Solidarität mit den Frauen Afghanistans - Gegen Fundamentalismus und Krieg!
Ein (sehr gekürzter) Reisebericht vom 13.11.2001
Anfang November reiste Claudia Casper gemeinsam mit anderen
europäischen UnterstützerInnen der afghanischen Frauengruppe
RAWA (Revolutionärer Verein der Frauen Afghanistans) mit
JournalistInnen und Abgeordneten des italienischen Parlaments
nach Pakistan.
Zur Situation der afghanischen Flüchtlinge
In Afghanistan sind Flüchtlingsbewegungen seit mehr als zwei Jahrzehnten eine
permanente traurige Realität.
Man kann die Flüchtlinge ihrer Situation entsprechend in drei grobe Kategorien
einteilen: Die "Alteingesessenen", die schon vor Jahren vor sowjetischen
Besatzern, Mudjaheddin und Taliban geflüchtet sind und die entweder in älteren
Flüchtlingslagern oder in pakistanischen Städten bzw. in sehr ärmlichen
Siedlungen um die Städte Pakistans herum leben. Ich habe ein Flüchtlingslager
besucht, das schon seit 18 Jahren existiert, praktisch alle Kinder des Lagers
sind im pakistanischen Exil geboren. Die EinwohnerInnen müssen sich ihren
Lebensunterhalt in den Ziegelfabriken oder durch den Verkauf von Teppichen und
Handarbeiten verdienen. Die Situation dieser Flüchtlingsgruppe ist prekär, aber
nicht hoffnungslos.
Anders sieht die Lage bei den anderen beiden Gruppen aus, wo der Punkt
tiefster Hoffnungslosigkeit erreicht wurde: Eine Gruppe bilden
diejenigen, die in den letzten Wochen den strapaziösen Weg
durch die Berge über die geschlossene, aber gleichzeitig
durchlässige Grenze nach Pakistan geschafft haben und jetzt
in den neu aus dem Boden gestampften Flüchtlingslagern ohne
jede Infrastruktur in Pakistan dahinvegetieren. Jeder versucht,
wenn es irgendwie möglich ist, den Einzug in diese Lager
zu vermeiden und bei Verwandten unterzukommen, es werden die einzelnen
Wände von engen Räumen an ganze Familien vermietet.
In den neuen Lagern mangelt es an allem: Zelte, Decken, Lebensmittel,
sanitäre Einrichtungen, Gesundheitsfürsorge und vor
allem an Sicherheit, für die niemand garantieren kann. Die
pakistanischen Behörden stellen kaum jemandem eine Erlaubnis
zur Besichtigung der neuen Lager aus, wahrscheinlich um die katastrophale
Situation zu verdecken und nicht womöglich unangenehme Fragen
beantworten zu müssen, wo die international bereitgestellten
Mittel zur Flüchtlingshilfe bleiben. Die Flüchtlinge
erzählen ihre schreckliche Geschichte, die denen aller anderer
so ähnlich ist und sich zu einem tragischen Gesamtschicksal
zusammenfügt. Die 21-jährige Fariha von RAWA hat beim
Verteilen von Lebensmitteln drei Kinder entdeckt, die von den
Frauen zurückgedrängt wurden. Sie hat etwas Mehl und
Öl für die Kinder zurückgehalten, sie nach der
Verteilung beiseite genommen und nach ihren Verwandten gefragt.
Waisenkinder sind von der Gesellschaft vergessen, und diese Kinder
hatten nichts und niemanden, der sich um sie kümmert. Fariha
hat ihnen einen Platz in einem der RAWA-Waisenhäuser besorgt
und als sie kam, um die Kinder abzuholen, war ein Onkel aufgetaucht
und hat den Umzug verhindert. Sie befürc htet
nun, dass er die Kinder nicht versorgt und sie womöglich
verkauft.
Am schlimmsten geht es denjenigen, die noch nicht aus Afghanistan herausgekommen
sind. Es gibt keine verlässlichen Zahlen, wie viele Menschen im Land auf der
Flucht sind. An den Grenzen sammeln sich vor allem Frauen und Kinder, die ohne
Begleitung durch einen männlichen Verwandten keine Chance haben, die Grenze zu
passieren, oder die zu entkräftet für eine Flucht zu Fuß durchs Gebirge nach
Pakistan sind. Oder die nicht das Geld für einen Führer aufbringen können, der
ihnen den Weg über die Grenze weist. In wenigen Tagen bricht der Winter herein
und dann trifft all diese Menschen das schlimmste Schicksal.
Die Zukunft Afghanistans - Wege aus der Krise
In den Gesprächen über mögliche Alternativen zur Konfliktlösung zeigten
afghanische Flüchtlings- und Frauenorganisationen mit pakistanischen
PazifistInnen, DemokratInnen und MenschenrechtlerInnen große Übereinstimmung.
Ihre wichtigsten Forderungen:
Die Bombenangriffe müssen sofort gestoppt werden und stattdessen sollte die UNO
endlich ihrem Mandat als internationaler Instanz nachkommen und UN-Truppen ins
Land und zwischen die Fronten schicken. Diese Blauhelme sollen beide Seiten
entwaffnen. Sie sollten nicht nur aus muslimischen Ländern stammen, denn es
handelt sich hierbei nicht um einen religiösen Konflikt, sondern um einen
Bürgerkrieg der Fundamentalisten, um einen Stellvertreterkrieg um die Macht für
externe Interessen.
Die militärische, politische und finanzielle Unterstützung beider Lager von
außen muss sofort eingestellt werden und stattdessen auf eine politische Lösung
durch demokratische Kräfte gesetzt werden. Es ist ein Mythos, dass es keine
DemokratInnen in Afghanistan mehr gibt, sie existieren noch, wenn auch sehr
geschwächt. Ein weiterer Mythos ist die durch die westlichen Medien
transportierte Reduzierung des Konflikts auf seine ethnische Komponente: die
Differenzen zwischen den Volksgruppen.
Unter der Regie des 1973 ins römische Exil geflohenen ehemaligen afghanischen
Königs Zahir Schah als vermittelnder und vereinigender Symbolfigur soll eine
Loya Jirga ("Große Zusammenkunft" in paschtu) einberufen werden, bei der alle
demokratischen Kräfte und VertreterInnen der verschiedenen Volksgruppen über die
Zukunft Afghanistans entscheiden und freie Wahlen vorbereiten. Die AfghanInnen
selbst und nicht die Vereinten Nationen sollen entscheiden, wer hierbei ein-
oder ausgeschlossen wird, denn es ist ihre Zukunft, über die sie zu beraten
haben. Afghanistan soll, eventuell unter einem zeitlich begrenzten
UN-Protektorat, souverän über seine Geschicke entscheiden können.
Alle sind sich einig in der Forderung, dass die Frauen in diesem Forum
repräsentativ vertreten sein müssen. Allerdings scheint der König gerade im
Begriff zu sein, wieder eine historische Chance zu verpassen: Statt mit
DemokratInnen, Menschen- und FrauenrechtlerInnen zu verhandeln, steht er mit
"gemäßigten" Taliban in Verbindung und lädt zwei Alibi-Frauen aus gehobenen
Schichten dazu, die seit Jahrzehnten im europäischen Exil leben und die realen
Probleme der afghanischen Frauen nicht kennen. RAWA wurde von Zahir Schah
beispielsweise noch nicht zur Loya Jirga kontaktiert.
Und es werden dringend Resozialisierungsprogramme gebraucht; es fehlen
zehntausende LehrerInnen, die den Kindern und erwachsenen AnalphabetInnen Lesen
und Schreiben beibringen. Afghanistan ist mit 13% männlichen und 3% weiblichen
Schriftkundigen eines der Länder mit der geringsten Alphabetisierungsrate der
Welt, seit 24 Jahren gibt es keine reguläre Schulbildung mehr, die jüngsten
AfghanInnen mit einer normal abgeschlossenen Schulausbildung sind 40 Jahre alt!
RAWA-Streiflichter
RAWA ist eine politische und soziale Vereinigung, der 2000 afghanische Frauen
als reguläre Mitglieder und noch viel mehr Frauen und Männer als
UnterstützerInnen angehören. Die Grundprinzipien ihrer Arbeit sind der Kampf um
Demokratie, die Einhaltung der Menschen- und Frauenrechte, die Trennung von
Staat und Kirche, Chancengleichheit für Männer und Frauen in der Gesellschaft
und gegen Fundamentalismus jeder Art. RAWA arbeitet parteienunabhängig.
RAWA geht es seit ihrer Gründung 1977 um eine radikale soziale Umgestaltung der
traditionellen afghanischen Gesellschaft, in der Frauen noch nie ihre Rechte
verwirklicht sahen. Selbst nach Kriegsende und nach den utopisch anmutenden
demokratischen Wahlen werden sie noch viel zu tun haben, um die Rechte der
Frauen zu erstreiten, die Frauen in keiner Gesellschaft geschenkt bekommen. Von
daher ist das R im Namen nach wie vor sehr aktuell, wenn auch um den Preis, dass
RAWA nicht von Regierungen und NGOs finanziell unterstützt wird und auf Spenden
und die Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Produkte und Informationsmaterialien
angewiesen ist.
Von den 2000 Mitgliedern arbeiten 1200 illegal und unter ständiger Lebensgefahr
in Afghanistan, 800 am Rande der Legalität in Pakistan. In Afghanistan werden
illegale Bildungskurse für Mädchen durchgeführt, aber auch Menschen- und
Frauenrechtsverletzungen dokumentiert.
Am sechsten November besuchte ich die Heewad Primary School. Abida, die
Leiterin, führte mich durch die Klassenzimmer, die ohne Fenster und stockdunkel
waren, weil gerade mal wieder der Strom ausgefallen war. Vor einem Klassenzimmer
saß eine 35-jährige Frau, die Hausmeisterin der Schule, mit einem
aufgeschlagenen Heft auf den Knien: auch sie lernt jetzt Lesen und Schreiben.
Diese Schule wurde 1998 gegründet, acht Lehrerinnen und zwei Hausmeister werden
beschäftigt. Die Lehrerinnen sind RAWA-Unterstützerinnen und erhalten von RAWA
ihren Lohn, ebenso wie die Schulmaterialien. Morgens erhalten hier 120 Kinder
beiderlei Geschlechts von 6 bis 14 Jahren in fünf Klassen Unterricht in Paschtu,
Dari, Englisch, Mathematik und Handarbeiten. Manche Kinder müssen eine Stunde
bis zur Schule laufen, aber sie kommen trotzdem, denn die Schule ist kostenlos.
Auch hier gibt es das Problem, dass einige Eltern ihre Kinder am Schulgang
hindern. Die Schulbücher werden in Peshawar gedruckt, sie haben weder religiöse
noch politische Inhalte. Das Lehrprogramm wird von der Leiterin der Schule
vorbereitet. Nachmittags kommen 20 Frauen zwischen 17 und 35 Jahren zu
Alphabetisierungskursen. Ein paar Minuten täglich werden darauf verwendet, über
die politische Situation zu diskutieren und über RAWA zu informieren.
Auf unserer Reise erhielten wir ein eindrucksvolles und informationsreiches Bild
von der Situation der afghanischen Flüchtlinge, von den Ansichten der
demokratischen Kräfte und von den Aktivitäten RAWAs. Ich möchte diesen Bericht
mit einem Spendenaufruf für RAWA abschließen.
Claudia Casper
Spenden an:
Bank: Sparkasse Coesfeld (BLZ 401 545 30)
Konto-Nr.: 82593245
Empfänger: Für Afghanistan
Verwendungszweck: RAWA + vollständige Adresse
für die Spendenquittung
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Der ausführliche Reisebericht ist nachzulesen unter:
http://www.frauen-menschenrechte.de/rawa/reisebericht.htm
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