Grup Yorum
"Wir verstehen uns nicht als MusikerInnen, sondern als RevolutionärInnen."
Das folgende Interview mit der linken türkischen Musikgruppe Grup
Yorum wurde bei einer Veranstaltung zu dem seit einem Jahr andauernden
Hungerstreik der politischen Gefangenen gegen die F-Typ-Isolationsgefängnisse
in der Türkei am 21. Oktober 2001 in Nürnberg geführt.
raumzeit: Wann und wie ist Grup Yorum entstanden?
Grup Yorum: Eigentlich aus Zufall. 1984, nach dem Militärputsch vom 12.
September in dem damals herrschenden Klima der politischen Totenstille in der
Türkei, fand sich eine Gruppe von StudentInnen zusammen, um die Musik für ein
Theaterstück zu machen. Anfangs waren die Mitglieder der Gruppe kaum
politisiert. Das kam später mit den Erfahrungen der Repression, da schon die
geringsten oppositionellen Regungen vom türkischen Staat verfolgt werden.
raumzeit: Heute versteht Ihr euch aber als politische Musikgruppe?
Grup Yorum: Ja, unser Anspruch ist kein künstlerischer, sondern hauptsächlich
ein politischer. Wir versuchen, unsere politischen Botschaften durch die Kunst
zu transportieren.
raumzeit: Welche Auftrittsmöglichkeiten habt ihr in der Türkei überhaupt noch?
Grup Yorum: Das kann man nicht generell sagen. Mal bekommen wir die
erforderliche Genehmigung für ein Konzert ohne Schwierigkeiten, mal werden
unsere Konzerte verboten. Oft hängt ein Verbot auch mit dem aktuellen Klima
zusammen. Wenn gerade gesellschaftliche Auseinandersetzungen stattfinden, dann
werden unsere Konzerte verboten.
Das hat aber auch positive Seiten. Die Verbote führten dazu, dass wir uns nicht
selbst im Konzertsaal einsperrten, sondern nach draußen gingen, in die
Stadtteile, in Cafés, Privatwohnungen, bei Streiks oder Studierendenfesten
gespielt haben.
raumzeit: In welchen politischen Bereichen - außer dem Gefängniskampf - finden
denn zur Zeit in der Türkei Kämpfe statt?
Grup Yorum: Die Studierenden protestieren gegen Studiengebühren, in der Türkei
herrscht eine ökonomische Krise und die IWF-Politik führt zu einer noch größeren
Verelendung. Aber zurzeit ist der wichtigste Kampf der Gefängniskampf. Denn bei
dem Todesfasten geht es nicht nur um die Lebensbedingungen der politischen
Gefangenen, sondern um die Abwehr eines umfassenden Plans des Staates, die
gesamte Gesellschaft gefangen zu nehmen. Der Staat will das Volk durch die
Ausschaltung der RevolutionärInnen in den Gefängnissen einschüchtern und ihm den
Eindruck vermitteln, dass jede Opposition und jedes Aufbegehren sinnlos sei.
Stellvertretend ist der Kampf der Gefangenen ein Kampf um das Lebendigerhalten
des Widerstands.
raumzeit: Von welchen Gruppen und Kreisen wird der Kampf der politischen
Gefangenen unterstützt?
Grup Yorum: Vor allem von den Angehörigen, dann vom armen Volk, auch von
Anwalts- und Ärztekammern.
raumzeit: Welche Unterstützungsaktionen gibt es von größeren Organisationen wie
z.B. Gewerkschaften?
Grup Yorum: Aktionen gibt es eigentlich nicht, weil die Repression so massiv ist
und alle, die sich öffentlich dazu äußern, als "Unterstützer einer
terroristischen Organisation" oder gar angebliche Mitglieder kriminalisiert
werden. In den Gewerkschaften gibt es z.B. eine solidarische Haltung, aber wenn
sie auch nur eine Presseerklärung zu diesem Thema machen, werden sie von der
Polizei brutal angegriffen und kriminalisiert. Hinzu kommt, dass das Todesfasten
nun schon ein Jahr andauert und ein Abflauen der Unterstützung feststellbar ist.
Die Unterstützung ist stark in revolutionären Stadtteilen. In Kücükarmutlu
befinden sich Angehörige und ehemalige politische Gefangene im
Unterstützungshungerstreik und das Volk aus anderen Gebieten kommt hierher, um
die Leute zu schützen und moralisch zu unterstützen, die ihre Aktion unter
ständiger Umzingelung der Staatskräfte fortsetzen.
raumzeit: Zurück zu eurer Musik. Welchen Einfluss hat eure Gruppe in der Türkei
und wer hört eure Musik?
Grup Yorum: Unsere Gruppe ist sehr bekannt geworden und wir werden von vielen
gehört. Es gab immer wieder Veränderungen. In den über 15 Jahren unseres
Bestehens hatten wir über 40 Gruppenmitglieder, von den Gründungsmitgliedern ist
heute keines mehr dabei. Einige sind im Gefängnis, andere arbeiten heute in
anderen Bereichen. Wir haben das Verständnis, dass "Grup Yorum" diejenigen sind,
die sich als Grup Yorum verstehen, das kann wechseln. Wir sind dieses Mal zu
unserer Europatournee nur zu zweit aus der Türkei gekommen, die zehn anderen
leben hier und haben sich uns für diese Auftritte angeschlossen.
raumzeit: Warum seid ihr dieses Mal nur zu zweit aus der Türkei gekommen?
Grup Yorum: Einmal gibt es oft Schwierigkeiten mit den Visa, dann wollen wir
nicht, dass so viele Leute über Wochen und Monate aus ihrer Arbeit vor Ort
heraus gerissen werden. Wir verstehen uns nicht in erster Linie als
MusikerInnen, sondern als RevolutionärInnen.
Es sind aber nicht nur diese praktischen Gründe, sondern auch der Ansatz, dass
alle "Grup Yorum" sein können, dass Menschen aus der Türkei, die in Europa
leben, in diese politische Arbeit mit eingebunden werden.
raumzeit: Ihr habt ein großes Repertoire an Liedern und ca. ein Dutzend
Kassetten herausgebracht. Wie entstehen die Musikstücke?
Grup Yorum: Wir arbeiten kollektiv und das nicht nur innerhalb unserer Gruppe,
sondern auch mit unserer Umgebung zusammen. Was wir gemeinsam diskutieren und
festlegen, sind einmal das Thema, jetzt zum Beispiel das Todesfasten, dem wir
unsere neuen Stücke gewidmet haben (Titel "Feda" - ("Opfer") - "Unsere Hoffnung
wächst mit der Opferbereitschaft") und dann die genaue Ausrichtung dieses
Themas. So wollen wir beim Todesfasten die Kampfbereitschaft in den Vordergrund
stellen und Mut machen, statt Niedergeschlagenheit oder Trauer zu vermitteln.
Es gibt keine festen Texter oder Komponisten bei uns. Außerdem bekommen wir auch
von denen, die uns hören und für die wir singen, Texte, Gedichte, Vorschläge
zugeschickt, die wir aufnehmen und verarbeiten. Der Text eines unserer neuen
Lieder zum Todesfasten stammt von einem Gefangenen, der vor kurzem im
Todesfasten starb.
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