Auf dem legalen Weg in einen Polizeistaat?
Nach diversen Polizeieinsätzen fragt sich mancher Mensch «Sind
wir schon in einem Polizeistaat?». Der Jurist Fredrik Roggan weist
in seiner juristischen Dissertation nach, dass solche Polizeieinsätze
noch keine Kennzeichen eines Polizeistaates sind. Er sieht aber die Frage
aus einem tieferen juristischen Blickwinkel als berechtigt an und stellt
sich auch die Frage «Sind wir auf dem Weg in einen Polizeistaat oder
sind wir schon dort angekommen?». Schon 1982 hatten die Autoren Gössner
und Herzog in ihren «Ermittlungen in Sachen Polizei» den zukünftigen
Polizeistaat charakterisiert: «Nicht ein Polizeistaat alter Schule
steht zu befürchten, kein blind drein und um sich schlagender Polizeiapparat,
nein: ein «Polizeistaat» auf leisen Sohlen, voll elektronisch
gesteuert, technologisch, chemikalisch ausgerüstet und rechtlich abgesichert.
Mit Sinn für Nuancen, fein abgestuft innerhalb einer ungeheuren Spannbreite
zwischen klammheimlicher Prävention mittels Kontaktbereichsbeamten,
Jugendpolizisten und Computersystemen auf der einen Seite und nackter Repression
per bürgerkriegsähnlichem Massenaufgebot, Spezialkommandos und
modernster Waffengewalt auf der anderen Seite». Der Autor Roggan
geht nicht davon aus, dass wir bereits in einen Polizeistaat leben. Er
beschreibt mit juristischer wissenschaftlicher Herangehensweise den aktuellen
Weg «auf leisen Sohlen» in einen neuen deutschen Polizeistaat.
Roggan konzentriert sich bei seiner Darstellung auf die schrittweise
Entwicklung in Richtung auf mehr «innere Sicherheit» durch
Gesetzgebung oder Gerichtsurteile, im Voraus oder nachträgliche Legalisierung
polizeilicher und gerichtlicher Praxis. Er verweist auch auf die Ausnutzung
juristischer Lücken durch die Polizei und die schweigende Akzeptanz
neuer Ermittlungsmethoden und deren nachträgliche juristische Legalisierung
und Absicherung durch die Gerichte und GesetzesmacherInnen.
Schwerpunkte sind u.a. die Darstellung der Wandlung des Verhältnisses
von Justiz und Gesetzgebern zu den «machtbegrenzenden Verfassungsprinzipien»,
die als Erfahrung aus dem Faschismus formuliert wurden. Dazu gehören
das Trennungsgebot, das Ermittlungsverbot, die Zweckbindung von Daten,
die Offenheit und der «historische» Wille zur Begrenzung staatlicher
Eingriffe. Diese Wandlung wird bei folgenden Themen deutlich:
- Vorverlegung und Erweiterung von Befugnissen für Polizei und
Strafverfolgungsorgane als grundsätzliche Tendenz der Gesetzgebung,
z.B.operatives Ermittlungskonzept, verdeckte Vorfeldermittler (Spitzel),
geheimpolizeiliche Ermittlungsmethoden der Polizei
- Vorverlegung von Freiheitsverlust, Lauschangriff, Schleierfahndung
- Integration von Geheimdiensten in den Strafprozeß, Strategische
Rasterfahndung, BND als Bundesgeheimpolizei
Natürlich lassen sich diese Themen ausweiten. Mir fallen dazu Gen-Dateien,
Persönlichkeits- und Bewegungsprofile und die öffentliche Videoüberwachung
ein.
Beim Lesen fiel mir immer wieder auf, dass die strategische Vorgehensweise
bei der Durchsetzung von Polizeirechten, die technische Aufrüstung
und die Ablehnung von «demokratischer» Kontrolle des Polizeiapparates
sehr stark an Europol erinnert. Dieser Gedanke liegt eigentlich nahe, denn
die deutsche Polizei wird Europol-kompatibel gemacht.
Das Buch ist eine juristische Dissertation, was sich in Aufbau, Logik
und Sprache widerspiegelt. Dies sollte jedoch niemanden, der oder die sich
mit Repression und Antirepression beschäftigt, davon abhalten sich
durchzubeißen. Aber vor allem auch «demokratische JuristInnen»
sollten sich mit dieser Arbeit befassen, damit sie endlich aufwachen, sich
öffentlich zu den Entwicklungen zu Wort melden und auch aktiv gegen
diese Entwicklung hin zu einem Polizeistaat angehen. Nicht nur Menschen,
die in die Überwachung und die Justizmaschine geraten, sind von dieser
Entwicklung betroffen. Roggan zeigt auch auf, wie die Rechte der RechtsanwältInnen
abgebaut werden. Es kann zu spät sein, wenn irgendwann das große
Jammern beginnt, weil alle noch vorhandenen demokratischen Spielregeln
mit juristischer Legimitation abgebaut worden sind. Diese Entwicklung geht
auch unter Rosa/Grün ungebremst weiter. Europol lässt grüßen!
Walter
Fredrik Roggan, Auf legalem Weg in einen Polizeistaat. Entwicklung des
Rechts der Inneren Sicherheit» Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2000,
248 S., geb., 38.- DM.
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