Zieht euch warm an, Leute, es ist ...
Pop-Herbst
Pop ist nicht nur Kunst, Literatur oder Musik, Kommerz oder unser fast aller
liebste Freizeitbeschäftigung - Pop ist auch Diskurs und Theorie und somit ein
prima Tagungsthema. In Weimar wurde dieser Tage über Pop und Rechtsextremismus
debattiert, in Tutzing lud die renommierte Evangelische Akademie ein, um Pop als
Esperanto der Gegenwartskultur zu diskutieren, während Pop als feministische
Praxis die Veranstalterinnen von Espressiva in Hamburg beschäftigte. Während die
Meinungen in Weimar wenig differierten und nur ein älterer Pädagoge die Ansicht
vertrat, dass am Nationalismus auch Gutes sei, das Jugendlichen vermittelt
werden müsse, während in Tutzing immerhin drei Expertinnen (neben etwa acht
Experten) zum Vortrag geladen waren, Feminismus als Thema aber - bis auf einen
Beitrag - ausgespart blieb, tagten in Hamburg Fachfrauen unter sich: Ausgiebig
wurde diskutiert, was die Einmischung in popistische Diskurse bislang erreicht
hat, wo es noch hakt und mangelt, Veranstalterinnen stellten sich vor und
Networking wurde betrieben. Und, ihr wollt es vielleicht nicht glauben, und es
stand vielleicht auch nicht in der Zeitung, zwei Teilnehmerinnen kritisierten
gar, dass Männer ausgeschlossen waren. Und die wurden auch nicht ausgebuht. So
heterogen geht´s zu in Hamburg - andere müssen sich das erstmal auf die
Tagesordnung setzen.
In Tutzing sprachen Lektoren und Professoren durchaus verständig über
Popliteratur - dass die aber nur aus Stuckrad-Barre und Kracht besteht und
Frauen allenfalls als "Leerstelle", als DAS ANDERE vorkommen, wurde nicht weiter
diskutiert - der Rostocker Germanist Moritz Baßler, ein höchst lebendig und
witzig dozierender Professor - gestand mir im Privatgespräch ein, dass die neue
deutsche Popliteratur wohl eben eine "Junggesellenangelegenheit" sei. Andernorts
während dieses Wochenendes wurde wieder die Story vom "typischen Fan"
(ahnungslos, aber begeistert) ausgegraben: 14jährige Mädchen ... (von deren
Taschengeld die Herren Popstar und Popliterat aber gerne leben). Niemand hat´s
gemerkt, nur ein paar Lehrerinnen in den hinteren Reihen protestierten
verhalten. Die Kollegin von der Frankfurter Rundschau erwähnte mal die
"Gender-Diskussion der 80er Jahre" und die Kollegin von Zündfunk war zwar für
Gleichberechtigung, hatte die Feminismus-Diskussion "für sich selbst schon
hinter sich" - Feministinnen, das seien an der Uni immer die gewesen, die
Make-up und Miniröcke verurteilt hätten. Tja, eigentlich ist Feminismus ja etwas
anderes, und da wo er den Pop trifft, hat das auch was mit Politik zu tun. Aber
das hat wohl auch die taz Hamburg alles nicht so verstanden und einen recht
abfälligen Bericht über das Espressiva-Symposium geschrieben. Meine Kollegin
Christina Nemec aus Wien hat dies in ihrem Bericht aus Hamburg gleich
mitkommentiert:
Hier wird nicht geplauscht!
Was gleich zu Beginn provokant daherkommt, bildet die Kernaussage der folgenden
Zeilen über meinen Besuch des Espressiva Symposiums "Musikerinnen und
Öffentlichkeit" und soll sich auch an Jenni Zylka (taz-hamburg) wenden, die mich
mit ihrer Zusammenfassung des Symposiums in der taz (12.11.2001) irritiert hat.
Espressiva veranstaltete das 4. Symposium zu "Musikerinnen und Öffentlichkeit"
Anfang November d. J. in Hamburg - in den Räumen des fm:z (Frauenmusikzentrum).
Schon hier differieren die Wahrnehmungen: Das Gebäude in dem das fm:z
untergebracht ist, erinnert an die Hinterhofwerkstatt eines Gewerbebetriebs des
frühen 20. Jahrhunderts, nicht an ein schnuckeliges Gartenhaus. Toll, nebenbei
bemerkt, am fm:z ist, dass es über Proberäume verfügt, in denen Musikerinnen
üben und technische Schulungen besuchen können - wie z. B. Platten mixen, Ton
abmischen etc.
Vernetzung ist angesagt, wie aus dem Titel des Symposiums "If the grrrls are
united ... popular culture under female pressure" zu erfahren ist. Wenn da das
Wörtchen "If" nicht wäre. Wer macht nicht die üblichen Erfahrungen des
Konkurrierens um ein Stückchen vom Kuchen im Popbusiness bzw. um Anerkennung,
sei es auf der Macherinnen-, der Veranstalterinnen- oder der Kritikerinnenseite?
Als Musikerin merkte ich schnell, dass frau es oftmals leichter hat, wenn sie
ihren Feminismus hinter Macho-Attitüden versteckt. Zylka schreibt in der taz
davon, dass in der besten aller möglichen Welten ein derartiges Symposium nicht
notwendig wäre. "Dort würden die weiblichen DJs, die Radio-Musikredakteurinnen,
Konzertveranstalterinnen und Musikautorinnen nämlich Platten auflegen, Radio
machen, Konzerte veranstalten und Musiktexte schreiben, anstatt sich [...] bei
Tee und Keksen Schauergeschichten über Machismus in der Musik- und Medienwelt zu
erzählen." Von der besten aller möglichen Welten weit entfernt trafen sich also
Aktivistinnen aus den oben genannten Bereichen (in ihrer produktionsfreien
Zeit), um den Status quo zu definieren. Und weil einige extra anreisen mussten
(aus Wien, Berlin, Nürnberg ...) und Hamburg langsam ihr Wintergesicht zeigte,
waren sie auch froh, dass es Kaffee, Tee und meinetwegen Kekse gab. Ist ein
Symposium nur dann ernst zu nehmen, wenn es in einem der Tagungshotels
stattfindet und Wasser, Kaffee, Tee und vielleicht Brötchen angeboten werden?
Auf der Bühne des fm:z saßen international renommierte DJs. Electric Indigo, DJ
T-Ina (Femmes with fatal breaks) und Luka Skywalker stellten ihre Projekte vor
und erzählten aus ihrer jahrelangen Praxis. Electric Indigo beschrieb ihre
Motivation, eine Datenbank (www.femalepressure.net) zu realisieren, die
sämtliche DJs, Produzentinnen und Visual Artists weltweit sammelt, nach
bestimmten Stylekategorien sortiert und Kontaktadressen zur Verfügung stellt. So
schnell kann kein(e) Veranstalter(in) mehr sagen, es gäbe keine weiblichen DJs!
Luka Skywalker berichtete über das Scheitern eines DJ-Kollektivs - die von ihr
mitbegründeten Top Ten DJs lösten sich vor ca. eineinhalb Jahren auf. Das
Konzept leuchtet ein: Drei Frauen trafen sich und gründeten ein Soundsystem:
"Sie mussten etwas suchen, um sechs weitere DJ`S zu finden, aber mit Geduld und
Spucke waren sich dann die Neune einig. Der zehnte Platz wurde für Gäste aus
anderen Städten und etwaige Zusammenarbeiten vorbehalten." Was anfangs gut
klappte und die Häuser rockte, bröselte mit zunehmender Akzeptanz einiger
Protagonistinnen und mangelnder Solidarität mit den anderen ab.
Dazu fand Dagmar Brunow, Pressesprecherin von Espressiva, die passenden Worte:
"First give, then take!" Ein Motto, das vielversprechend klingt. Wer in/von
ein/em Projekt (ob DJ-Kollektiv oder alternatives Medium)
"investiert"/"profitiert" (Zeit, Energie/symbolisches Kapital), sollte doch die
Zusammenhänge im Auge behalten, die die Voraussetzung für manche Karrieren
bildeten. Aus einer anderen Ecke kommt Gitti Gülden, die seit Jahren (einige
Teilnehmerinnen hörten sie schon im Radio, als sie Kinder waren) Musikfeatures
(Autorinnenradio) für NDR (öffentlich-rechtlich) gestaltet - und von "guten"
Sendeplätzen und -frequenzen "weggelobt" wurde. Sie vermittelte einen Einblick,
wie Radio funktioniert, wenn es sich der "selector-dominierten"
Privatradiolandschaft stellen muss. Sehr spannend, wenn frau bedenkt, dass es
erstens gut tut, in einer Runde von "Gleichgesinnten" gerade auch frustrierende
Erlebnisse zu artikulieren/analysieren und zweitens das Überzuckern der
Verhältnisse einen Kick für die Zukunft geben kann. Wenn Zylka also ein
Abrutschen in eine "gemütliche Selbsterfahrungsrunde" attestiert, dann stellen
sich einige Fragen: Ab wann rutscht etwas ab? Was bedeutet
Selbsterfahrungsrunde, wenn sämtliche Stereotype wegfallen? Das Kokettieren mit
beliebig verwendeten Begriffen nervt! "Denn oft ist es nicht Machismus, der
einen Bühnentechniker einer Bassistin einfach ihr Instrument leiser drehen
lässt." Klar, MusikerInnen haben immer Probleme mit dem Livesound. Es ist meist
eine Frage des Wie? ...! Und da trifft die Feststellung, dass Frauen vergessen,
dass Sexismus nicht nur da stattfindet, wo "Kerle ihn gegen einen benutzen,
sondern auch da, wo man alles, aber auch alles, auf das Geschlecht bezieht"
offenbar ins Streit-Schwarze. Korrekt gelesen verliert diese Behauptung
Bedeutung. Die linksorientierte taz veröffentlicht eine Schulterklopfe und
vergisst, dass es so was wie geschlechtsneutrale Formulierung gibt. Und so
weiter ....
Am zweiten Tag kamen Veranstalterinnen, Kritikerinnen und Musikerinnen zu Wort.
Das "Wie es ihr gefällt"-Festival wurde von den Macherinnen vorgestellt - mit
der Aussicht, dass es sich in nächster Zukunft nicht mehr finanzieren lässt. Sie
teilten sich das Podium mit den Fiesen Diven, die sowohl die Musikerinnen- als
auch die Veranstaltertinnenseite repräsentierten. Die Fiesen Diven setzen auf
Marketing und PR - haben diesen Fokus jedoch nicht für sich gebucht. Engagierte
Pressearbeit findet sich in den Konzepten von Female Pressure, Femmes with fatal
breaks, Top Ten, Espressiva .... In der letzten Runde wurde noch einmal
thematisiert, wie in den meisten Popzeitschriften über Musikerinnen berichtet
wird (inkl. Sexismen und Rassismen als Normalzustand). Druck (female pressure)
und Netzwerke müssen nicht herbeigeredet werden, denn sie existieren z. T.
bereits. Wäre doch schön, wenn auch die "linken Popspalten" das akzeptieren
würden. Oder warum sonst soll eine 20 Stunden Wien - Hamburg - Retour fahren?
Zum kaffekränzchenmässigen Plauschen?
Christina Nemec
Radio Orange 94.0, DJ, Musikerin, Autorin
PS:
In Tutzing gab es übrigens auch Kaffee und Tee und Kuchen und überhaupt wurde
dort sehr liebevoll auf das leibliche Wohl und die Einnahme regelmäßiger
Mahlzeiten geachtet. Daran hätte die taz Hamburg dann wahrscheinlich nichts
auszusetzen gehabt ...
Tine Plesch
"Hier wird nicht geplauscht" von Christina Nemec erschien zuerst im
feministischen Wiener Magazin Sic! Wir danken herzlich.
Ansonsten: www.espressiva.de
www.ev-akademie-tutzing.de
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