«Meine Krankheit heißt Auschwitz, und die ist unheilbar»
Eine verspätete Reminiszenz an die deutsch-jüdische
Schriftstellerin Grete Weil
Die deutschsprachige Nachkriegsliteratur ist reich an Spiegelungen
zum Auf und Ab vor, während und nach der Ära Hitler. `Bewältigung'
lautet die Parole, der sich das Gros der AutorInnen des Wiederaufbaus
verpflichteten. Zumindest jene Werke, die noch heute als Klassiker
präsent sind, arbeiten schwer an der Beseitigung jener Schutthaufen,
die sich über die ehemaligen völkischen Deutschen gestülpt
hatten. Denn der Heimatverlust im Osten (Grass' «Danziger Trilogie»),
das Trauma von Krieg und Soldatenrückkehr (Böll, Borchert,
Gerd Gaiser), und die zerbombten Städte (Nossacks «Der
Untergang») behindern eine rasche Rückkehr zur geistigen
Normalität. Die `Vernichtung des anderen', der eigentlich hätte
ein entscheidender Platz zufallen müssen, erscheint aus heutiger
Sicht unterrepräsentiert. Man könnte die These wagen:
Der Literaturbetrieb der Westzonen/BRD verrammelt seine Türen
vor fast allen von den NationalsozialistInnen vertriebenen AutorInnen.
Und vollendete somit kulturpolitisch, was unter Hitler begonnen hatte.
Im westlichen Nachkriegsdeutschland gelten EmigrantInnen wie Thomas
Mann, die sich im Exil für Propagandaorgane der Alliierten engagiert
haben, als VerräterInnen, die sich «als Vertreter der
besseren Seite aufführen würden», wie eine Umfrage
von 1947 zeigt. (1) Ihre Perspektive stört die Sehnsucht nach
einem neuen Selbstwertgefühl. Verleger wie Peter Suhrkamp erkennen,
dass das Bedürfnis nach einer - geläuterten - nationalen
Identität nur von den AutorInnen der `inneren Emigration' (Eich,
Hesse, Nossack) und Kriegsheimkehrern (Böll) befriedigt werden
kann, deren Nöte mit denen der Bevölkerungsmehrheit übereinstimmen.
Rückkehrwillige AutorInnen der Emigration müssen abgedrängt
werden, soll sich die neue Generation vom Schreiben ernähren
können. Nach Jahren des Wartens im Exil hören unzählige
jüdische und linke AutorInnen erst nach 1945 auf literarisch
zu existieren.
Ein Schicksal, dem sich die 1906 am Tegernsee geborene Schriftstellerin
Grete Weil 1947 mit der Rückkehr ins «Land meiner Mörder,
Land meiner Sprache» entgegenstemmt. «Es bleibt mein
Land, ob ich es mag oder nicht. (Und sehr oft mag ich es nicht).»
Da sie Ende der 40er Jahre die arisierte Fabrik ihres Mannes zurück
erhält, kann sie sich eine lange resonanzfreie Durststrecke
leisten. Erst 1980 findet sie mit «Meine Schwester Antigone»
ein breites Publikum und 1988 mit dem Geschwister-Scholl-Preis für
«Der Brautpreis» literarische Anerkennung.
Alle Bücher Grete Weils umkreisen die tödlichen Jahre
des Exils 1933-45. Der Ausgangspunkt eines Textes ist grundsätzlich
ihre Biographie. Bereits im März 1933 wird ihr Mann, der Dramaturg
Edgar Weil, vorübergehend festgenommen, worauf sie beschließen
auszuwandern. Nach intensiven Vorbereitungen übersiedeln Edgar
und Grete Weil im Januar 1935 gemeinsam mit Gretes Mutter nach Amsterdam.
Der Versuch scheitert, während des Überfalls der Wehrmacht
auf Holland in Richtung England zu entkommen. 1940 treten die Nürnberger
Gesetze in den Niederlanden in Kraft. 1941 wird Edgar Weil verhaftet
und in Mauthausen ermordet. Bis zu ihrem Tod am 14. Mai 1999 wird
es Grete Weil als Bürde empfinden, dass sie überlebt hat,
statt ihm aus Solidarität nachgesprungen zu sein. Sie wird Mitglied
im jüdischen Rat, der ihr Schutz vor Deportation bietet und
sie gleichzeitig zwingt, im Auftrag der Gestapo die Vernichtung der
Juden Amsterdams zu organisieren. 1943 taucht sie unter und wird
im Widerstand tätig.
«Tramhalte Beethovenstraat» berichtet noch vergleichsweise
konventionell von täglichen Razzien, der allzu langen Verdrängung
von KZ's und Vernichtungslagern und der Suche nach einem Unterschlupf.
Bereits in «Meine Schwester Antigone» hat Grete Weil
die Blickrichtung gewendet. Die Vergangenheit ist jetzt nur noch
traumatisches Material, von dem aus sie Deutschlands Gegenwart kommentiert.
«Meine Schwester Antigone» spielt während einer
Fahndungswelle nach Mitgliedern der RAF. Grete Weils Lebensgeschichte
befiehlt ihr, Parallelen zwischen der Gestapo und den bundesrepublikanischen
Jagdszenen zu ziehen. Die Konfrontation mit einer vermeintlichen
Sympathisantin löst bei ihr das instinktive Verlangen aus, Unterschlupf
zu gewähren. Dass Weil die Ziele der LinksextremistInnen zuwider
sind, bleibt nebensächlich.
Jüdin wider ihr Selbstverständnis
«Ich, Grete, Spätgeborene in einer späten, zugrundegehenden
Welt hörte das Wort Jude, das ich nach dem Krieg nicht mehr
hatte hören wollen, noch sehr oft, gebrauchte es selbst, es
war zum Zwang, zum Bekennerzwang geworden, auch dann, wenn die Leute
es gar nicht hören wollten.» (Der Brautpreis) Grete Weil
hatte der Nationalsozialismus 1933 wider ihrem Selbstverständnis
zur Jüdin definiert. Weils stets persönlich gehaltene Bücher
ringen um Alternativen, die die Überreste der NS-Bewusstseinsmaschinerie
ihrer Wirkung entheben. «Zum erstenmal verstand ich, daß
ich mich habe abschaffen lassen. Es war nicht allein Hitlers Schuld.
Zu so was gehören zwei, einer, der's tut, und der andere, der's
hinnimmt. Er erließ irrwitzige Gesetze, ich habe sie befolgt.
Ich würde mich selbst nicht ernst nehmen, wenn ich mich darauf
beriefe, daß mir als Jüdin nichts anderes übrigblieb.»
(Meine Schwester Antigone)
Drastisch schildert Grete Weil ihr Verhältnis zum Judentum
in der Reiseerzählung «Gloria Halleluja» (1968).
Der Besuch im New Yorker Ghetto Harlem wird zum Schaulaufen durch
rassistische Vorurteile. Die Schwarzen beschimpfen sie als Weiße,
die Christen jagen sie als Jüdin davon. In einem Pfandhaus begegnet
sie Rosa Silber, einer gebürtigen Nürnbergerin, die von
medizinischen Versuchen im KZ gezeichnet ist. Wo in Europa sie zu
Hause ist, fragt Rosa Silber und quittiert die Antwort: «In
Deutschland» mit den Worten: «Sie Schlampe, Sie».
Grete Weil alias ihre Ich-Erzählerin: «Ich will es nicht
wieder tun. Nicht noch einmal überleben.» Beide Figuren
sind völlig in ihrer Rolle als Opfer gefangen. Im Unterschied
zu Roas Silber, die ihren Opferstatus zur Religion erhebt, ringt
sie allerdings zeitlebens um den Anschluss an die Gegenwart, denn
nur die kann ihr ein Schlupfloch in die Zukunft bieten.
«Gloria Halleluja», als Erstveröffentlichung
von Kritik und Publikum kaum wahrgenommen, ist seit letztem Herbst
wieder über den Buchhandel verfügbar, als Teil des Sammelbandes
«Erlebnis einer Reise», der neben der Schilderung eines
Urlaubs in Mexiko mit der titelgebenden Erzählung auch den einzigen
Text Grete Weils enthält, der aus den Weimarer Tagen erhalten
geblieben ist. Klaus Mann lobte damals die einfühlsame Beziehungsgeschichte
zwischen einem verwegenen forschen Jugendlichen und einem Liebespärchen,
die - aus der Rückschau gelesen - Grete Weils Schicksal in naiven
Tönen vorwegnimmt. Johnny, der Knabe, trägt alle Attitüden
des strammblonden Deutschen, die wenig später zur Metapher der
totalen Zerstörung Europas werden. Das Paar Maria und Peter
empfindet seine Dreistigkeit als charmant. Beide sind ihm unbewusst
ausgeliefert. Die ganz dem Stil der Boheme der ausgehenden 20er Jahre
verpflichtete Erzählung endet damit, dass Johnny ihr, Grete
Weil, den Geliebten entfremdet und schließlich nimmt. Der Geliebte
trägt Züge des im KZ ermordeten Edgar. «Marias Augen
überzogen sich mit Tränen. Durch einen feuchten Schleier
hindurch sah sie die beiden Gestalten, immer kleiner werdend, zu
einer einzigen zusammenschwinden.» Zufall? Oder Zeugnis einer
ungeheuerlichen politischen Sensibilität? «Meine Krankheit
heißt Auschwitz», lautet das vorzeitige Ende von Grete
Weils Geschichte, «und die ist unheilbar». Kein Zufall,
dass ihre im Alter verfasste Autobiographie «Leb ich denn,
wenn andere leben» bereits im Jahr 1946 schließt.
Martin Droschke
Grete Weil: Der Brautpreis. Frankfurt (Fischer) 1998. 238 Seiten,
DM 16,90
Grete Weil: Erlebnis einer Reise. Zürich (Nagel & Kimche)
1999. 154 Seiten, DM 34,80
Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben. Autobiographie. Zürich
(Nagel & Kimche) 1998. 255 Seiten, DM 39,80
Grete Weil: Meine Schwester Antigone. Frankfurt (Fischer) 1997.
154 Seiten, DM 16,90
Grete Weil: Tramhalte Beethovenstraat. `Zürich (Nagel &
Kimche) 1992. 211 Seiten, DM 36,80
(1) Jost Hermand/Wigand Lange: Wollt ihr Thomas Mann wiederhaben?
Deutschland und die Emigranten. Berlin (eva) 1999. Zitiert ist das
Nürnberger CSU-Mitglied Wilhelm Arnold.
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