Internationale Hofer Filmtage 2000
Zum 34. Mal fanden dieses Jahr die internationalen Filmtage in
Hof statt, wie immer Ende Oktober und wie immer war es kalt. Aber
das gehört wohl dazu, genau wie das gegen Sonntag Abend hin
immer voller werdende Foyer des «Festspielkinos Cine Center»
- etwas bescheidener auch Central genannt -, der Bratwurstgeruch
und die «wichtigen» Menschen, die grundsätzlich
in jedem Eingang und immer im Weg stehen müssen. Wie oft bei
einem Filmfestival stellten sich Schwerpunkte heraus, die aber vielleicht
auch nur meine eigene Filmauswahl widerspiegeln. (An dieser Stelle
sei etwas Lob an die OrganisatorInnen und Werbung für die Filmtage
eingefügt: Ich bin jedes Mal auf's Neue erfreut darüber,
dass die Programmauswahl (Qualität statt Quantität) und
-struktur (alle Filme laufen mindestens zweimal und an unterschiedlichen
Tagen) es möglich machen, dass ich (fast) alle Filme sehen kann,
die mich interessieren).
Einer geht noch
Aber zurück zu den Filmen. Einen thematischen Schwerpunkt stellte
auch der Leiter der Hofer Filmtage, Heinz Badewitz, in seiner Begrüßung
im Programmheft fest: "Stand letztes Mal der Fußball im Mittelpunkt,
so sind es diesmal ungleich härtere Sportarten wie Sumo-Ringen
und Boxen, in denen auch zunehmend Frauen aktiv werden". Leider habe
ich von den kämpfenden-Frauen-Filmen nur das letzte Drittel
von Immogen Kimmels «Secret Society» gesehen,
in dem eine Gruppe dicker Frauen als Sumo-Ringerinnen ihr Selbstbewußtsein
stärken. Zusammen mit «Girl Fight» (Boxen)
von Karyn Kusama und «Crouching Tiger, Hidden Dragon»
liefen damit in Hof drei Filme mit kämpfenden Frauen, Sumo-Ringer
gab es noch in «Sumo Bruno» (Lenard Fritz Krawinkel).
Abgesehen von Ang Lees neuestem Film, der eine perfekte Mischung
aus Kung-Fu Film à la Hongkong und romantischen Liebesabenteuern
einer chinesischen Vergangenheit verspricht, setzen sich die drei
anderen, bescheideneren Produktionen mit Fragen von Körper und
Psyche auseinander. Alle drei handeln von Arbeitslosigkeit, Armut
und der Möglichkeit, in ritualisierten Kämpfen ein bis
dahin unbekanntes Selbstvertrauen zu erlangen. Ach ja, in «Einer
geht noch» (vor kurzem im Fernsehen zu sehen) mischen dicke
und dünne Keglerinnen ein Dorf im Ruhrpott auf - gegen die arbeitslos
gewordenen Männer, und die Mollige lernt dabei auch Selbstvertrauen.
Nicht unbedingt als Schwerpunkt zu werten ist die Häufung
der Jugend-Geschichten - im englischsprachigen Raum schon lange als
«coming-of-age»-Filme bekannt. Die Beliebtheit dieser
Filme ist vielleicht dadurch zu erklären, dass sich die Mehrheit
im Publikum noch an ihre eigene Jugendzeit und die damit verbundenen
Erlebnisse und Erfahrungen erinnert. Dies gilt zumindest für
Komödien wie Schule, in dem Marco Petry einen Tag aus
dem Leben einer Gruppe von SchülerInnen kurz vor dem Abitur
in einer bundesdeutschen Kleinstadt beschreibt. Frust, Aggression
und Hoffnungslosigkeit bestimmen dagegen in alaska.de von
Esther Groneborn die bundesdeutsche Jugend. Die Idee zu diesem Film
entstand übrigens bei den Dreharbeiten zu einem Musikvideo,
bei denen Esther Groneborn mit Jugendlichen in Berlin Lichtenberg
und Potsdam in Kontakt kam. Daher spielt er auch in einer Plattenbausiedlung
und wir wissen ja, wie es da zugeht
Wesentlich dramatischer und inszenierter ist dagegen «The
Virgin Suicides» von Sofia Coppola (inzwischen in den Kinos
angelaufen). Für mich erschien der Film als eine sehr verwirrende
Mischung aus Melancholie, (männlich) pubertären Voyeurismus-
und Haremsphantasien - in Form von lasziv herumliegenden weiblichen
Körpern und jeder Menge Weichzeichner - und (weiblich) pubertären
Phantasien einer begehrenswerten Passivität. In Rückblenden
werden die Ereignisse in einer US-amerikanischen Vorortsiedlung in
den 1970ern erzählt, in der die fünf Lisbon-Schwestern
von ihren restriktiven Eltern von der Außenwelt regelrecht abgeschottet
werden. Eine Gruppe von Jungs beobachtet die Schwestern und versucht
die Befreiung der Unerreichbaren. Doch die Flucht aus dem Elfenbeinturm
verläuft anders als vermutet. Nun verstehen sowohl der Autor
der Drehbuchvorlage, Jeffrey Eugenides, wie auch die Regisseurin
Sofia Coppola die Lisbon-Schwestern als Mythen, "... als Sinnbild
für den leidenschaftlich-melancholischen Blick zurück auf
die verlorene Unschuld der Jugend und der ersten Liebe" (aus der
Pressemappe), aber ich frage mich, ob es wirklich notwendig ist,
immer dieselben alten Bilder von sich selbst opfernden Jungfrauen
zu bemühen.
Von einsamen Krokodilen und Milchprinzen
Interessant ist, dass ein bundesdeutscher Film eine ganz ähnliche
Thematik aufgreift, in der Erzählung allerdings ein wenig realistischer
bleibt. In Die Einsamkeit der Krokodile von Jobst Oetzmann
geht es um den Versuch, einen Selbstmord zu erklären. Elias,
ein junger Journalist aus Hamburg, begibt sich in ein ostwestfälisches
Dorf, um den Selbstmord seines etwas sonderbaren Cousins Günther
aufzuklären. Immer offensichtlicher werden die Gemeinsamkeiten
der beiden jungen Männer, und immer klarer wird, daß es
eigentlich die intolerante Normalität der anderen war, die Günther
getötet hat.
Mein absoluter Festivalhöhepunkt war dieses Jahr Die innere
Sicherheit von Christian Petzold. Er erzählt die Geschichte
von Jeanne, die seit 15 Jahren mit ihren Eltern im Untergrund lebt.
Ausgerechnet in dem Moment, indem eine fast legale Identität
erreichbar scheint, bricht die mühsam errichtete Sicherheit
in sich zusammen. Dazu kommt, dass Jeanne sich verliebt hat und sich
nach einer Normalität sehnt, die sie nie gekannt hat. Christian
Petzold bringt seinen Figuren viel Sympathie entgegen, er zeichnet
sie mit Brüchen und so «menschlich», dass es schwerfällt,
sich der verzweifelten Atmosphäre des Filmes zu entziehen.
Down Under war auch dieses Jahr wieder gut vertreten, herausgegriffen
seien hier The Price of Milk, romantisch-magisches Liebesmärchen
aus Neuseeland, gedreht von Harry Sinclair (Lounge Bar, Topless Women
Talk About Their Lifes), mit wunderschönen, durchinszenierten
Bildern, der gegen Ende allerdings etwas zu sehr ins Phantastische
abgleitet. Auch der diesjährige Beitrag von Clara Law (der 1996
eine Retrospektive gewidmet war), The Godess of 1967, verbindet
ganz reale Gewalterfahrungen mit phantastisch wirkenden Bildern des
australischen Outback. Hinter dem Titel verbirgt sich übrigens
der legendäre Citroen DS (Déesse = Göttin), mit dem
die beiden Hauptfiguren durch das Innere Australiens - und in die
Vergangenheit reisen.
Dichte Depressionen
Ein paar Fakten zum Schluß: Der Filmpreis der Stadt Hof ging
dieses Jahr an Joachim Król, und damit zum ersten Mal an einen
Schauspieler. Die Retrospektive war dem sich zwischen Israel und
New York bewegenden Regisseur Amos Kollek gewidmet. Am bekanntesten
ist wohl seine «einsame-Frau-in-New York-Triologie» mit
der Hauptdarstellerin Anna Thomson: Sue, Fiona und
Fast Food, Fast Women, die sehr eindringliche Darstellungen
urbaner Depression präsentieren. Kollek stellt immer wieder
Frauen in den Mittelpunkt seiner Erzählungen - was sie jedoch
nicht zu Beispielen feministischer Erzählung macht. In der Zusammenschau
werden allerdings Redundanzen und Beliebigkeiten sichtbar.
Zusammenfassend bleibt nur festzustellen, dass Hof eines der dichtesten
und interessantesten Filmfestivals in der BRD ist - und vielleicht
das, das am wenigsten von Eitelkeiten geprägt ist.
Julia Seipel
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