Falsch gelocht, Gutgrün?
Anlässlich der USA-Wahlen hatten wir Gelegenheit einiges
über die seltsamen Sitten der AmerikanerInnen zu erfahren. Dass
die kreisrunde Gestalt des Hamburgers durch maschinelle Herstellung
zustande kommt hatten wir längst geahnt, aber dass dort auch
Präsidenten automatisch gelocht werden - also ich hätte
das nicht gedacht. Klar, dass ein gewisser Ärger aufkommt, wenn
solche Apparate dann nicht richtig funktionieren, Hamburger und Pizza
am Ende eckig verspeist werden müssen oder der Präsident
republikanisch statt demokratisch herauskommt.
Wieviel weniger fehleranfällig ist da doch das Abstimmen
ganz ohne mechanische Hilfsmittel: Den Finger zu heben lernt man
schließlich bereits als ABC-SchülerIn.
Fürwahr: Selbst das kann mal schiefgehen. Einen Augenblick
nicht aufgepasst. Den Finger gehoben, weil man mal Pipi will. Und
dann hatte die Lehrerin gerade gefragt, wer die Türklinke mit
Zahnpasta eingeschmiert hat und dafür mit dem Rohrstock auf
die Finger kriegt.
Die Nürnberger Bündnis90/Grünen und der Gute Stadtrat
mussten ja kürzlich eine ähnlich bittere Erfahrung mit
den Tücken demokratischer Methoden machen. Eigentlich wollte
die CSU ja die Finanzen der Kulturläden ruckzuck kürzen.
Dabei hatte sie aber den Fehler gemacht den falschen Kulturreferenten
herumzuschicken, der den dort engagierten Leuten erklären sollte,
wie toll es ist mit weniger Geld auszukommen.
Statt Begeisterung erntete er Zorn, und da es auch nicht ganz
auszuschließen war, dass sich einige CSU-WählerInnen unter
den Zürnenden befänden, dachte man sich: «Wir lassen
uns ein Gutachten machen, wo drinsteht, dass Sparmaßnahmen eine
feine Sache sind. Dann nämlich sind hinterher nicht wir schuld
an den Kürzungen, sondern das Papier - und Papier ist ja bekanntlich
geduldig auch gegen Volkszorn und hat vor allem keine Ambitionen
auf einen Bürgermeisterposten.
Soweit zur Vorgeschichte. Nun mussten die bereits beschlossenen
Kürzungen in ihrer alten Form ja zurückgenommen werden
und in ihrer neuen Form später stattfinden, aber dafür
begutachtete Kürzungen wieder abgesegnet werden. Bürgermeister
Scholz hatte die Wahl, zwei Abstimmungen zu machen und zum Abendessen
zu spät zu kommen - Abstimmung 1: Kürzungen weg, Abstimmung
2: Gutachten her - oder über beides gleichzeitig abstimmen zu
lassen, und auf dem Weg nach Hause sogar noch einen Schoppen nehmen
zu können. Wir müssen nicht raten wofür er sich entschied.
Das Rätsel aber bleibt, warum die Grünguten für Gutachten
und somit für Kürzungen stimmten, obwohl sie zuvor bis
zum Gehtnichtmehr gegen die Kürzungen gestänkert hatten.
Hatten sie den Finger vielleicht nur gehoben um zu fragen, ob sie
denn bitte mal austreten dürften?
Kann sein! Sowas kann ja auch mal passieren. Unsere Nürnberger
Gutgrünen sind aber immerhin schlauer als die Amis. Während
Erstere sich aufregen, falsch gewählt zu haben, machten Zweitere
aus ihrer Not eine Tugend und stellten nun selber den Antrag aufs
Kürzungsgutachten - was übersetzt so viel heißt: Für
welchen Mist ich auch immer stimmen tu, es ist auf jeden Fall ein
sorgfältig durchdachter und wohl erwogener Mist.
Geht von mir aus in Ordnung liebe Bündnisguten: Doch um
Eines bitte ich: Macht sowas nicht öfter, denn wozu zum Teufel
sollte ich mir sonst noch Glossen ausdenken.
Michael Liebler
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