Die Maßnahme
Ein Mensch - nennen wir ihn Rabotnix - ist erwerbslos geworden und meldet
sich beim Arbeitsamt. Rabotnix hatte einst eine sichere Lehrerlaufbahn vor sich,
die Ende der 70er Jahre jäh mit dem Berufsverbot endete. Seitdem hat er in
unterschiedlichen Bereichen gearbeitet und nur zweimal bei Stellenwechseln
kurzfristig Arbeitslosengeld bezogen. Rabotnix meldet sich beim Arbeitsamt, hat
Bewerbungsunterlagen mitgebracht und erwartet Beratung und qualifizierte
Vorschläge. Stattdessen bekommt er die Adresse der Firma Schuftefix, wo er sich
«unverzüglich» für eine vierwöchige, ganztägige «Maßnahme» zu melden habe -
sonst droht sofort die Sperre des Arbeitslosengeldes.
Rabotnix begibt sich am nächsten Morgen zur Firma Schuftefix, die in die
kahlen Räume einer der vielen verlassenen ehemaligen Großbetriebe eingezogen ist
und wird gleich verwarnt, weil er nicht unverzüglich am Nachmittag des Vortages
erschienen ist. Zusammen mit weiteren Anfängern wird Rabotnix über seine
Pflichten belehrt - z.B. bei Krankschreibung werden die Fehltage angehängt. Dann
bricht über Rabotnix ein mehrstündiger Vortrag über den Arbeitsmarkt herein -
aus UnternehmerInnensicht natürlich. Rabotnix und seine LeidensgenossInnen
beäugen sich währendessen vorsichtig. Als der Vortrag sich immer mehr zu einer
Werbeveranstaltung für Zeitarbeit entwickelt, wird Widerspruch laut.
Nach jeweils zwei Stunden dürfen sich Rabotnix und seine KollegInnen für eine
Viertelstunde in einen Pausenraum zurückziehen. Dort kommt man sich schnell
näher und erfährt von denen, die schon länger in der Maßnahme sind, worum es
eigentlich hier geht. Rabotnix muss am Computer einen Lebenslauf und ein
Bewerbungsschreiben verfassen, Stellenangebote studieren und sich schriftlich
und persönlich bewerben. Rabotnix weiß, wie man das macht - wer es nicht kann,
wird es in der «Maßnahme» nicht lernen. Auch deshalb, weil wer etwas nicht zur
Zufriedenheit der «Coacher» gestaltet, auch riskiert angebrüllt zu werden. Da
helfen sich die TeilnehmerInnen lieber gegenseitig.
Der Pausenraum wird für Rabotnix und seine KollegInnen zur Überlebensinsel in
der «Maßnahme». Ganz unterschiedliche Lebensläufe treffen hier für vier Wochen
aufeinander:
Die langjährige Abteilungsleiterin, der Künstler, die Küchenhilfe, der
Hausmeister, die Lehrerin, der Metzger, die langjährige Chefsekretärin, der
Metallarbeiter ... Man tauscht sich aus, es entwickelt sich Solidarität.
Nachdem die Bewerbungsunterlagen nach 2 Tagen fertig und verschickt sind,
bleibt Rabotnix nur das tägliche Studium der Stellenangebote: wieder nichts
dabei für sein Berufsfeld. Rabotnix wird zu einem Gespräch mit einem Coacher
gebeten, wo ihm energisch nahegelegt wird, dass seine Vorstellungen, welche
Arbeit für ihn zumutbar sei, erheblich erweitern müsse - auch in Richtung
Zeitarbeit. Von TeilnehmerInnen, die schon länger in der Maßnahme sind, hat
Rabotnix erfahren, dass hier auch schon eine Zeitarbeitsfirma aufgetreten war,
um Zeitarbeitskräfte anzuwerben.
Spätestens nach einer Woche hat Rabotnix verstanden, welchen Sinn seine
Vollzeitanwesenheit bei der Firma Schuftefix haben soll: Rabotnix wird für einen
Langschläfer und Faulpelz gehalten, dem man ein geregeltes Leben beibringen
muss: Vier Wochen lang früh auf der Matte stehen u.s.w.
... das war es dann eigentlich, was die «Maßnahme» vermittelte. Nein, eines
hat Rabotnix noch vergessen - es gab noch einen Vortrag über das richtige
Verhalten bei einem Bewerbungsgespräch. Was dabei vermittelt wurde... (siehe
Karikatur).
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