Ein besetztes Haus ist wie ein neues Leben
Erinnerungen an bewegte Zeiten in Nürnberg
Wir schreiben das Jahr 1980. Die HausbesetzerInnenbewegung
ist gesamtgesellschaftlich Thema und groß in allen Medien. Schlagzeilen
wie «Skandal! Spekulant läßt Haus verfallen!»
empören viele. In Berlin existieren über 160 instandbesetzte
Häuser. «Rock gegen rechts»-Festivals locken tausende,
besonders junge Leute an. Die NPD kann, im Gegensatz zu heute, keine
größeren Veranstaltungen ohne heftigste Attacken durchführen,
Bundesparteitage sind unmöglich. In Frankfurt tobt der Kampf
um die Startbahn West, in Brokdorf wird ebenso kompromisslos die
Staatsmacht attackiert. Auch in Nürnberg fühlen sich Jugendliche
von der linksradikalen Bewegung angezogen. Die ehemaligen 68-er,
längst aufgespalten in Grüne, K-Gruppen oder in Landkommunen
verschwunden, bieten keine Orientierung mehr. «Bei denen war
die Luft raus», so Max, einer, der dabei war. Sein Freund Moritz
ergänzt: »Wir orientierten uns an den Autonomen. So kam
es, dass ein paar Leute nach Berlin fuhren, um dort in Erfahrung
zu bringen, wie man Häuser besetzt.»
Kein Wunder, denn die betreffenden Jugendlichen waren gerade
selbst auf Wohnungssuche. Doch niemand wollte gerade mal 17-jährigen,
die zudem keine Arbeit hatten, auch nur ein Zimmer vermieten. Um
dieTräume von einem gemeinsamen Leben und Kollektivität
schien es schlecht bestellt. So kam es, dass an Weihnachten 1980
zu einer «Überraschung» ins KOMM, heute sattsam
als K4 bekannt, geladen wurde. «Bringt Schlafsäcke mit!»,
hieß es in den Flugblättern, die großflächig
verteilt wurden. Und was damit gemeint war, das war zu jenen Zeiten
klar. Die Frage war nur: Welches Haus wird besetzt?
Das zu Weihnachten anstehende Besetzungs-Jubiläum betrifft
ein inzwischen abgerissenes Gebäude in der Johannisstraße
70, unweit des Stadtteilzentrums DESI.
Etwa 200 Leute, eine aktuell unvorstellbare Zahl, haben sich im
KOMM versammelt, die Stimmung ist angespannt, doch auch unglaublich
viel Energie vorhanden. Leute aus verschiedenen Gruppierungen, hauptsächlich
Jüngere, die sich gegenseitig überschätzen und hohe
Erwartungen haben, sich aber auch gegenseitig anspornen, sind gekommen.
Die Stimmung in der Stadt ist danach, Revolte liegt in der Luft.
Etwa 30 bis 50 Aktive waren im Vorfeld in Sachen Hausauswahl unterwegs
gewesen. Dann wird das Objekt, die «Jo 70» bekanntgegeben.
Da vorher ein anderes Haus im Gespräch war, warten einige, die
direkt loslegen wollen, vor der falschen Tür. Doch schließlich
haben etwa 200 Leute die «Jo 70» besetzt. Während
draußen die erste einsame Polizeistreife vorbeifährt, die
nur ausgelacht wird, wird drinnen ein Plenum über den Umgang
mit der Staatsmacht abgehalten.
Spontis und Chaoten
«Wir hängten gleich Transparente aus den Fenstern und
hatten das Konzept, aufs Dach zu gehen. Das wäre zwar wahrscheinlich
zusammengebrochen, aber dieses Vorgehen zeigt, wie relativ unorganisiert
und spontihaft wir waren», erinnert sich Max. «Interessant
war, dass die Lakaien des Staates gar nicht mehr auftauchten»,
ergänzt Moritz. «Im Gegensatz zu heute hielten sie sich
damals noch an gewisse rechtsstaatliche Regeln. Immerhin hätte
ein vom Besitzer beantragter Räumungsbefehl vorliegen müssen,
den die nicht hatten. Auch etwas heute Undenkbares.»
In der Tat waren die Besitzverhältnisse um das Anwesen ungeklärt.
Die ehemalige Besitzerin war verstorben und es gab eine ominöse
Erbengemeinschaft, die aber jahrelang nicht zu ermitteln war, was
zu dem über sechsjährigen Leerstand geführt hatte.
Die BesetzerInnen wussten das, glaubten aber etwas naiv, dass das
Gebäude «dann wohl der Stadt» gehöre, was so
natürlich nicht stimmte. «Aber unser Motto damals war:
Erstmal machen, dann fragen», grinsen Max und Moritz.
Ein neues Leben
So nahm ein selbstbestimmtes Leben seinen Lauf. In den nächsten
Tagen lief halb Johannis zusammen, der Stadtteil bewies eine erstaunliche
Solidarität. Geschenke, Spenden, Möbel, Essen und viele
Plätzchen aufgrund der Jahreszeit wurden vorbeigebracht und
viele, die keine Angst vor den «Chaoten» hatten, kamen
einfach auf einen Plausch vorbei. «Natürlich waren viele
einfach neugierig, aber es war doch beeindruckend. Damals gab es
eben noch diese sprichwörtliche liberale Öffentlichkeit»,
so Max.
Auch die Medien taten das ihre dazu, indem sie fleißig über
die Sensation der Hausbesetzung im provinziellen Nürnberg berichteten.
Bald standen JournalistInnen vor der Tür der «Jo 70»
Schlange, um Exklusivinterviews zu ergattern, allen voran die Nürnberger
Nachrichten als Lokalblatt. «Wir waren das Stadtgespräch.
Bald wählten wir aus, wer herein darf, um zu berichten und wer
nicht. Die Quick zum Beispiel flog raus, alle Geldangebote wurden
natürlich abgelehnt», erinnert sich Moritz. Generell aber
arbeitete die Stimmung für die BesetzerInnen. Ein Radiobeitrag
für den «Zündfunk», der aus jener Zeit noch
erhalten ist und erstaunlich parteiisch auf Seiten der Besetzung
steht, legt davon Zeugnis ab.
So kam es, dass das Haus zu Silvester, zur Jahreswende 1981,
immer noch besetzt war. Mittlerweile hatte es sich eingependelt,
dass etwa 25 Leute darin lebten, zu zweit oder zu dritt jeweils in
einem Zimmer. «Es war eine Phase euphorischer Hochstimmung»,
so das Resümee von Max und Moritz, die sich beide von jener
Zeit stark geprägt fühlen und froh sind, diese Zeit eines
freieren Lebens gehabt zu haben. «Es gab in der Veilodterstraße
ein weiteres, selbstverwaltetes Kulturprojekt, dem vom Vermieter
gekündigt worden war. Daraufhin besetzte die «Veile»
sich selbst, was die Bewegung nochmal vergrößerte.»
Tatsächlich hatte man die Perspektive zu bleiben, auch wenn
es heute etwas blauäugig wirken mag. Doch immerhin kamen Stadträte
zu Verhandlungen, Peter Schönlein, der damalige SPD-Bürgermeister,
äußerte sich in der NN.
Konkrete Verträge oder Forderungen gab es nicht, doch es
wurde tatkräftig instandbesetzt und renoviert, was das Zeug
hielt. «Ich fand es eine tolle Erfahrung, wie da zum Teil 12
oder 14 Stunden täglich gearbeitet wurde, und das ganz freiwillig,
von uns, die wir doch eigentlich die Maloche ablehnten. Aber selbstbestimmt
für sich zu arbeiten ist eben etwas ganz anderes und mit Lohnarbeit
nicht vergleichbar.» Die Augen leuchten, wenn Max sich an die
«Jo 70» erinnert.
Die Ereignisse um die Räumung des Projekts in der Veilodterstraße
boten ständig Anlass zu Demonstrationen in jener ereignisreichen
Zeit. «Mindestens zweimal wöchentlich waren wir auf der
Straße, bevorzugt abends im Dunkeln, wir gaben keine Ruhe und
hatten das Ziel, möglichst viel Rabatz zu veranstalten. Keine
einzige Demo war angemeldet, das stand gar nicht zur Debatte»,
beschreibt Moritz die Stimmung. Bis zu jenem denkwürdigen 5.
März, als im Komm die Massenverhaftung von 172 Leuten erfolgte
und über 140 Haftbefehle, bereits fertig kopiert, vorlagen,
als sich so manches brave Bürgerkind in Polizeigewahrsam vorfand
und im prophylaktisch geleerten Knast saß, rissen die Aktionen
des Nürnberger Besetzerrates NBR nicht mehr ab. Alles Berufsdemonstranten,
war die Meinung der Herrschenden in Bayern. Egal, wer nun tatsächlich
sympathisierte und an Demos teilgenommen hatte oder nicht, Sippenhaft
war das Prinzip.
Der Traum ist aus
Geräumt worden war die «Jo 70» am kalten Morgen
des 19. Februar 81 relativ unspektakulär. Die Polizei präsentierte
auf einmal einen Räumungsbefehl, eingeklagt von einem benachbarten
Juwelier, der das Haus erworben hatte. «Viele von uns waren
gerade unterwegs, in der Schule oder Arbeit. Die Anwesenden wurden
relativ unbrutal herausgeschleppt, wenn ich an heute denke, aber
die Aktion war natürlich überzogen.» Moritz sah nicht
den geringsten Grund, aufzugeben, und so jagte per Telefonkette in
der Folgezeit eine Aktion die nächste. Die Stadt, die versuchte,
das Problem auf Wohnungsnot zu reduzieren, bot 3 Wohnungen in der
Bucher Straße an, die jedoch viel zu klein waren. Aber dennoch
lebten einige ZeitzeugInnen eine Zeitlang dort. Scheinbesetzungen,
wilde Demos, Einzug in die Johannisstraße 47, unweit des alten
Objekts, die Polizei war jeden Tag bestens beschäftigt, Sonderschicht
war angesagt. «Uns ging es ja auch nicht um die Obdachlosenproblematik.
Wir orientierten uns an dem Berliner Georg-von-Rauch-Haus und wollten
einen Stützpunkt schaffen. Außerdem bezogen wir uns auf
die Guerilla, speziell auf die RAF und wollten keine sogenannte Ein-Punkt-Bewegung
sein, die nur ein Thema bearbeitet». Auch heute noch ist Max
wie damals stark internationalistisch orientiert und stolz darauf.
Die alten Grundsätze, wie alles gemeinsam auf Plenen zu besprechen,
wo es auch Vetorecht gibt und kein Geld von Stadt oder Staat zu nehmen,
hält er weiterhin hoch, ebenso Moritz.
Es folgte das Wohnprojekt «draußen im Walde»
in der Regensburger Straße 412, das so manchen ins Grüne
lockte und - nach Meinung von Max und Moritz - auch befriedete. Wieder
die Reduktion auf die Wohnraumknappheit, da es dort zuvor ein Obdachlosenprojekt
gab.
Würden sie heute wieder besetzen? Was ist aus den Utopien
geworden? Max und Moritz, beide noch organisiert, nicken nur. Und
zwei weitere damals Beteiligte ebenso. Auch wenn es unterschiedliche
Einschätzungen darüber gibt, wie viele Leute hängen
blieben, sind sich doch alle einig: Gelohnt hat es sich allemal.
Manche erleben in ein paar Wochen eben mehr als andere in ihrem ganzen
Leben.
Claudia Schuller
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