Geschichte für alle: Erinnern als nationale Aufgabe
Überlegungen zur Eröffnung des Dokumentationszentrums
Reichsparteitagsgelände Seit dem 4. November 2001, dem Tag der Eröffnung des Dokumentationszentrums
Reichsparteitagsgelände (RPTG), hat sich Nürnberg seiner
Geschichte gestellt.
"Die neue Dauerausstellung `Faszination und Gewalt´ berichtet
über die Geschichte des Ortes, entlarvt die Parteitage als
ausgeklügeltes Ritual der NS-Propaganda und schildert die
Folgen der kollektiven Verblendung, die schließlich zu einem
Weltkrieg und zur Massenvernichtung führten." (Sonderbeilage
der NN "Faszination und Gewalt", 30.10.01)
Nürnberg hat damit "endlich eine überzeugende
Antwort auf die Frage gefunden, wie sie mit dem Erbe der Nazi-Barbarei
umzugehen gedenkt." (ebd.)
Faszination und Gewalt
"Auschwitz verschwindet, obwohl oder vielleicht gerade weil vom Holocaust
überall und ständig die Rede ist", so formulierte Detlev Claussen die Kritik an
der massenmedialen Kultur, durch die Auschwitz in eine triviale Banalität
verwandelt worden ist,".(1)
In Nürnberg wird die nationalsozialistische Geschichte auf Faszination durch
"Herrschaftsarchitektur und NS-Propaganda" und auf einen abstrakten
Gewaltbegriff reduziert und damit trivialisiert. Die Reichsparteitage werden als
Propaganda-Inszenierungen der Nazis entlarvt, deren überwältigender Zuspruch
eben nicht Ausdruck der Volksmeinung gewesen seien, sondern Folge des
didaktischen Konzepts von Goebbels & Co. Thematisiert wird das faschistische
Subjekt als manipuliertes.
Zweckmäßig erweist sich hierbei der diffuse Gewaltbegriff des
Ausstellungstitels. Die Gewalt als Kehrseite der Faszination trifft irgendwie
alle - die aus der Gemeinschaft ausgestoßenen, aber auch die Manipulierten. So
ist es für den Erlanger Historiker Gregor Schöllgen, der maßgeblich das
wissenschaftliche Konzept der Ausstellung erarbeitete, offensichtlich, dass "die
Nazis in einer Mischung aus geschickt inszenierter Faszination und stets
angedrohter Gewalt ein Volk für ihre Zwecke gewonnen haben". (SZ, 24.08.01)
Geschichte Für Alle
Beispielhaft für die Trivialisierung des Nationalsozialismus sei hier die
Fokussierung auf die Nazi-Architektur angeführt. Diese, als eine Ursache der
Faszination benannt, legt schon die Lösung durch eine demokratische
Gegenarchitektur nahe.
"Einen Speer in den Speer bohren" nennt dies der Architekt des Dokuzentrums,
Günter Domenig. "Als ich das erste Mal beim Hearing für den
Architekturwettbewerb war, ist es mir eiskalt den Rücken hinuntergelaufen. Ich
kam mir vor, als ginge ich über den Staub von Toten. Aus diesem Eindruck
reagierte ich recht schnell. Albert Speer und die Vorplaner Ludwig und Franz
Ruff haben die Macht Hitlers ganz einfach in die Kongresshalle übersetzt:
überall rechte Winkel und Achsen. So kam mir der Gedanke des Pfahls, der das
Bauwerk durchbohrt." (NN-Sonderbeilage)
Dies ist eine schöne Geschichte für alle, eine, die der gleichnamige
HistorikerInnen-Nachwuchs-Verein seit Jahren in seinen Rundgängen rund um den
Dutzendteich erzählt.
War es nicht die menschenverachtende Architektur, diese großen Gebäude, überall
diese rechten Winkel und Achsen, die den Einzelnen die Unterordnung unter den
Führer und das Volk vorschrieben? WelcheR Deutsche bzw. NürnbergerIn mag diese
Hand ausschlagen, die sich da bietet? HistorikerInnen und PädagogInnen holen
ihre KlientInnen da ab, wo sie stehen, wenn sie nicht bereits selbst dort
stehen.
Erinnerung als Ideologie
Die Instrumentalisierung des Erinnerns an den Nationalsozialismus verdeutlicht
sich am Beispiel der Eröffnung des Dokuzentrums RPTG. Die positive Bezugnahme
auf ein Erinnern als nationale Aufgabe erfolgt einstimmig. (OB Scholz, NN,
Kreisjugendring etc.).
Staatliche Gedenkpolitik, und die Einstufung von Erinnerung als nationale
Aufgabe gemeindet sich in diese ein, kann sich nur in ideologischen Formen
bewegen:
Die Ideologie eines Staates "kodifiziert stets die Erinnerung im
interessegeleiteten, affirmativen Sinne. Das ist ihre Natur, und sie kann auch
keine andere haben, denn ihr Zweck ist einzig auf die Erhaltung des Staates mit
all seinen Gewalt- und Herrschaftsmechanismen ausgerichtet." (2)
PädagogInnen und HistorikerInnen, gerade diejenigen, die mit einer
Geschichtsschreibung von unten und alternativen Konzepten angetreten sind,
erfüllen als zivilgesellschaftliche NGO den Zweck staatlicher
Geschichtsaufarbeitung, welche der Legitimation der postfaschistischen
Demokratie dient. Auch die Kritik am Dokuzentrum RPTG, die sich auf mangelhafte
Repräsentation einzelner Opfergruppen oder fehlende Fakten in der Ausstellung
bezieht, wird sich davon nicht unterscheiden, wenn sie die Form des Erinnerns
nicht in Frage stellt und sie nur durch Ergänzung an den richtigen Stellen
komplettieren will.
Für die KritikerInnen dieser Erinnerungspolitik sollte gelten, dass weder das
Anklagen der faschistischen Kontinuität, die stets nur personell anhand
konkreter Alt-Nazis geführt wurde (z.B. Diehl), noch die Entlarvung der Nation
als bloße "Konstruktion", als zu dekonstruierender Text, für sich allein Sinn
ergibt. Denn das hieße "davon abzusehen, dass es um einen von Staat und Kapital
hergestellten Zwangszusammenhang geht, dem kein Individuum (als "Subjekt")
entgeht. Überwinden lässt sich der mythisierte Zwangszusammenhang des Nationalen
solange nicht wie Staat und Kapital existieren, er verschwindet nur, wenn sie
verschwinden." (3)
Tomek
(1) Detlev Claussen, in M. Werz (Hg.), "Antisemitismus und Gesellschaft",
Frankfurt/M. 1995
(2) Moshe Zuckermann, "Zweierlei Holocaust", Göttingen 1999
(3) Gerhard Scheit, "Die Meister der Krise", Freiburg 2001
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