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Meinung&Kommentar
Über Rolle und Funktion des Antisemitismus in VerschwörungstheorienWas auch immer geschieht - der Mensch verlangt nach Antworten. Und wenn er keine bekommt, macht er sich einfach welche. So könnte eine ganz allgemeine Erklärung für die Beliebtheit von Verschwörungstheorien lauten. Nun weisen aber derartige Theorien durch die Jahrhunderte hindurch, bei allen Unterschieden, gewisse Kontinuitäten auf. Eines der Stereotypen, auf die im Kontext mit den Anschlägen am 11. September zurückgegriffen wird, ist das der Jüdischen Weltverschwörung. So ist denn auch, fernab aller Spekulationen, zu erklären, wie die israelisch-deutsche Sendung Tacheles bei Radio Z zum Thema Verschwörungstheorien kam. Denn es geht weniger um Zahlenkombinationen, Teufelsfratzen im Rauch und die unheilverheißende 13 als vielmehr um Rolle und Funktion des Antisemitismus in Verschwörungstheorien. Das Glück wird zur Kenntnis genommen - doch wer ist der Verursacher des Unglücks? Tacheles sprach mit Johannes Heil, Mitarbeiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin und Alfred Schobert, Mitarbeiter am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung. Tacheles: Seit den Anschlägen vom 11. September haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Warum werden Verschwörungstheorien gestrickt und verbreitet? Johannes Heil: Ich denke, da kann man drei Momente ausmachen: Gestrickt wird grundsätzlich immer, wenn die Menschen Schwierigkeiten haben, sich ein Geschehen verständlich zu machen, wenn es ihnen nicht plausibel erscheint. Oder um es mit anderen Worten auszudrücken: Wenn es Lücken in der Wahrnehmung gibt und in einer Erklärungskette Glieder fehlen, die neu hergestellt werden müssen. Man will sich damit eine Logik in einen Ablauf hineinstricken. Das zweite Moment ist, dass in einer solchen Situation ein Gegner, den man ohnehin schon ausgemacht hatte, der bisher immer beschuldigt und geprügelt wurde, an die neue Situation angepasst wird. Man schreibt ihm ein bestimmtes Geschehen zu und belastet ihn damit. Kurzum, man biegt eine Erzählung, ein Geschehen oder eine Wahrnehmung so hin, dass alles auf einen vertrauten Gegner passt. Das Letzte - ich halte das für ganz wichtig - beinhaltet eine Position der Defensive, mit Hilfe derer man Ursachen und Verantwortlichkeiten konstruiert, die die eigene Position entlasten können. Alle drei Momente haben gemeinsam, dass es sich um Krisensituationen handelt oder zumindest ein ganz starker indirekter Zusammenhang besteht. Derjenige, dem ein Glück widerfährt, der fragt sich nicht unbedingt warum. Er fragt auch nicht nach den Ursachen und Urhebern seines Glücks - er nimmt es einfach zur Kenntnis. Derjenige, der glaubt, den Schaden zu haben, Gruppe oder Individuum, der wird fragen, wer eigentlich dahinter steckt. Wer ist der Urheber? Welches ist der Plan hinter diesem Geschehen? Und insofern taucht natürlich die Verschwörungsvorstellung in Momenten der Krise auf - sei es eine objektive Krisensituation oder die individuelle, ganz subjektive Wahrnehmung. Alfred Schobert: Lassen Sie mich noch ein Beispiel aus dem Alltag anführen: So ein Denken findet jeden Samstag um achtzehn Uhr statt, wenn die Bundesliga rum ist, und man sich fragt, warum dieses und jenes Tor anerkannt wurde. Dann war der Schiedsrichter der Verschwörer. In solchen kleinen Zusammenhängen kommen wir immer wieder dazu zu sagen, dass irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Tacheles: Wir sind jetzt vom 11. September ausgegangen - bei verschwörungstheoretischem Denken handelt es sich allerdings nicht um ein neues Phänomen. In der Geschichte Westeuropas waren es Hexen, Häretiker, Türken und vor allem JüdInnen, die irgendwelcher Verschwörungen bezichtigt wurden. Welche Merkmale und Argumentationslinien finden sich immer wieder, was ist das typische an Verschwörungstheorien? Heil: Es ist natürlich so, dass Verschwörungsvorstellungen, wie wir sie im hohen Mittelalter, in der frühen Neuzeit und besonders im Zusammenhang mit der Französischen Revolution finden, nicht simple Kontinuitäten aufweisen. So kann man nicht sagen, Verschwörungsdenken war damals genau das gleiche wie heute. Trotzdem sind an verschiedenen Punkten natürlich Kontinuitäten da. Die Behauptung, dass der Gegner einen fein ausgeklügelten Plan hatte und es nur wenige Eingeweihte gibt, kommt immer wieder. Selbst von Gruppen, Ketzern, Häretikern, Juden, die im Mittelalter immer wieder Gegenstand von solchen Vorstellungen sind, glaubt man, dass es nur wenige gibt, die den Plan kennen, beispielsweise ein Rat der Weisen oder eine Führungselite. Die Verschwörungstheorie ist eine Möglichkeit, den Gegner zu dämonisieren und zu kriminalisieren. So werden auch Minderheiten behandelt. Der Argwohn gegenüber einer Minderheit wird damit legitimiert, dass man ihr verschwörerisches Handeln unterstellt. Die Minderheit versuche, die Mehrheit zu unterdrücken und sei auf deren Fall oder auf Umsturz der Ordnung aus. Tacheles: Herr Schobert, welche Eigenschaften muss eine Gruppe haben, um sie zum Subjekt eines Verschwörungsmythos zu machen? Schobert: Eigentlich muss sie zwei Eigenschaften haben, die sich auf den ersten Blick widersprechen. Sie muss sozusagen identifizierbar und unidentifizierbar zugleich sein. Identifizierbar insofern, dass man sie von der Mehrheitsgesellschaft, von einem "Wir" abgrenzen kann, und das ist traditionell im christlichen Europa das Judentum. Auf der anderen Seite muss diese Gruppe sich sozusagen überall verbergen können. Das heißt, verdächtig können auch die sein, die überhaupt nicht auffallen. Und diese beiden Eigenschaften führen dazu, dass man Gruppen alles zuschreiben kann. Auf der Suche nach den Drahtziehern Thomas von der Osten-Sacken ist Journalist bei der Wochenzeitung Jungle World. Zudem ist er bei der Organisation Wadhi in Frankfurt tätig, die sich vor allem im Nordirak engagiert. Mit ihm sprach Tacheles über Verschwörungstheorien, Antisemitismus und die deutsche Linke. Tacheles: Manche Verschwörungstheorien werden ernst genommen. So wurde die Meldung, dass sich 4.000 jüdische MitarbeiterInnen im World Trade Center angeblich frei genommen haben, auch von arabischen Medien weiterverbreitet. Welche Rolle spielen solche Verschwörungsmythen vor allem in Nahost-Konflikt? Osten-Sacken: Im Nahostkonflikt nehmen antisemitische Erklärungsmuster seit zwanzig oder dreißig Jahren kontinuierlich zu. Sie dienen als Entschuldigung der vermeintlich eigenen Schwäche, indem man einen omnipotenten Gegner konstruiert - die weltbeherrschenden Juden. So kann man sich erklären, warum man in den letzen 50 Jahren eine Niederlage nach der anderen eingesteckt hat. Des Weiteren vermischt sich antisemitisches Gedankengut zunehmend mit dem alten antiisraelischen und antizionistischen Ressentiments, die seit gut 100 Jahren das Alltagsbewusstsein prägen. Fast automatisch werden solche Ereignisse den Israelis zugeschoben. Auch das Selbstmordattentat im Juni, vor dem Delphinarium in Tel Aviv, wurde von Teilen der nahöstlichen Presse durch wüste Konstruktionen auf einen Anschlag des israelischen Inlandsgeheimdienstes zurückgeführt. Tacheles: Haben sich Verschwörungstheorien in jüngster Zeit verändert, und sind sie antisemitischer geworden? Osten-Sacken: Ich denke, sie sind aggressiv antisemitischer und vor allem globaler geworden. Hatte man früher beispielsweise Israel als jüdischen Staat und zugleich als Bastion des US-Imperialismus im Nahen Osten identifiziert, dann hatte diese Definition noch ein Körnchen Wahrheit. Inzwischen hat sich der antisemitische Blick fast völlig internationalisiert und auch auf die USA verschoben. Das heißt, man identifiziert nicht nur Israel, sondern die Juden als Drahtzieher in den USA, und damit die USA als die große, weltbeherrschende, jüdische Agentur, die direkt zu bekämpfen sei. Der Blick verschiebt sich von einem lokalen zu einem globalen, internationalen Kontext und damit zunehmend zu einem amerikanischen. Wobei dieser Antiamerikanismus von seinem Wesen her antisemitisch ist. Tacheles: In wie weit ist die Diskussion innerhalb der deutschen Linken, Antiimps auf der einen, Anti-Deutsche auf der anderen, von Verschwörungstheorien geprägt? Osten-Sacken: Ich denke, die Antiimperialisten neigen zunehmend dazu, den Inhalt einer Imperialismuskritik komplett abzutrennen und alles Böse auf die USA oder den US-Imperialismus zu projizieren. Damit sind sie längst bei antisemitischen Mustern gelangt. Das was beispielsweise die "Antiimperialistische Koordination Wien" in den letzen Jahren publiziert hat, hat mit einer Kapitalismuskritik nichts mehr zu tun, sondern ist nur noch ein ressentimentgeladenes Abwettern gegen die USA und das Finanzkapital. Es unterscheidet sich nur noch sehr wenig von Analysen der faschistischen oder neonazistischen Ecke. Bei den Anti-Deutschen ist die Tendenz da, die Rolle Deutschlands in der Welt de facto über zu bewerten. Zumindest das Ausmaß dessen, was die Deutschen derzeit de facto anrichten, nicht dessen, was sie gerne anrichten würden.
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