Keine Klasse im Nahen Osten??
Zwei Menschen aus der Linken diskutieren via Netz über Israel/Palästina

Orthodoxer Jude auf dem Weg zur Mauer in der westlichen Altstadt Jerusalems
Raumzeitung: Glaubt ihr, dass es in der Linken antisemitische
Tendenzen gibt?
Karen: Nein. Das würde auch kaum zu linken Vorstellungen
passen.
Susanne: Wenn du von der "deutschen Linken" redest, dann
würde ich das auf alle Fälle bejahen. Die Geschichte der
deutschen Linken seit 1967 strotzt nur so von antisemitischen Ausfällen.
Und heute, angesichts der aktuellen Situation in Israel/Palästina,
treten diese auch wieder deutlich zutage. Ich würde sagen, dass
der von deutschen Linken propagierte Antizionismus immer mit dem
zwanghaften Bestreben verbunden war, den Zionismus und Israel mit
dem Nationalsozialismus gleichzusetzen. Diese Gleichsetzung ist angefüllt
von antisemitischen Stereotypen.
K: Ganz im Gegenteil, ich bin der Meinung, dass der STAAT,
also in diesem Beispiel Israel, eben nicht mit den Leuten, die (neben
anderen) in ihm wohnen gleichgesetzt werden kann.
Das machen wir doch sonst auch nicht, z.B. welchEr deutsche Linke
würde sich mit dem deutschen Staat identifizieren? Als Linke
sind wir gegen jeden kapitalistischen Staat. Deshalb ist Kritik von
linken Menschen, egal aus welchem Land sie kommen oder in welchem
Land sie leben, natürlich notwendig und sind keine "antisemitischen
Ausfälle».
RZ: Was waren für dich Beispiele antisemitischer Stereotype,
Susanne?
S: Eines dieser Stereotypen ist für mich z.B. die
Gleichsetzung der Politik des Staates Israel mit "den Juden in aller
Welt". Diese ziehen natürlich die Fäden auch in den USA
und so wird Interessenspolitik von Weltmächten auf Verschwörungstheorien
reduziert. Überhaupt haben Linke hierzulande ein Faible für
Verschwörungstheorien. Viel wichtiger finde ich aber wirklich
diese zwanghafte Gleichsetzung israelischer Politik. Hier stehen
sich deutsche Konservative (der CDU-Politiker, der Paul Spiegel für
das verantwortlich machen will, was in Israel passiert) und deutsche
Linke sehr nahe, wenn z. b. die Tupamaros aus Westberlin argumentieren,
dass nach dem 6-Tage-Krieg Angriffe auf jüdische Einrichtungen
in Deutschland gerechtfertigt sind. Zugegebenermaßen ein alter
Hut, aber scheinbar immer noch aktuell, leider
Ein anderes Beispiel hat eher unbewusst mit einer Unterstellung
dieser Stereotype zu tun, z.B. wenn Linke - aufgrund ihrer verkürzten
Kapitalismuskritik - weiterhin von SpekulantInnen usw. reden. Das
hat eben nicht nur was damit zu tun, dass sie sich schlecht ausdrücken
können und sie nun mal "Neger" als "Pfuiwort" erkannt haben,
"Spekulant" aber nicht...
RZ: Was verstehst du unter verkürzter Kapitalismuskritik?
S: Ich finde es prinzipiell problematisch, wenn die Linke
am Kapitalismus lediglich die "Auswüchse" kritisiert. Dann wird
"der Spekulant" zum Bösen an sich und die Unterscheidung in
"schaffendes und raffendes Kapital» ist aufgemacht. Kritisiert
wird dann lediglich das "raffende", das historisch nun mal mit der
den Menschen jüdischen Glaubens zugewiesenen Rolle verbunden
ist.
K: Ich kritisiere nicht nur die "Auswüchse" wie z.B.
Spekulation, sondern den Kapitalismus insgesamt, der abgeschafft
werden muss. Ich verstehe auch nicht, warum du der Linken unterstellst,
dass sie zwischen "raffendem" und "schaffendem" Kapital unterscheiden
würde. Mir ist diese ökonomische Theorie bekannt, allerdings
als eine von den Nazis vertretene, nicht von den Linken. Sag mal
welche linken TheoretikerInnen, Strömungen, Schulen denn angeblich
diese Theorie vertreten?
RZ: Die Forderung der PalästinenserInnen nach einem
eigenen Staat steht nach wie vor im Raum. Wie sollte sich Eurer Meinung
nach die Linke diesbezüglich positionieren?
K: Ich denke, Linke - ich will da keine Unterscheidung
treffen, ob "deutsche" oder andere, denn ich würde mich nicht
darüber definieren, ob ich deutsche Linke oder Linke aus einem
anderen Land bin - sollten die Forderungen der PalästinenserInnen
unterstützen, weil es ein Kampf von Unterdrückten und Ausgebeuteten
ist. Dabei wäre mir auch der Klassenaspekt viel wichtiger als
die Frage um eine Staatsgründung, wobei natürlich für
mich nicht eine Staatsgründung per se gut oder schlecht ist,
sondern daran zu messen ist, ob es sich um die Zementierung kapitalistischer-imperialistischer
Zustände in der Welt oder um eine revolutionäre Veränderung
handelt.
Die Forderungen der PalästinenserInnen betreffen natürlich
auch für sie ganz existenzielle ökonomische Überlebensfragen,
da es um Land-in-Besitz-Nahme von israelischen SiedlerInnen, um fehlendes
Wasser in den palästinensischen Enklaven, um die Ab/Aussperrung
von ihren Arbeitsplätzen in Israel usw. geht.
S: Das Problem der Menschen jüdischen Glaubens war
immer, das sie verfolgt und verdrängt wurden und ihnen die Zuschreibung
"Volk" von außen aufgezwungen wurde. Somit war die Staatsgründung
die einzige Möglichkeit, der Verfolgung durch Nationalstaaten
zu entkommen.
Da Menschen jüdischen Glaubens nicht einer Klasse angehörten
- wohl aber immer unterdrückt wurden - ist ihre Staatsgründung
für dich nicht legitim? Nein, ökonomisch ging es "den Juden"
nicht unbedingt schlecht, ihnen mangelte es in Deutschland und Russland
z.B. nie an Wasser, wie den PalästinenserInnen in den Enklaven,
sie wurden nur umgebracht, keine Zeit, um ökonomisch unterdrückt
zu sein, oder?
K: Es ist doch Quatsch, so pauschal zu behaupten, dass
es "den Juden nicht schlecht gegangen sei und es ihnen in Deutschland
und Russland an nichts mangelte". Es gibt doch wohl unter den JüdInnen,
nicht anders als bei Menschen anderer oder auch vernünftigerweise
keiner Religionsgemeinschaft, Arme und Reiche. Auch heute in Israel
gibt es JüdInnen die arm sind, die ausgebeutet werden.
S: Eben! Da schreibst du ja selber, dass der Klassenbegriff
nicht passt, wenn du die Situation der verfolgten Menschen, denen
die Zugehörigkeit zu einem imaginären jüdischen Volk
nachgesagt wurde, beschreibst. Und wenn sie daraus als Verteidigungsstrategie
diese Zuschreibung annehmen und einen eigenen Staat fordern und durchsetzen
können, lässt sich das mit Klassenlage nicht beschreiben,
vielleicht aber mit Gerechtigkeit oder Notwehr...
K: Klassenkonflikte sind - leider - noch nicht abhanden
gekommen, sonst hätten wir glücklicherweise schon den Kommunismus
weltweit. Solange es Klassen gibt, solange gibt es auch Ausbeutung
des Menschen durch den Menschen, d.h. Aneignung von Mehrwert aus
der Arbeitskraft durch KapitalistInnen. Und solange diese Ausbeutungsverhältnisse
bestehen, solange gibt es auch einen Klassenantagonismus. Das ist
die objektive Seite. Eine andere Frage ist, wann dieser Widerspruch/Gegensatz
sich in revolutionäre Kämpfe umsetzt, dabei spielt vor
allem auch der subjektive Faktor eine Rolle. Und wenn z.B. schon
du behauptest, die Klasse sei "abhanden gekommen", dann zeigt das
nur, dass revolutionäre Veränderungen eben schwierig sind,
in Situationen, in denen den Ausgebeuteten - und das ist immer noch
die Mehrheit der Menschen - das Bewusstsein dafür fehlt.
S: Also, ich weiß nicht, bei den Leuten die heute
in den palästinensischen Autonomieregionen das Sagen haben von
revolutionärer Veränderung zu sprechen finde ich schon
ziemlich krude!!!
Ich finde es ganz schön eurozentristisch, den Konflikt in
Ruanda/Burundi als einen zweier schlechter Staaten zu beschreiben.
Im Konflikt Israel/Palästina geht es auch nicht um eine Parteinahme
mit einer Religionsgemeinschaft, aber eben auch nicht um den verzückten
Blick auf ein neues "Revolutionäres Subjekt". Wie ordnest du
denn die Vision eines halbfeudalistischen Staates in deine Klassentheorie
ein?
Auch das was die Leute, die sich als PalästinenserInnen beschreiben
momentan veranstalten, hat nichts mit Klassenlage zu tun. Es veranlasst
deutsche Linke aber scheinbar nicht die PLO-Führung zu kritisieren.
RZ: Wie sieht es denn mit dem Solidaritätsbegriff
aus. Sollten sich deutsche Linke zu dem was in Palästina/Israel
passiert gar nicht verhalten, oder ist der Kampf der PalästinenserInnen
eine Befreiungsbewegung, die in jedem Fall unterstützt werden
muss?
S: Für mich hätten deutsche Linke viel eher die
Aufgabe die Politik des deutschen Staates im Bezug auf Israel/Palästina
zu kritisieren, das wird ihnen aber schwer fallen, da sie sich in
bestimmten Punkten mehr als nahe stehen. Unsäglich ist es darüber
hinaus, wenn (wie in Barricada 11/2000) sie den Staat doch endlich
mal von seiner Gründungsgeschichte trennen wollen. Welche Konsequenz
hat das dann? Die Juden ins Meer treiben?
K: Klar ist internationale Solidarität mit unterdrückten
und unter ökonomischer Ausbeutung leidenden Völkern eine
Aufgabe der Linken, auch der deutschen, auch wenn es um »die
Palästinenser" geht. Dabei wäre es vor allem wichtig, fortschrittliche
Strömungen darin zu unterstützen, die es aber nicht nur
unter den PalästinenserInnen gibt, sondern auch in der jüdischen
Bevölkerung in Israel, wie z.B. die Rechtsanwältin und
Schriftstellerin Felicitas Langer.
S: Erste Frage wäre da: Warum soll sich die deutsche
Linke denn gerade zum Konflikt auf dem Gebiet des Staates Israel
verhalten? Wie hat sich die deutsche Linke denn zu dem Konflikt in
Ruanda/Burundi verhalten? - Warum da nicht, hier schon?
K: Für Linke ist es nicht die Frage, sich zu irgendeinem
Konflikt zwischen zwei schlechten Staaten zu verhalten (siehe warum
nicht zu Ruanda/Burundi), sondern zu Klassenkonflikten und Konflikten,
die unterdrückte Völker mit unterdrückenden Staaten
haben.
Bei dem Konflikt Israel/Palästina geht es nicht um "ins Meer
treiben", wie du unterstellst, sondern es geht darum, daß ALLE
Menschen in dem Land dort gemeinsam gleichberechtigt leben können.
Sonst ist die deutsche Linke auch für offene Grenzen für
alle, warum sollten wir bei Israel dann auf einmal einem Rassismus
oder einer Religionsgemeinschaft das Wort zu reden?
S: Es ist immer ziemlich einfach sich auf radikale Linke
in Israel zu beziehen, die den Staat in dem sie leben fundamental
kritisieren. Viele sagen aber gleichzeitig, dass sie sich diese Kritik
aus Deutschland verbitten würden. Das kann mensch nun beurteilen
wie sie will, ich habe dafür angesichts deutscher linker Geschichte
vollstes Verständnis. Für mich ist die Frage wirklich,
warum deutsche Linke immer dann in vorderster Front - und Front meine
ich hier wirklich - stehen, wenn es um die Kritik am Staat Israel
geht.
Und damit meine ich nicht, dass dieser Staat jenseits von Kritik
steht. Ich meine nur, dass so wie die Kritik der deutschen Linken
in den letzten 33 Jahren ablief, sie jetzt wirklich besser mal das
Maul halten sollte.
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