Neue Medien, eine Möglichkeit
für emanzipative Ideen? - "Im Auge behalten wo
der Ausgang ist", mahnte "Sven Glückspilz"
in der letzten Augabe.
Spinning
Left
antwortet
diesmal Rainer Rilling.
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Es
plappert und rauscht die Killerapplikation E-Mail
und die paar Hunderttausend Beiträge in den Foren
und Chats der Parteien oder den drei Politikportalen
der Republik eint eine Eigenschaft: In den wirklichen
Entscheidungsräumen und -prozessen der wirklichen
Politik werden sie nicht im Geringsten zur Kenntnis
genommen.
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alle Projekte sind unentwegt patriarchalische Veranstaltungen
mit einem stabilen Mittelklassenhintergrund.
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Linke
ohne Netzpraxis haben es zum Glück immer schwerer.
Sie sind out. Gut so!
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Langweilige Front-Ends
Mit ein paar Jahren Verzug auf die Militärs, Banken und Freaks hat sich in den
letzten paar Jahren auch die globale politische Klasse vernetzt, zuerst nach
innen und dann nach außen, nicht ohne Effizienz übrigens. Die bundesdeutsche
Abteilung war eher spät dran, holte aber im letzten Jahrfünft flott auf. Die
front-ends des E-Governments sollen 2005 stehen und die üblichen politischen Big
Players haben den Doppelpass gelernt: da gibt es die Intranets und Firewalls zur
trennscharfen Abgrenzung von der Gesellschaft, um das virtuelle Controlling der
eigenen politischen Identität zu sichern. Die überall aufgestellten
Interaktivitätssets und virtuellen Ortsvereine mitsamt Parteitagen bringen sie
mit den politischen Kunden ins Geschäft - wenn`s klappt und die neualerten
Senior Consultants mit knappem Magisterabschluss ihre Schnittstellenspins
ordentlich gedreht haben (und dabei ungefähr so viele Netzanglizismen plaziert
haben, wie hier zu lesen sind). Die Langeweile der Doppelnormalität des
politischen und medialen Geschäfts hat so ungefähr 1998 die Netzpolitik in den
Griff bekommen.
Politikbusiness
Und die elektronische Demokratie? Es plappert und rauscht die Killerapplikation
E-Mail und die paar Hunderttausend Beiträge in den Foren und Chats der Parteien
oder den drei Politikportalen der Republik eint eine Eigenschaft: In den
wirklichen Entscheidungsräumen und -prozessen der wirklichen Politik werden sie
nicht im Geringsten zur Kenntnis genommen. Das ist keine Mutmaßung, sondern
harte Aussage der einschlägigen Moderatoren und Redakteure. Folglich hat das mit
Politik kaum zu tun: Denn das Reden wird dann zum politischen Diskurs und zur
Deliberation, wenn es sich zusammenfasst zur Bildung einer durchsetzungsfähigen
Meinung und damit zu einem politischen Willen. Das zumindest war der radikale
Punkt, als einst bürgerliche Öffentlichkeit und volonté generale
demokratietheoretisch zusammengedacht wurden. Von einer Ankoppelung politischer
Rede im Netz an reale Entscheidung ist nichts bis sehr wenig zu sehen. Immerhin
diskutiert ein Unterunterausschuss des Parlaments neuerdings mit extrem mäßigen
Erfolg im vorgesetzgeberischen Raum, das ist gut. Fast alles, was noch nie
geheim war, ist nun elektronisch zugänglich, immerhin. Und wenn das globale
Voting-Business vollends ins Laufen gekommen ist, kann auch die
Wachstumsfraktion der hochmobilen Staatsbürger in US-Flughafenterminals, auf den
Seychellen oder in Kabul ihren Beitrag zur Stabilisierung des Mythos der
Wahlkabine leisten - mit einem technologischen und Sicherheitsaufwand übrigens,
der locker ein paar Zehntausend Kinder vor ihrem Hungertod retten würde. Mit
einer substantiellen politischen Entscheidungsbeteiligung hat das alles nichts
zu tun - und darüber nachgedacht wird auch nicht, schließlich kann die
BürgerInnenschaft des virtuellen Weltraums nicht authentisch identifiziert
werden und ohne sichere, auf Dauer gestellte Identität gibt’s nun mal kein Wahl-
und Entscheidungsrecht.
Linksjammern
Die Linke definiert sich hartnäckig als äußerst kommunikative Veranstaltung. In
der Fähigkeit und Notwendigkeit politischer Rede, Auseinandersetzung und
demokratischer Meinungsbildung hat sie offenbar immer ein herausragendes Merkmal
ihrer politischen Identität gesehen. Sie gehorchte der Not, standen ihr doch
andere Ressourcen der Macht wie Geld oder Recht eher selten zur Verfügung. Hatte
sie diese, war sie nicht mehr links. Das kontrastiert freilich mit der
verbreiteten (Selbst-) Bezichtigung, dass diese Linke schon immer ganz besonders
unfähig gewesen sei, eine effiziente Medienpolitik zu machen. Was kam nach
Münzenberg? Wo blieb die Gewerkschafts- und linke Parteipresse? Wer hat täglich
Lust auf das tapfer-betuliche "Neue Deutschland" oder den Zynismus der "Jungen
Welt"? Wer zählt die linken Radios - sind es sieben oder acht oder etwa
siebzehn? Welche haltbaren linken Zeitschriften entstanden nach den alt68er
Gründungen, waren es zwei oder drei? Wer erinnert sich noch an diese lustigen
alternativen Betriebs- und Stadtteilzeitungen? Wo sind die linken Ressorts in
den Massenmedien und -kulturen? Wo die Think-Tanks linksradikaler akademischer
Medienkritik? Wer analysiert systematisch die Strategien herrschender
Netzpolitik? Und, ach ja: Wo sind die zäheren linken Netzprojekte? Endlich: Wer
liest das eigentlich, werden mehr als ein paar Hunderttausend erreicht - und
brauchen sie das, um das sein zu können, was sie sind oder sein wollen, haben
linke Medien überhaupt eine nachhaltige Bedeutung für Linke oder solche, die es
werden könnten?
Warum auch nicht?
In der Aneignung innovativer Medienpraxen hinkte die Linke in
der Regel hinterher, warum auch nicht. Netzpolitisch hat sie nachholend
ein paar Dinge auf die Beine gestellt: für "Info-Macht"
neuerdings Indymedia (http://de.indymedia.org/)
und für Kommunikation und Organisationsvernetzung vor allem
Nadir (http://www.nadir.org/nadir/),
Labournet (http://www.labournet.org/)
oder LinksNet (www.linksnet.de)
und ein paar andere mehr. Ein paar linke Leute betreiben seit
einem halben Jahrzehnt hartnäckig Individualprojekte, seien
es Kataloge oder neue Specials wie "http://www.wemgehoertdiewelt.de/"
und die kriegskritischen Projekte z.B. von Krysmanski (http://www.uni-muenster.de/PeaCon/global-texte/terrorwar.htm)
oder Ralph Segert (http://krit.de/).
Einige Verbände, Organisationen und auch Unternehmen lassen
linke Projekte zu oder fördern sie sogar: Schließlich
geht es darum, in rasch wandelnden Umwelten robust zu bleiben
- was wäre die Netzwelt ohne die gesponsorte Telepolis?
Manche fangen an, interessant zu werden: Wie der alternative Materialfundus
der rosaluxemburgstiftung.de.
Der interessanteste bundesdeutsche Debattenort über Alternativen
zum High-Tech-Kapitalismus ist binnen kurzem die Ökonuxliste
(http://www.oekonux.de/)
geworden. Indymedia ist das einzige wirklich internationale Projekt.
Fast alle verknüpfen Produktion und Kommunikation, verkoppeln
professionelle Technik und hausgemachte Politik, versuchen also,
Selbsttätigkeit zu mobilisieren. Bemühen sich um Authentizität.
Fast alle Projekte sind unentwegt patriarchalische Veranstaltungen
mit einem stabilen Mittelklassenhintergrund. Manchmal gibt’s deutschsprachiges
Multikulti als Dreingabe - da sind nicht wenige Senatsverwaltungen
weiter. Die Sparte "Kritik der virtuellen Medienmacht"
gehört wahrlich nicht zu ihren Stärken. Technisch und
ästhetisch sind diese Projekte zunehmend konkurrenzfähig,
aufmerksamkeitspolitisch gibt es erste Effizienzansätze.
Linke ohne Netzpraxis haben es zum Glück immer schwerer.
Sie sind out. Gut so!
Was dies alles freilich mit "subversiver" Politik zu tun hat
(Sven Glückspilz "Medien und Ohnmacht" - siehe
letzte Ausgabe), ist nicht so recht erkennbar. In einer Zeit,
wo ökonomische und politische Schließungen auf dem
Netz sich deutlich verbreiten (neuestes Beispiel: Die Schließung
des informativen Reformwerkstatt-Newsletters, (http://newsletter.zeit.de/)
den sich die neoliberale Zeit bis dato hielt), ist eher interessant,
wie verstreut, individualisiert und in sich differenziert das
Operationsfeld dieser politischen Kulturen geworden ist. Oder
anders gesagt: Von Vernetzung der ganzen Projekte keine Spur.
Vielleicht findet sich 2002 ein Laden, der das 246. Vernetzungstreffen
dieses Mal der Netzlinken finanziert und es kommt auch jemand
hin. Ich habe den Eindruck, die Linken könnten von sich etwas
lernen statt immer nur von den neuesten Gimmicks des Klassenfeinds.
Rainer Rilling ist Privatdozent für Soziologie an der
Universität Marburg und Mitglied der Projektgruppe Wissenschaft
und Politik der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
www.rainer-rilling.de,
rillingr@mailer.uni-marburg.de
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