"Die Gnade der späten Geburt"
Überlegungen nach einem Ausstellungsbesuch
Das in der Diskussion um die gleichnamige Ausstellung strapazierte
Bild, "Faszination und Gewalt" seien zwei Seiten einer
Medaille gewesen, findet sich auch in der Gestaltung dieser Ausstellung
des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände (RPTG).
Die Reichsparteitage und die für sie geplanten und gebauten Gebäude, das ist die
Faszination, die Inszenierung und Selbstdarstellung der Nationalsozialisten
durch Experten wie Speer, den Architekten des RPTG oder die Organisatoren der
Parteitage. Die Gewalt, das sind die Konzentrationslager, antisemitische
Maßnahmen, der Krieg.
Die zwei Schwerpunkte der Ausstellung - das Gelände und die Reichsparteitage
selber - gehören dem Bereich der Faszination an, was ja auch ihre Aufgabe war.
Der Aspekt der Gewalt liegt hinter den Kulissen und erschließt sich in der
Ausstellung nur als Nachfolgeerscheinung.
Die Ausstellung beschreibt hauptsächlich, hält sich an der Oberfläche auf. Die
vordergründige Erscheinung, die mit dem Aufstieg der NSDAP korreliert, ist die
wirtschaftliche Situation - doch gibt es neben der Dolchstoßlegende, die
Erwähnung findet, nicht noch weitere Erklärungsmöglichkeiten? Welche Einstellung
hatte die Bevölkerung zu den jüdischen BürgerInnen, waren großdeutsche Träume
nur politische Strategiespiele?
Wenig Antworten oder Impulse gibt die Ausstellung auf die Fragen "Warum konnte
das funktionieren?", "Warum gerade Nürnberg?", "Gab es außer der Tradition als
Stadt der kaiserlichen Reichstage und seiner günstigen Verkehrsanbindung andere
‚Standortvorteile’?" Einzig das Fotoalbum eines SA-Mannes, der quasi jeden
Naziaufmarsch im kleinsten Ort in der Umgebung von Anfang an dokumentiert, weist
in die Richtung der Akzeptanz in der Bevölkerung. Ein Stichwort, das man auf
keiner Tafel lesen kann, ist das Wort Denunziation. Warum wird die große
Synagoge in Nürnberg schon im August 1938 abgerissen? Antisemitismus wird
lediglich in dem juristischen Vorgehen der Behörden, der Rassismus mit den
Nürnberger Gesetzen beschrieben.
Die Faszination wird in dem ihr zugewiesenen Abschnitt der Ausstellung nur
dargestellt, nie kritisch gebrochen; da, wo man es versucht, scheitert die Idee.
So ist zwar unter der Leinwand, auf der die Bauten der Nazis in ihrer
Monumentalität dank Computersimulationen dargestellt werden, eine Landkarte mit
Konzentrationslagern aus "Bauklötzen" aufgebaut, doch gelungen wirkt das nicht.
Eher wie der aufgeregte Versuch, zu bremsen, ehe die Faszination überhand nimmt.
Mag die Musik (Arvo Pärt) wohl auch das ihre dazu beitragen, die sich wie ein
Ohrwurm durch die Ausstellung zieht. Affirmativ oder in ihrer Schlichtheit ein
Kontrast zum Monumentalismus? Erst nachdem man die Organisation und
Verflechtungen durchlaufen hat und weitere Bilder der Bauten angeschaut hat,
kommt man auf der Rückseite der Medaille (hier der Filmleinwand) an. Erst dort
beginnt die Geschichte der Gewalt mit den Konzentrationslagern, in denen
Häftlinge für die Bauten des RPTG Steine klopfen mussten.
Auch ein zweiter Kristallisationspunkt, der Film "Reichsparteitag - Zeitzeugen
erinnern sich", der ergänzend zur Ausstellung angeboten wird, hinterlässt ein
ungutes Gefühl. Hier begegnen sich beide Seiten der Medaille (oder eben nicht),
sequentiell hintereinander geschnitten. Während Zeitzeuginnen recht unbeschwert
über die Verehrung ihres Idols als Jungmädchenschwarm erzählen können, sich ein
Ostfrontkämpfer über den Verbleib seiner Kameraden grämt und auf den Missbrauch
eines ganzen Volkes hinweist, bleibt es zwei jüdischen NürnbergerInnen
überlassen, die andere Seite der Medaille darzustellen. Die ZwangsarbeiterInnen
kommen nicht vor, denn sie waren ja keine ZeitzeugInnen der Reichsparteitage.
Natürlich geht es hier nicht um Zensur dieser Dokumente. Sie stehen für das, was
sie sind: Ein Spiegel dieser Gesellschaft. Doch wird hier ein weiter Mangel der
Ausstellung deutlich: Sie beginnt in Nürnberg und sie endet hier, nämlich mit
den Nürnberger Prozessen. Im Eingangsfilm "Faszination und Gewalt" ist der
Schlusspunkt noch dramatischer gewählt: Die berühmte Filmsequenz der Sprengung
des Hakenkreuzes über der Zeppelintribüne. Die Erscheinungen gesprengt, die
Experten und Macher verurteilt - Ende gut alles gut?
Nur wenige Tage vor Eröffnung der Ausstellung hatte eine Prozessbeobachterin der
Ärzteprozesse von der überzeugten Einstellung der Angeklagten, das Richtige
getan zu haben, gesprochen. Manche BesucherIn mag an die Diskussionen um
Entschädigung denken oder die vielen wegen des Kalten Krieges nicht eröffneten
Prozesse ...
Der Anhang, der letzte Raum, bevor man am Ende des Speers die überwältigende
Dimension der Kongresshalle am eigenen Leib erfahren darf, dokumentiert den
Umgang der Stadt Nürnberg mit dem Gelände. Vergangenheitsbewältigung an Hand der
Baugeschichte, das ist nicht sehr befriedigend.
Bleibt zu befürchten, dass nunmehr alle verstehen, was mit ihren Eltern und
Großeltern passiert ist.
Else König
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