"Illegalität" ist kein Schicksal - Papierlose organisieren sich
Europa/Schweiz/Deutschland - Millionen Menschen ohne gültige Papiere,
und damit rechtlos in verschiedenster Hinsicht, leben heute in
Europa. Die Papierlosen-Bewegung, in der seit Jahren Illegalisierte
mit Erfolg für ihre Rechte kämpfen, scheint im deutschsprachigen
Raum erneut Fuß zu fassen.
In den späten 1970er Jahren ließ auf dem europäischen Arbeitsmarkt die Nachfrage
nach Arbeitskräften aus dem Ausland nach; die damals schon restriktive
Gesetzgebung im Ausländerrecht wurde in der Folge repressiver umgesetzt und
später durch zusätzliche Gesetzesartikel verschärft. Diese Praxis, die in eine
rigorose Abschottungspolitik mündete, fördert seither das Anwachsen einer Gruppe
von rechtlosen, illegalisierten AufenthalterInnen in Europa, den Papierlosen.
Dabei fällt auf, dass beispielsweise PortugiesInnen rechtlos in nord- und
mitteleuropäischen Ländern leben und arbeiten und in Portugal wiederum Menschen
aus der Ukraine. Jedem Land seine Papierlosen - illegalisiert und rechtlos sind
sie als Arbeitskräfte immer billiger als "einheimische", legale
ArbeitnehmerInnen.
Der Beginn einer politischen Bewegung in Frankreich
1993 entstand in Frankreich eine "Sans-Papiers-Bewegung", die für Aufenthalts-
und Arbeitsrechte einsteht. Den Hintergrund bildeten damals repressivere
Ausländergesetze und Verordnungen, die unter dem Motto "Null-Migration" standen
und unzählige Menschen illegalisierten.
Nord-Süd Gefälle
Legalisierungsmaßnahmen (Regularisierungen) von Papierlosen werden in Europa
seit den 1980er Jahren vorgenommen, jedoch auf unterschiedliche Art.
Südeuropäische Länder (Italien, Spanien, Griechenland, Portugal) verfolgten
anfänglich eine liberalere Regularisierungspolitik als nord- und
mitteleuropäische Staaten (Deutschland, Frankreich, Belgien, Schweiz u.a.). Erst
unter dem wachsenden Druck des Nordens, dessen Abschottungspolitik, und der
Anpassung an das Schengener Abkommen 1997 entwickelte sich auch in Südeuropa
eine restriktivere Einwanderungspolitik. Allgemein waren Legalisierungsmaßnahmen
jedoch stets an Bedingungen geknüpft und die Praxis nirgendwo nur liberal.
Papierlose und Neoliberalismus
Die Rechtlosigkeit von Menschen ist für die Aufrechterhaltung des neoliberalen,
globalisierten Wirtschaftssystems ein willkommenes, ja notwendiges Mittel.
Konkurrenzkampf, unbeschränkter Wettbewerb und die Konzentration auf ständige
Profitmaximierung verlangen billige, möglichst wehr- und also auch rechtlose
Arbeitskräfte anstelle gleichberechtigter Menschen, die den Gewinn der Wenigen
ohnehin nur vermindern würden. Daneben ermöglichen illegalisierte, billige
Arbeitskräfte auch unrentableren Wirtschaftszweigen eine Existenz in der von
Rezession und Überlebenskampf gezeichneten Wirtschaft.
Die verfahrene Hektik der globalisierten Welt lässt kaum Zeit und Raum für
reflektierte, konstruktive politische und wirtschaftliche Schritte.
Sozialpolitische, ja selbst bürgerlich-liberale Ansätze, werden vom
schrankenlosen neoliberalen Wahnsinn überrannt und im Keim erstickt.
Die Zahl der illegalisierten Personen nimmt ständig zu; Folge einer
restriktiveren Gesetzgebung im Ausländerrecht, die der neoliberalen
Wirtschaftswelt einmal mehr die Hand, die billigen Arbeitskräfte, die
Papierlosen reicht.
Papierlose organisieren sich - auch in der Schweiz
In der Schweiz leben schätzungsweise 300.000 Menschen in einem völlig rechtlosen
Status. Viele von ihnen arbeiten für Hungerlöhne, teilweise für unter sFr.30.-
pro Tag. Einige von ihnen zahlen Steuern und Krankenkassenprämien.
Im April dieses Jahres begannen sich in Lausanne Papierlose zusammen mit
SchweizerInnen gegen ihre skandalösen Lebensbedingungen zur Wehr zu setzen. Um
ihrer Forderung nach einer kollektiven Regularisierung Nachdruck zu verleihen,
besetzten sie eine Kirche. Mittlerweile wurden in Fribourg, La Chaux-de-Fonds,
Basel, Bern und Zürich weitere Kirchen und andere öffentliche Gebäude besetzt.
Zudem gibt es Papierlosenkollektive in Genf, Zürich und Lausanne.
Die Bewegung wächst, die Regierung wehrt ab
Die Bewegung wächst und hat inzwischen auch die Sympathie eines großen Teils der
Bevölkerung gewinnen können. Die Landesregierung und das Parlament reagierten
jedoch mit scheinheiligen Argumenten und Abwehr. Es gebe zwei Hauptgründe, warum
die Problematik der Papierlosen nicht einmal diskussionswürdig sei: Erstens
handle es sich um kein dringliches politisches Geschäft und zweitens betreffe
das Problem nur die französischsprachige Schweiz, die Romandie. Mit
Kirchenbesetzungen in zwei Deutschschweizer Städten und mehreren politischen
Aktionen wurden diese Behauptungen von der Papierlosen-Bewegung jedoch
überzeugend widerlegt. Im Parlament (Nationalrat) soll es im Dezember nun doch
zur Debatte kommen.
Unterstützung wurde den AktivistInnen auch von prominenter Seite zuteil: Der
Schriftsteller Adolf Muschg hat am 2. November als Vertrauensmann die Namen der
Papierlosen in Bern entgegengenommen und der Bewegung seine Solidarität
zugesichert. Am 24. November diesen Jahres demonstrierten in Bern 10.000
Papierlose und SympathisantInnen aus der ganzen Schweiz für die kollektive
Regularisierung, den Stop der Ausschaffungen (Abschiebungen) und bessere
Arbeitsbedingungen für alle. Hunderte von SchülerInnen streikten Anfang Dezember
ebenfalls in Bern: Anstatt zu lernen zogen sie lautstark durch Schulen und
Universität - aus Solidarität mit den Papierlosen.
Mit Ausschaffungen Fakten schaffen
Die Landesregierung hält hingegen seit Wochen an ihrer harten Linie fest: Die
zuständige Ministerin (Bundesrätin) Ruth Metzler will Härtefälle prüfen lassen,
die überwiegende Mehrheit der Papierlosen jedoch abschieben. Mit den
Ausschaffungen soll im Januar 2002 begonnen werden. Für illegalisierte Menschen
kein Angebot, das besonders viel Vertrauen erweckt.
Die Kantone lassen sich durch die laufende Debatte nicht hindern, ein besonders
hinterhältiges Spiel zu treiben - entgegen verschiedenen Zusicherungen und
Beteuerungen, die von kantonalen PolitikerInnen anfangs gemacht wurden. In
Freiburg und Bern wurden bereits Papierlose aus den Kollektiven verhaftet und
bereits erste Ausschaffungen vollzogen. Auch in Basel sind mehrere Papierlose
inhaftiert und von Abschiebung bedroht.
Papierlose in Deutschland
Der Europarat bezifferte 1996 die Zahl derer, die ohne gültige Papiere in
Deutschland leben, auf eine Million. Papierlose leben hier unter ähnlich
katastrophalen Bedingungen wie in anderen westeuropäischen Ländern. Für Kinder
ohne geregelten Aufenthalt ist in zahlreichen Bundesländern und Gemeinden nicht
einmal Schulbesuch möglich, den die UNO-Kinderrechtskonvention allen Kindern bis
zum 16. Lebensjahr garantieren sollte.
Was den Skandal der Papierlosen betrifft, so kannten deutsche Bundesregierungen
bis heute nur eine Mission, die sie beispielsweise gegenüber Spanien und Italien
mit starkem Druck propagierten: verschärfte Kontrollen an den Außengrenzen
Europas, rigorose Abschiebe-Praxis und polizeiliche Sondereinheiten.
Unterstützungsbewegungen
Verhalten war bis jetzt auch die Unterstützung der Papierlosen-Bewegung in der
Bundesrepublik. Ausnahmen bilden das Kölner Netzwerk "Kein Mensch ist Illegal"
(seit 1997), das Wanderkirchenasyl in NRW (seit 1998) sowie die kirchliche
Kampagne "Erlassjahr 2000". Problematisch erscheint im Rückblick, dass sich das
Wanderkirchenasyl und das Kölner Netzwerk auf "Einzelfallprüfungen" eingelassen
haben und weitergehende Forderungen aufgaben. Die Bewegung wurde dadurch
geschwächt und die Regularisierungen fielen enttäuschend aus.
Papiere jetzt
Dennoch scheint der Zeitpunkt günstig zu sein, in einem neuen Anlauf die
Öffentlichkeit in Deutschland mit der Bewegung der Papierlosen zu konfrontieren
und für deren Anliegen und Rechte zu sensibilisieren. Dafür sprechen die
Ereignisse in der Schweiz wie auch in Deutschland: Im Juni 2001 organisierten
Flüchtlingsgruppen und Initiativen zur Regularisierung von Papierlosen in Bochum
die Konferenz "Papiere jetzt!". In einer breit abgestützten Abschlusserklärung
wurde eine umfangreiche und kollektive Legalisierung von Papierlosen in
Deutschland gefordert. Zu hoffen bleibt, dass die Papierlosen-Bewegung in
Deutschland aus der Vergangenheit lernt, genügend kämpferische und kreative
Energie entwickelt, skeptisch gegenüber staatlichen Institutionen bleibt und
sich erst dann zufrieden gibt, wenn eine umfassende Regularisierung für alle
durchgesetzt ist.
Béatrice Vogel, Jan Sulzer
und Marc Munter
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Papierlose
in Europa und Übersee
Regularisierungsmaßnahmen
(Legalisierungen) in Zahlen
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Papierlose |
Regularisierungen |
| Deutschland |
600.000 bis 1 Mio |
keine |
| Frankreich |
300.000 |
1970 bis 1998: über 220.000 |
| Griechenland |
300.000 bis 500.000 |
1997/98: wenige, 1999: 353.000 |
| Italien |
1/2 bis 2 Mio |
1987 bis 1999: 707.000 |
| Portugal |
|
1992/93: 40.000, 1996:22.000 |
| Schweiz |
150.000 bis 300.000 |
keine |
| Spanien |
260.000 bis 450.000 |
1985 bis 2001: 244.000 |
| USA |
5 bis 6 Mio |
1986 bis 1998: 3.090.000 |
| Aus: "Illegal in der Schweiz",
ein Bericht des Schweizerischen Forums für Migrationsstudien
z.H. des Nationalrates, Sept. 2001. |
Weitere Informationen sind zu finden unter:
www.bo-alternativ.de/papiere-jetzt
www.sans-papiers.ch
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