Kommentierter Monatsrückblick
Gäbe es das fortdauernde Wahldebakel bei den Präsidentschaftswahlen
nicht ausgerechnet in den USA, einem der Länder mit ausgeprägter
Selbstgerechtigkeit in Sachen Demokratie, würden internationale
WahlbeobachterInnen zu Neuwahlen raten. Nachdem zuvor eine von parteipolitischem
Interesse unabhängigere Justiz sowie ein Wahlverfahren und ein
Wahlsystem geschaffen wurde, das den Wähler- und Wählerinnen-Willen
widerspiegelt. «Ordnungsgemäße Wahlen in den USA»,
das war bisher eine gemeinsame Übereinkunft, so zu tun als ob,
keine Realität. Auch neue KandidatInnen wären von Nöten.
Die beiden aktuellen Aspiranten auf die Präsidentschaft haben
gezeigt, dass es ihnen nicht um eine saubere Auszählung, sondern
um die Erlangung der Macht mit allen möglichen Mitteln geht.
Bush fordert, man solle aufhören zu zählen, droht woanders
aber Neuzählungen zu erklagen. Beide kündigen an, die Rechtmäßigkeit
des Hawaii-Ergebnisses anzuzweifeln - allerdings nur, wenn sie zum
Verlierer erklärt werden.
Auf einen von Anwälten und Justiz bestimmten Sieg ihres Lobbyisten
George Bush jun. müssen Firmen wie Shell und Texaco allerdings
gar nicht warten.
Deren Großkapitalinteressen gegen eine Klimaschutzkonvention
setzten die USA schon jetzt durch.
Dass ökologische Großkatastrophen
auch ökonomische Großkatastrophen sind, ist allen Beteiligten
klar. Doch kümmert das nicht weiter, weil die Betroffenen nicht
die Profiteure der Treibhaus-Emmissionen sind.
Wenn pazifische Inseln
im Meer versinken, ist das eine Katastrophe für die Menschen,
die dort leben, nicht für die USA.
Und wenn Wirbelstürme,
Sturmfluten und Erdrutsche Häuser und Existenzen vernichten,
schmälert das nicht die Milliardengewinne von Shell und Texaco.
Im Nahen Osten versucht der noch amtierende Präsident Clinton
weiterhin vergebens, einen Frieden ohne Konfliktlösung zu erreichen.
Und die israelische Regierung mit ihrem gegenüber Palästina
weitaus höheren Terrorpotential lebt in dem Wahn, einen Frieden
durch Gewalt erreichen zu können; einen Frieden ohne ausreichende
Zugeständnisse.
Nur anderthalb Jahre hat Ehud Barak regiert; doch das Zerstörungswerk
des israelischen Regierungschefs ist gewaltig: Neuer Hass wurde gesät
zwischen Israelis und PalästinenserInnen; auch zwischen israelischen
JüdInnen und israelischen AraberInnen. Neue Feindschaft zu den
arabischen Nachbarstaaten wurde aufgebaut. Baraks Politik scheiterte
so katastrophal, weil es Barak immer zuerst um den eigenen Machterhalt
ging, weil der Friedensprozess sich immer diesem Hauptziel unterordnen
musste. Barak agierte lieber fürs heimische Fernsehpublikum
als diplomatisch; ließ sich für die Einzelinteressen religiöser
FundamentalistInnen einspannen, unterstützte den friedensfeindlichen
Siedlungsbau und sieht auch jetzt einen Friedensvertrag nur als Chance,
die beschlossenen Neuwahlen doch zu gewinnen.
Saudi-Arabien hat nicht nur durch den Abzug seines Botschafters
aus Israel Schlagzeilen gemacht, sondern auch durch ein Plagiat:
Die saudische Regierung setzt sich ein für die Leitkultur, nicht
für die deutsche, sondern für die arabische: Der Ramadan,
so heißt es, gelte auch für Fremde; wer dessen Regeln missachte,
dem drohten Arbeitsplatzverlust und Ausweisung. Intoleranz, wie wir
sie von der Union kennen.
Die deutsche Leitkultur, sie ist inzwischen zur «Leitkultur
in Deutschland» mutiert und mit weiteren Schlagwörtern
inhaltlich gefüllt worden: Zur «Leitkultur in Deutschland»
gehörten erstens Christen- und Judentum. Na so was. Was für
ein falsches deutsches Geschichtsbild man doch haben kann. Dachte
ich doch, noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sei
es deutsche Leitkultur gewesen, jüdische Menschen zu massakrieren
und das Judentum in Europa auszurotten. Aber das ist eben deutsche
Geschichte; bei der Geschichte in Deutschland haben Christen- und
Judentum in stetiger Eintracht gemeinsam die deutsche Kultur geformt.
Des weiteren gehörten zur «Leitkultur in Deutschland»
der in Italien entstandene Humanismus und die Lehren der antiken
Philosophen, die jedes deutsche Kind schon mit der Muttermilch aufsaugt
und deren Kenntnis in den deutschen Volksschulen verfeinert wird.
Außerdem das römische Recht. Da werden sich vor allem die
BritInnen mit ihrem auf Gewohnheits- und Billigkeitsrecht aufbauenden
Rechtssystem schwer tun, jemals gute EinwandererInnen zu werden.
Zuletzt beinhalte «Leitkultur in Deutschland» den Humanismus,
der in Frankreich entstand und in Deutschland eigentlich nie angekommen
ist. Fordert er doch die Selbstbefreiung von Bevormundung durch Tradition
und kirchliche Autorität. Christentum und Judentum und Aufklärung
und Humanismus: ziemlich multikulti, diese «Leitkultur in Deutschland»,
oder besser ein geschichtsklitternder Mischmasch, der einer ernsthaften
Auseinandersetzung nicht Wert ist. Steht dahinter doch nur die dumpfe
Idee, den Moslem als Feindbild für fremdenfeindliche Kampagnen
aufzubauen.
Zeitgleich gingen sie auf die Straße gegen die Fremdenfeindlichkeit,
die «Anständigen», deren «Aufstand»
Kanzler Schröder gefordert hatte. Die Kräfte, die die Macht
haben im Land, die haben aufgerufen zu dieser Großdemo: die
Bundestagsparteien, die Arbeitgeberverbände, die Gewerkschaften.
Hat so viel geballte Macht nicht wirkungsvollere Mittel, Fremdenfeindlichkeit
zu begegnen? Doch die Demo hatte andere Ziele als die Bekämpfung
der Fremdenfeindlichkeit. Sie sollte als Ersatz dienen für fehlendes
politisches Handeln. Sie sollte das deutsche Image aufpolierende
Bilder für die Abendnachrichten in aller Welt liefern. Und sie
sollte einen gesellschaftlichen Konsens in dieser Frage vorgaukeln,
der gar nicht existiert.
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt spricht vom nützlichen
und vom nutzlosen Ausländer und fordert ein frei verfügbares
ausländisches Arbeitskräftereservoir, das ganz nach Bedarf
angezapft werden kann und bei Verschleiß oder Arbeitsplatzvernichtung
einfach wieder verschwindet. Die LänderinnenministerInnen wollen
das deutsche Land frei haben von bosnischen Kriegsflüchtlingen
und beschließen deren Abschiebung. Die SPD sperrt sich in der
EU gegen ein menschlicheres Asylrecht. Die CSU fordert eine Kampagne
gegen Flüchtlinge in Deutschland, die sie wie gehabt denunziatorisch
des Asylmissbrauchs bezichtigt.
Beim «Aufstand der Anständigen«, da waren die
Unanständigen mit dabei.
Wolfgang Schlicht
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