"Wollen Sie uns schützen oder vernehmen?"
"Entwürdigende" erkennungsdienstliche Behandlung
"Schutz wovor? Vor der Polizei oder vor der Bevölkerung?"
Eine Frage, die sich Hani D. bis vor kurzem so nie gestellt
hätte. Doch seit dem 11. September und einigen näheren
Begegnungen mit der Erlanger und Nürnberger Polizei ist das
anders.
Hani Dahhan ist Arzt, Vorsitzender der Islamischen Glaubensgemeinschaft
Erlangen e.V. und Deutscher syrischer Herkunft. Am 20. September
meldet sich die Kriminalpolizei Erlangen bei ihm. Mit dem Hinweis
auf Angriffe gegen Muslime in den USA bietet sie der Islamischen
Glaubensgemeinschaft ihren Schutz an. Nur vordergründig,
wie Dahhan meint: Dann fing er an mich auszufragen, was
wir machen, wie viele Leute wir sind... Ich fragte: Entschuldigung,
wollen Sie uns schützen oder wollen Sie uns vernehmen?"
Ohne Ergebnis endet das Gespräch. Wenige Tage später
kommt der nächste Anruf der Kripo mit der Bitte um einen
Termin.
D. willigt ein. Eine Zusage, die er kurz darauf wieder zurücknimmt.
Dazwischen liegen: zwei Anzeigen wegen Körperverletzung,
eine erkennungsdienstliche Behandlung und eine Dienstaufsichtsbeschwerde
gegen einen Nürnberger Polizisten.
Zusammen mit seinem Bruder und seiner Schwägerin war Hani
D. am 29. September auf dem Weg zum Einkaufen in die Metro in
Nürnberg. Auf dem Parkplatz öffnet er die Beifahrertür.
"Plötzlich fuhr ein Motorradfahrer rechts am Auto vorbei
und schlug, mich beschimpfend, die Tür gegen mein Bein zu."
Als Hani Dahhan ihn zur Rede stellen wollte, habe der Motorradfahrer
zugeschlagen. Mit einem "von mir wirst du noch hören"
sei er dann verschwunden.
D. notiert das Kennzeichen des Motorrads. Zu seinem Vorhaben,
später eine Anzeige zu erstatten, kommt es nicht mehr. Denn
eine halbe Stunde später, beim Verlassen des Einkaufszentrums,
warten aufgrund einer Anzeige des Motorradfahrers zwei Polizisten
in Zivil auf ihn. Den verlangten Ausweis hat D. nicht dabei, zeigt
aber seine Kreditkarte und bietet an, seine Papiere später
vorzulegen. Was den Beamten nicht ausreicht. Ebenso wenig der
Personalausweis des Bruders: "Plötzlich blitzte es im
Gesicht meines Bruders". Er habe nur seinen Kollegen fotografiert,
habe dazu einer der Polizisten bemerkt. Ein Wortwechsel entspinnt
sich, der damit endet, dass D. zur Wache und anschließend
ins Präsidium mitkommen muss. Dort wird er einer erkennungsdienstlichen
Behandlung unterzogen, was er als besonders entwürdigend
empfindet. Weiter wirft D. der Polizei vor, dass seine Beschwerden,
u.a. über das Verhalten der beiden Beamten, nicht weiter
beachtet wurden und seine Anzeige gegen den Motorradfahrer nicht
entgegen genommen wurde.
Dahhans Rechtsanwalt Münch hat inzwischen rechtliche Schritte
gegen die Polizei eingeleitet. Die Art und Weise der Überprüfung
der Personalien sei "weder verhältnismäßig
noch unter Beachtung der Menschenwürde" geschehen. Die
ED-Behandlung ist nach Ansicht Münchs schlichtweg rechtswidrig.
Auch sei zur Ahndung einer Körperverletzung eine Entkleidung
und Feststellung körperlicher Merkmale nicht erforderlich.
Darüber hinaus sieht der Anwalt den Tatbestand der versuchten
Strafvereitelung für gegeben an: Sein Mandant hatte seine
Anzeige gegen den Motorradfahrer erst bei einer anderen Dienststelle
in Erlangen erstatten können.
Meinung zu Attentaten gefragt
Nach dieser Erfahrung war Dahhans Bereitschaft zu einem Gespräch
mit der Kriminalpolizei merklich gesunken. Ich habe kein
Interesse mehr mit der Polizei etwas zu tun zu haben. Ich habe
Angst, sie könnten mir alles unterjubeln und ich bin wehrlos.
Auf Drängen der Erlanger Kripo erklärte er sich schließlich
doch bereit, über seinen Schutz und den der Islamischen Glaubensgemeinschaft
zu reden. Entgegen ihrer Absprache seien drei Beamte erst zu Hause
bei Frau und Sohn anstatt gleich in seiner Praxis vorbeigekommen.
Das folgende Gespräch ist wieder kurz. Wieder sei der Hinweis
auf die Angriffe auf Muslime gefallen. D. fragt nach: "Durch
wen? Durch die Polizei oder die Bevölkerung?" Einen
ernst gemeinten Willen, sie zu schützen, sieht Dahhan nicht.
Zumal nun statt konkreter Angebote die Frage gekommen sei, was
er von den Attentaten in Amerika halte: "Ich fand das lächerlich.
Seit 32 Jahren hat mich keiner gefragt, was für eine Meinung
ich habe, was mich interessiert oder nicht interessiert."
Wenig Interesse habe dagegen die Polizei am Vorfall mit dem Motorradfahrer
gezeigt. Die Kollegen hätten nur ihre Pflicht getan. Grund
genug für D. das Gespräch zu beenden.
Der polizeilichen Vorladung wegen "gefährlicher Körperverletzung"
gegen den Motorradfahrer ist er nicht nachgekommen. So etwas will
er in Zukunft nur noch schriftlich und mit Anwalt erledigen. Auf
Interesse oder Unterstützung sei er bis jetzt in Erlangen
nicht gestoßen. Inzwischen wandte er sich auch an eine andere
Stelle: "Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich den Zentralrat
der Muslime angerufen. Ich habe mehrere muslimische Gruppierungen
befragt", die über ähnliche Erfahrungen berichtet
hätten.
Ob es üblich sei, gefährdete Einrichtungen oder Initiativen
erst einmal nach ihrer Meinung zu den Anschlägen vom 11.
September zu befragen, wollte die raumzeit von der Polizei
wissen. Zwar bestätigte diese, dass es auch in Erlangen derartige
Gespräche mit arabischen oder muslimischen Gruppen gegeben
habe. Was die Polizei da im einzelnen fragt oder äußert,
darüber will sich Pressesprecher Grösch aber nicht näher
äußern. Schließlich sei das ja nicht von öffentlichem
Interesse.
Maike Dimar
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