Eine italienische Partisanin erzählt
In den Untergrund zu müssen war wie eine Beförderung

Mailand 1943: Mailänderinnen sammeln die Waffen der flüchtenden Soldaten ein.
Laura Polizzi, Deckname Mirka, stammt aus einer Familie
in Parma, die seit langem gegen die Faschisten kämpfte. Es waren
zwei Onkel, beide in Führungspositionen der kommunistischen
Partei, die Laura in die Politik einführten.
«Nach der Absetzung Mussolinis zogen mein Onkel Remo und
ein anderer Verwandter zu uns, bei sich fühlten sie sich nicht
mehr sicher. So wurde unser Haus zu einem Treffpunkt des antifaschistischen
Widerstands. Viele Kontakte entstanden bei uns in dieser Zeit, wie
etwa mit Lucia Sarzi. Sie stammte aus einer Familie von SchauspielerInnen,
die über Land fuhren, Theater spielten und dabei antifaschistische
Ideen weitergaben.
Damals bat ich Remo, in die Partei eintreten zu dürfen.
Er freute sich zwar über mein Vorhaben, lehnte aber ab, da ich
noch zu jung sei. Außerdem seien schon er und Onkel Porcari
dabei. Unsere Familie sei eigentlich schon zu sehr in den Widerstand
eingebunden.»
Statt dessen bekommt Laura Unterricht in politischer Ökonomie
und Theorie, liest Lenins Schriften und übt die Handhabung von
Waffen. Nach dem 8. September, dem Einmarsch der Deutschen, wird
ihr erlaubt, sich am Widerstand aktiv zu beteiligen.
«Dann passierte für mich etwas Wunderbares. Mein Onkel
nahm mich beiseite und sagte zu mir, ab jetzt sollte ich der Partei
zur Verfügung stehen. Aber ich war so in meiner Erziehung verhaftet,
dass ich erst Papa fragen wollte. Der war einverstanden und ab dem
Moment begann mein neues Leben.»
Mirka arbeitet weiter als Schuhverkäuferin. In ihrer freien
Zeit nimmt sie an Versammlungen teil, ist als Kurierin tätig,
arbeitet für die Propaganda und organisiert mit anderen Frauen
und ihrer Schwester eine Frauengruppe.
«Mit der Arbeit als Verkäuferin musste ich dann plötzlich
aufhören, weil ich von einer Arbeitskollegin angezeigt wurde.
Es heißt, dass sie dafür 5000 Lire bekommen habe. Als die
Polizei zu uns nach Hause kam, fand sie meine Schwester und Onkel
Porcari, beide wurden verhaftet. Meine Schwester war damals noch
nicht einmal siebzehn Jahre alt. Aber ich war nun ,verbrannt` und
musste mich verstecken. Später bekam ich einen falschen Ausweis
und verließ Parma.
Man sollte meinen, dass es furchtbar war, in den Untergrund gehen
zu müssen, aber ich muss sagen, ich habe das hingenommen. Es
war, als hätte man mich befördert. Ich verabschiedete mich
von Papa und Mama, natürlich mit Rührung und all dem Zeug,
aber ich war froh, von nun an vollständig dem Widerstand und
der Partei zur Verfügung zu stehen. Und dann bin ich mit dem
selben Auftrag, den ich schon in Parma hatte, nach Piacenza gegangen:
Die Verteidigungsgruppen der Frauen zu organisieren und im Bereich
der Propaganda zu arbeiten.
Doch auch in Piacenza konnte ich nur kurz bleiben, weil mir dort
bald ein fahrender Schuhhändler begegnete, der von meinem früheren
Arbeitgeber kam. Die GenossInnen waren der Meinung, dass es nicht
ratsam sei, in Piacenza zu bleiben und schickten mich nach Reggio
Emilia.»
Immer wieder bat Mirka darum, mit einem militärischen Auftrag
in die Berge gehen zu dürfen. Als jemand aus Mirkas Bekanntenkreis
dorthin geschickt wird, verrät dieser ihr das Losungswort für
den Zugang zu den Partisanen. Obwohl sie gerade mit der äußerst
wichtigen Aufgabe betraut ist, Verbindungen zwischen den katholischen
und den kommunistischen Frauengruppen aufzubauen, schmeißt sie
alles hin und geht in die Berge.
«Ich hab's mir überlegt, bin in die Berge abgehauen
und nicht mal alleine. Ich habe eine Gruppe Jugendlicher mitgenommen,
die schon immer in die Berge wollte. Dort sagte man mir dann, dass
ich eigentlich für meinen Mut ausgezeichnet werden müsste,
aber gleichzeitig erschossen gehörte, weil ich meinen Platz
verlassen hatte.»
Nach langem Hin und Her gelingt es einem Kommissar gegenüber
der Partei durchzusetzen, dass Mirka in den Bergen bleiben darf
- als Vizekommissarin. Ihre Aufgabe bestand nun darin, PartisanInnen
politisch zu schulen.
«Dieses Amt hatte ich allerdings nur kurze Zeit inne. Denn
inzwischen hatte ich mich mit dem Kommandanten, also dem militärisch
Verantwortlichen, verlobt. Und man war der Meinung, dass der Kommandant
und die Kommissarin unmöglich eine Liebesbeziehung haben könnten,
weil dies zweifellos das Leben der Guerilla in Unruhe gebracht hätte.
Ich war nicht besonders bereit, diese Kritik zu akzeptieren, aber
dann habe ich es doch geschluckt und bin in die Ebene zurückgekehrt.»
Als Mirka verkleidet nach Parma geht, um ein paar persönliche
Sachen aus ihrem Elternhaus zu holen, erfährt sie, dass ihre
Eltern verhaftet worden sind. Die Eltern und beide Geschwister werden
schließlich in das Konzentrationslager Mauthausen deportiert.
«Nun war alles sehr tragisch für mich. Als ich nach
Reggio zurückkam, wollte ich mich den Faschisten stellen. Die
Genossen waren sehr erschrocken und haben mich eine Woche lang eingesperrt.
Dann habe ich mich beruhigt, aber es war furchtbar.
In der Ebene war alles so, als wenn ich nie weg gewesen wäre.
Sie haben mir meine Aufgaben wieder gegeben, ich habe meine Kontakte
wieder aufgenommen. Aber ich wurde immer intensiver gesucht und der
Kreis um mich begann immer enger zu werden. Es wurden Genossen erschossen,
mit denen ich eng zusammen gearbeitet hatte. Kurz, das Leben in Reggio
begann für mich sehr gefährlich zu werden. Deshalb beschloss
die Partei, mich nach Mailand zu schicken.»
Dort erlebt Mirka die Befreiung. Danach geht sie nach Parma zurück,
wohin auch später ihre Mutter, ihre Schwester und ihr Bruder
zurückkehren. Der Vater überlebte Mauthausen nicht.
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