetzt Frau in dem ganzen Medienkram
offenbar doch noch unterrepräsentiert, sonst käme die
Frage ja nicht andauernd. Ich kenne auf dieser Ebene nur ein Beispiel,
das mir einleuchtet, das entsprechende Ding auch glaubhaft mit
allen Ängsten und den Unsicherheiten der geschilderten Frau,
die draufhaut, auftischt. Und diese Figur ist Clarice Starling
aus den Büchern von Thomas Harris. Selbst in den beiden Filmen
"Silence of the lambs" und "Hanibal" wird
diese Ebene hervorragend getroffen.
Tine Plesch
Barbara Kirchner: Die verbesserte Frau
Verbrecher Verlag, Berlin,
221 S., DM 28.-
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