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         zeitung für den grossraum nürnberg - fürth - erlangen
 
Nr. 3             Dezember 2000
INHALT

Editorial
Top Themen
Kommentar & Diskussion
Partisanen
Kulturrevolution
Glosse
Staat & Bewegung
Buch & Ausstellung
Zeitvertreib
Adressen
Impressum
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Editorial

Liebe LeserIn
Liebesbriefe und Abschied bis Februar... 


Top Themen

Die Linke ist angeekelt!
Interview um und über die Wahlen in den USA

In the Belly of the Beast:
Dem Aufstand in Seattle folgte die Repression gegen die US-Linke

"Chef, ich habe es für Dich getan"
Vor 20 Jahren: Die "schwierigen" Ermittlungen gegen den rechtsextremen Mörder Karl-Heinz Hoffmann

Tatort Zivilcourage
§129a Ermittlungen gegen Passauer Antifaschisten


Kommentar & Diskussion

Keine Klasse im Nahen Osten??
Diskussion: Linker Antisemitismus oder internationalistische Solidarität?  

Dem Ochsen ist das nicht gestattet
Kommentar von Moshe Zuckermann zu Israel und der deutschen Linken

Kommentierter Monatsrückblick
Wolfgang Schlicht blickt zurück 

Die Maßnahme
Tagebuch einer Qualifizierungsmaßnahme

"Linke Mythen in bunten Tüten"
Meinung: Tomek mags nicht tanzen lassen


Partisanen

Frauen in der Resistenza
Die historische Bedeutung weiblichen Widerstands in Italien 

In den Untergrund zu müssen war wie eine Beförderung
Die Geschichte der Partisanin "Mirka" 

"Obenauf die Kartoffeln, darunter die Flugblätter"
Giacomma Castagnetti: Als "Staffetta" in der Resistenza


Kulturrevolution

Mipsel Ritop Smorp
Projekt Log.in: Vernetzung als Kunstform

Female Sequences
Feminismus - Pop - Widerstand - Diskurs in Österreich 

Internationale Hofer Filmtage 2000


Rotes Haus
Eine unverkrampft politische Band im Interview

Glosse

Falsch gelocht, Gutgrün?
Warum die Nürnberger Grünen einmal falsch stimmten


Staat & Bewegung

Ein besetztes Haus ist wie ein neues Leben
Erinnerungen an die erste Hausbesetzung in den Nürnberger 80igern 

Auf dem legalen Weg in einen Polizeistaat?
Eine juristische Aufarbeitung über den gefährlichen Abgrund "Innere Sicherheit"

Für das Recht auf Bewegungsfreiheit
Residenzpflicht: Flüchtlinge sind Gefangene ohne goldene Ketten

"Das Spiel ist aus, Sie gehen jetzt nach Haus"
In Herzogenaurach wehren sich Jugendliche gegen Nazipräsenz

Antifaschismus macht Schule
Behörden ermitteln gegen Antifaschüler  

Luxemburg-Liebknecht-Demo
In Berlin trifft sich jährlich die Linke zum Gedenken 

Ökologisch Direkt
Ökologie-Netzwerk trifft sich

Jugend Umwelt Kongress


Erklärung an die "Szene"
Nürnberg: Projektwerkstatt löst sich auf 


Buch & Ausstellung

"Meine Krankheit heißt Auschwitz, und die ist unheilbar"
Eine verspätete Reminiszenz an die deutsch-jüdische Schriftstellerin Grete Weil

Va Banque!
Die Kulturgeschichte des Bankraubs 

VERBRIEFTE VERSÖHNUNG
Kritik: Ausstellung über die Briefe von Kindern an ihre Soldatenväter


Zeitvertreib

Veranstaltungen


The Radio ZParty Program

Staat & Bewegung

 

Auf dem legalen Weg in einen Polizeistaat?


Nach diversen Polizeieinsätzen fragt sich mancher Mensch «Sind wir schon in einem Polizeistaat?». Der Jurist Fredrik Roggan weist in seiner juristischen Dissertation nach, dass solche Polizeieinsätze noch keine Kennzeichen eines Polizeistaates sind. Er sieht aber die Frage aus einem tieferen juristischen Blickwinkel als berechtigt an und stellt sich auch die Frage «Sind wir auf dem Weg in einen Polizeistaat oder sind wir schon dort angekommen?». Schon 1982 hatten die Autoren Gössner und Herzog in ihren «Ermittlungen in Sachen Polizei» den zukünftigen Polizeistaat charakterisiert: «Nicht ein Polizeistaat alter Schule steht zu befürchten, kein blind drein und um sich schlagender Polizeiapparat, nein: ein «Polizeistaat» auf leisen Sohlen, voll elektronisch gesteuert, technologisch, chemikalisch ausgerüstet und rechtlich abgesichert. Mit Sinn für Nuancen, fein abgestuft innerhalb einer ungeheuren Spannbreite zwischen klammheimlicher Prävention mittels Kontaktbereichsbeamten, Jugendpolizisten und Computersystemen auf der einen Seite und nackter Repression per bürgerkriegsähnlichem Massenaufgebot, Spezialkommandos und modernster Waffengewalt auf der anderen Seite». Der Autor Roggan geht nicht davon aus, dass wir bereits in einen Polizeistaat leben. Er beschreibt mit juristischer wissenschaftlicher Herangehensweise den aktuellen Weg «auf leisen Sohlen» in einen neuen deutschen Polizeistaat.

Roggan konzentriert sich bei seiner Darstellung auf die schrittweise Entwicklung in Richtung auf mehr «innere Sicherheit» durch Gesetzgebung oder Gerichtsurteile, im Voraus oder nachträgliche Legalisierung polizeilicher und gerichtlicher Praxis. Er verweist auch auf die Ausnutzung juristischer Lücken durch die Polizei und die schweigende Akzeptanz neuer Ermittlungsmethoden und deren nachträgliche juristische Legalisierung und Absicherung durch die Gerichte und GesetzesmacherInnen.

Schwerpunkte sind u.a. die Darstellung der Wandlung des Verhältnisses von Justiz und Gesetzgebern zu den «machtbegrenzenden Verfassungsprinzipien», die als Erfahrung aus dem Faschismus formuliert wurden. Dazu gehören das Trennungsgebot, das Ermittlungsverbot, die Zweckbindung von Daten, die Offenheit und der «historische» Wille zur Begrenzung staatlicher Eingriffe. Diese Wandlung wird bei folgenden Themen deutlich:

- Vorverlegung und Erweiterung von Befugnissen für Polizei und Strafverfolgungsorgane als grundsätzliche Tendenz der Gesetzgebung, z.B.operatives Ermittlungskonzept, verdeckte Vorfeldermittler (Spitzel), geheimpolizeiliche Ermittlungsmethoden der Polizei

- Vorverlegung von Freiheitsverlust, Lauschangriff, Schleierfahndung

- Integration von Geheimdiensten in den Strafprozeß, Strategische Rasterfahndung, BND als Bundesgeheimpolizei

Natürlich lassen sich diese Themen ausweiten. Mir fallen dazu Gen-Dateien, Persönlichkeits- und Bewegungsprofile und die öffentliche Videoüberwachung ein.

Beim Lesen fiel mir immer wieder auf, dass die strategische Vorgehensweise bei der Durchsetzung von Polizeirechten, die technische Aufrüstung und die Ablehnung von «demokratischer» Kontrolle des Polizeiapparates sehr stark an Europol erinnert. Dieser Gedanke liegt eigentlich nahe, denn die deutsche Polizei wird Europol-kompatibel gemacht.

Das Buch ist eine juristische Dissertation, was sich in Aufbau, Logik und Sprache widerspiegelt. Dies sollte jedoch niemanden, der oder die sich mit Repression und Antirepression beschäftigt, davon abhalten sich durchzubeißen. Aber vor allem auch «demokratische JuristInnen» sollten sich mit dieser Arbeit befassen, damit sie endlich aufwachen, sich öffentlich zu den Entwicklungen zu Wort melden und auch aktiv gegen diese Entwicklung hin zu einem Polizeistaat angehen. Nicht nur Menschen, die in die Überwachung und die Justizmaschine geraten, sind von dieser Entwicklung betroffen. Roggan zeigt auch auf, wie die Rechte der RechtsanwältInnen abgebaut werden. Es kann zu spät sein, wenn irgendwann das große Jammern beginnt, weil alle noch vorhandenen demokratischen Spielregeln mit juristischer Legimitation abgebaut worden sind. Diese Entwicklung geht auch unter Rosa/Grün ungebremst weiter. Europol lässt grüßen!

Walter

Fredrik Roggan, Auf legalem Weg in einen Polizeistaat. Entwicklung des Rechts der Inneren Sicherheit» Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2000, 248 S., geb., 38.- DM.