Die Linke ist angeekelt!
Ein Interview über und um die Wahlen in den USA am 7. November
Die Raumzeit hat ihre New Yorker Korrespondentin Ludmila
Svoboda zu den aktuellen Entwicklungen im amerikanischen Wahldebakel
befragt. Ludmila lebt seit 17 Jahren in New York und ist dort in
verschiedenen linken Basisgruppen aktiv.
RZ: Kannst du uns zunächst einmal von den Unregelmäßigkeiten
berichten, die nach dem Wahltag am 7. November im Zusammenhang mit
den US- Präsidentschaftswahlen bekannt wurden?
Ludmila: Am 9.November hat die Gesellschaft für afrikanische
AmerikanerInnen Befragungen in Südflorida, wo viele MigrantInnen
leben, durchgeführt. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass es
definitiv eine illegale Einflußnahme auf die Wahlen in einigen
Bezirken Floridas durch staatliche Stellen gab. So sind Wahlurnen
verschwunden, in Palm Beach war ein gesamtes Wahllokal abgerissen
worden, ohne die WählerInnen zu informieren, die dann auch nicht
wählen konnten. In Hillsborough County hat ein Mann illegalerweise
Flugblätter in einem Wahllokal verteilt auf dem davor gewarnt
wurde, die Demokraten zu wählen, da dies die Partei des Ku-Klux-Klans
sei. In einem anderen Wahllokal wurden die WählerInnen nach
ihrem Ausweis gefragt, was in Florida gesetzwidrig ist. In Palm Beach
wurden die Wahlzettel, angeblich wegen besserer Lesbarkeit, so verwirrend
gelayoutet, dass eine sehr hohe Zahl von jüdischen SeniorInnen
plötzlich den Rechtspopulisten Buchanan wählte. Auf diese
Weise erhielt Buchanan über 4000 Stimmen, die er sonst niemals
gekriegt hätte. Viele MigrantInnen berichteten davon, dass es
ihnen allgemein schwer oder unmöglich gemacht wurde zu wählen.
RZ: Nun gibt es in den USA schon seit vielen Jahren Wahlen. Denkst
du, dass es solche Vorfälle auch früher schon gegeben hat?
Ludmila: Mit Sicherheit! Interessant geworden sind solche Unregelmäßigkeiten
bei diesen Wahlen nur weil das Ergebnis so knapp war und der Ausgang
der Präsidentschaftswahlen von einem Bezirk in Florida abhing.
RZ: Worin liegen eigentlich die Unterschiede zwischen den Kandidaten
Bush und Gore?
Ludmila: Die Programme der Beiden sind sich sehr ähnlich.
Es gibt dennoch ein paar wichtige Punkte, bei denen sie sich klar
unterscheiden. Einer wäre die Frage der Abtreibung. Ein Präsident
Bush wird alles daran setzen, das Recht auf Abtreibung abzuschaffen.
RZ: Von hier aus betrachtet, stellt es sich immer so dar, als
wäre Bush der Konservative und Gore eben der Sozialere. Wählt
nun die Linke in den USA Gore als das geringere Übel?
Ludmila: Nein, die Linke ist angeekelt von Gore und den Demokraten.
Unter Clinton und Gore als Vizepräsident wurde die Demokratische
Partei weit nach rechts geführt. Alle Sozialleistungen wurden
abgeschafft. Die Todesstrafe findet mittlerweile viele AnhängerInnen
bei den Demokraten. Ihren Wahlkampf haben sie mit fragwürdigen
privaten Geldern finanziert. Die Linken in den USA, die zur Wahl
gegangen sind, dürften ihre Stimme wohl eher Ralph Nader, dem
Kandidaten der Grünen, gegeben haben. Dieser hat zumindest versucht,
kritische Themen, wie die Privatisierung von Gefängnissen, die
Schul- oder Rentenreform während des Wahlkampfes anzusprechen.
Allerdings wurde er zu den großen Rededuellen zwischen Bush
und Gore nicht eingeladen.
RZ: Ralph Nader gelang es in einigen Bundesstaaten, wie zum Beispiel
in Alaska, weit mehr als 10 Prozent der Stimmen zu gewinnen. Hat
er sich im Laufe des Wahlkampfes und jetzt danach zu einer ernsthaften
politischen Größe in den USA entwickeln können?
Ludmila: Nein, landesweit lag er bei nur circa drei Prozent. Dass
heißt vor allem: Er bekommt keine Wahlkostenerstattung. Die
gibt es in den USA erst ab fünf Prozent. Wir sind deswegen auch
ein wenig enttäuscht, da wir schon damit gerechnet hatten, dass
er die fünf Prozent schaffen wird. Er selbst jedenfalls hat
angekündigt, in vier Jahren wieder kandidieren zu wollen.
RZ: Du hast erzählt, Ralph Nader hätte versucht, Themen,
die auch innerhalb der Linken diskutiert werden, in den Wahlkampf
einzubringen. Die Privatisierung von Knästen ist eines davon.
Kannst Du uns hierzu etwas mehr berichten?
Ludmila: Seit Mitte der 80er Jahre gibt es eine Entwicklung im
US-Strafvollzugssystem, die von Anfang an auf Widerstand nicht nur
in der Linken gestoßen ist. Viele der US-Knäste wurden
verkauft und nach privatkapitalistischen Maßgaben organisiert.
Die Zahl der Gefangenen hat sich im Zuge dieser Entwicklung seit
1985 vervierfacht. Die USA haben die größte Gefangenenzahl
in Relation zur Bevölkerung unter den westlichen Industriestaaten.
Dass hierbei der weitaus größte Teil Nichtweiße sind
ist klar.
RZ: Werden in den USA auch Abschiebeknäste privatisiert?
Ludmila: Ja, diesen Trend kann man gut in New York und New Jersey
beobachten. Hier gibt es zwei Knäste, die in der Nähe internationaler
Flughäfen gelegen sind und die von der INS (Immigration and
Naturalization Service) als Abschiebeknäste genutzt werden.
Illegalisierte sitzen dort oft mehrere Jahre ein.
RZ: Worin liegt nun der Unterschied zu dem Strafvollzugssystem
anderer Länder?
Ludmila: Privatisierte Knäste lohnen sich erst, wenn sie
voll sind. So hat eine Studie nachgewiesen, dass es einen direkten
Zusammenhang gibt zwischen der Zahl der leeren Betten in den beiden
Knästen und der Zahl von Razzien in Vierteln, in denen die Polizei
Illegalisierte vermutet.
RZ: Wenn hierzulande von der US-Innenpolitik berichtet wird, geht
es meistens um die Todesstrafe. War die auch Thema im Wahlkampf?
Ludmila: Weniger, denn sowohl Bush als auch Gore sind Befürworter
der Todesstrafe. Einzig Nader hat dagegen opponiert, weswegen er
auch nicht zu den landesweit ausgestrahlten Wahldebatten zugelassen
wurde. Aber ich denke, dass der Widerstand gegen die Todesstrafe
wachsen wird. 1999 wurden 98 Menschen hingerichtet, ein Drittel davon
in Texas. Das ist die höchste Zahl, seit die Todesstrafe 1976
wieder eingeführt wurde, und eine Steigerung von 44 Prozent
gegenüber 1998. Neben diesem «Hinrichtungswahn»
gibt es mittlerweile auch eine breite Protestbewegung, nicht zuletzt
weil eine Reihe von Hingerichteten, wie sich später herausstellte,
unschuldig war. Selbstredend ist auch der größte Teil der
Insassen in den Todeszellen nicht weiß.
RZ: In der aktuellen Diskussion um die Wahlen in den USA werden
zunehmend Stimmen laut, die eine Reform des Wahlsystems fordern.
Kannst du kurz erklären, wie die Mehrheitswahl mit dem Wahlmännersystem
überhaupt funktioniert?
Ludmila: Es ist ein antiquiertes, rassistisches Wahlsystem. Ein
guter Effekt dieser Wahl könnte eine Reformdebatte sein. Das
System der Wahlmänner geht zurück auf 1787, als die amerikanische
Verfassung in Kraft trat. Um den Südstaaten, die Angst davor
hatten, in einem Staatenbund zu kurz zu kommen, den Beitritt zur
Union schmackhaft zu machen, wurden ihnen mehr Wahlmänner in
Relation zur Bevölkerung zugestanden als den Nordstaaten. Begründet
wurde dies mit der Zahl der Sklaven, die zwar nicht wählen durften,
aber als Dreifünftel Menschen verrechnet wurden. Aus diesem
Grund haben auch heute noch Staaten wie Virginia einen überproportionalen
Stimmenanteil im Wahlmännergremium.
Solche Sachen werden in der Linken schon länger diskutiert.
Dass die bürgerlichen Medien dies jetzt aufnehmen, kann ich
nicht sehen.
RZ: Wer wird denn nun der neue Präsident?
Ludmila: Das ist (mir) letztlich völlig egal. Aber ich denke,
dass das juristische Tauziehen um den Wahlsieg in Florida vor dem
Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten enden wird. Und der
wird für Bush entscheiden.
RZ: Merci vielmals.
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