VERBRIEFTE VERSÖHNUNG
Über die Wirkung der Ausstellung «Abends wenn wir essen
fehlt uns immer einer» -
Kinder schreiben an die Väter 1939 - 1945
Seit dem 5.Oktober 2000 ist im Nürnberger Museum für
Kommunikation (im Verkehrsmuseum) die Ausstellung «Abends wenn
wir essen fehlt uns immer einer» zu sehen, deren überwiegende
Exponate Feldpostbriefe sind, die deutsche Kinder ihren Vätern,
die sich an der Front befanden, zwischen 1939 und 1945 geschrieben
haben.
Laut Ankündigung stellen «Kinderbriefe eine Quelle
(dar), die in der Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg
bislang kaum beachtet wurde. Die Briefwechsel zeigen, wie Väter
und Kinder versuchten, über die Distanz so etwas wie ein normales
Familienleben aufrecht zu erhalten.»
Der/die BesucherIn wird beim Betreten der Museumsräume sogleich
von hellen Kinderstimmen, die über Lautsprecher Briefe an die
abwesenden Väter vorlesen, empfangen. «Lieber Papi! Als
ich gestern die Wiese gemäht hatte und mich an den Kaffeetisch
setzte, lag auf dem Teller ein Brief von Dir», schrieb am 10.6.1940
Hans-Hermann an seinen Vater, der damals in Polen war. Ein Wohnzimmer
aus dem Jahre 1939 ist auch aufgebaut, über Kopfhörer werden
Radio-O-Töne und Kinderreime abgespielt und ein deutscher Propagandafilm
ist zu sehen.
Obwohl in der Ausstellung einige Tafeln auf die Propaganda-Zwecke
der Feldpost hinweisen, haben die Briefe plus Familienfotos eine
eindeutige Wirkung. Die «teils krakeligen, etwas unbeholfenenen
Kinderschriften» sind für die/den BetrachterIn «ein
interessantes, manchmal wehmütig machendes Erlebnis»,
urteilte Ute Benz in einem Interview mit den Nürnberger Nachrichten.
Die Psychoanalytikerin war zu einer der zwei Begleitveranstaltungen
in Nürnberg. Ihr Thema: Beziehungen zwischen Kindern und Vätern
im Krieg. Ihr Fazit: «... das ist vielleicht das Interessante,
damit die jetzt lebende Generation die Menschen damals
differenzierter verstehen kann. Es dreht sich um die Frage, was
Trennungen bedeuten.»
Genau dieses «Verstehen» der Generationen ist die
Intention dieser Ausstellung.
Nähert man sich dem Nationalsozialismus und den deutschen
Verbrechen aus der Perspektive «unschuldiger» deutscher
Kinder, die ihre Väter vermissen, dann erzeugt dies Mitgefühl
und Entlastung, da es ja damals doch uns allen schlecht ging.
Ganz offen äußert sich der Macher dieser Ausstellung,
Benedict Burkard, in einem bei rororo erschienen Sachbuch über
seine Motive. Der Nationalsozialismus wäre für die in der
Nachkriegszeit geborenen das «Böse schlechthin»
gewesen, wer nachgespürt hätte, «ob, wie und warum
unsere Eltern sich in der Zeit von 1933 bis 1945 engagierten, der
hätte sich irgendwie `verunreinigt´ ». Und schließlich:
«Hier, bei der Überwindung dieser zu einfachen Gegenüberstellung
- gut und böse, schwarz und weiß - die schon in den letzten
Jahrzehnten mit der fortschreitenden Historisierung des Nationalsozialismus
zu beobachten ist, setzt die heilsame Funktion der Briefe ein.»
Bis auf eine Ausnahme werden nur Briefe von deutschen nicht-jüdischen
Kindern ausgestellt. Diese Ausnahme ist Ruth, ein jüdisches
Mädchen aus Bonn, die natürlich nicht ihrem Vater an der
Front schreibt, sondern ihrem Onkel Theo, der als britischer Soldat
in einem Kriegsgefangenenlager interniert war. Ruth und ihre Familie
wurden im Juli ´42 nach Weißrussland deportiert und ermordet.
Nicht nur, dass diese krasse Ausnahmesituation von Ruth in der
Gesamtausstellung vollkommen verschwindet und damit nicht mehr zwischen
Täter- und Opferfamilien unterschieden wird, sie ist auch das
einzige Kind von dem kein Foto gezeigt wird, weil «sich bislang
keine Fotografie hat finden lassen»
tomek
Vgl. auch die beachtenswerte Analyse von Günter Jacob in
«Stille Post 1-5», in Konkret 2-9/99 und in W. Schneider,
«Wir kneten ein KZ», Konkret Texte 24.
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