A New Morning, Changing Weather?
Plötzlich ist die "Repolitisierung der Popmusik" der neueste
Hype. Doch neben Begeisterung ist auch gesundes Misstrauen angebracht
Meinen eigenen Augen wollte ich kaum trauen, als es mir vom Titel der
Oktober-Ausgabe des Gratis-Musikmagazins Intro entgegendonnerte: "I am not a
Citizen - die Repolitisierung von Musik mit The (International) Noise Conspiracy
und Fugazi". Eigentlich schön, dachte ich mir, dass Politik mal wieder Thema ist
in der Poppresse. Aber auch misstrauenserweckend, war mein zweiter Gedanke, weil
Politik in Popmusik ja nie komplett abwesend war. Der zugehörige Artikel im
besagten Heft enttäuschte entsprechend mit oberflächlichen Phrasen von The
(International) Noise Conspiracy und Altbekanntem über Fugazi. Mit Verlaub,
Fugazi waren eh nie "weg", es scherte sich nur jahrelang niemand im deutschen
Blätterwald um diese Band. Plötzlich ist das wieder anders, obwohl das neue
Album "The Argument" nicht maßgeblich anders ausgefallen ist als die beiden
Vorgängeralben "Red Medicine" und "End Hits". Es liegt wohl näher, zu vermuten,
dass hier eine gelangweilte Musikpresse das "neue Ding" vermutet, auf
musikalischer Seite gestärkt durch den um sich greifenden Emo Core-Hype und
gesellschaftlich durch die Proteste von Göteborg und Genua. Plötzlich scheint es
wieder hip, politisch zu sein. Selbst das Lifestyle-Magazin Style And The Family
Tunes aus Berlin präsentierte im September eine Ausgabe unter dem Motto "Rebel"
mit semi-schicker Riot-Mode (nur um dann im Oktober angesichts des
WTC-Anschlages wie alle anderen das Ende der Spaßgesellschaft auszurufen und das
Titelblatt in Trauerweiß zu halten). Brechen nun harte Zeiten für die an, die es
wirklich ernst meinen? Oder ist dies der Beginn einer neuen Bereitschaft, sich
mit Politik und linken Issues zu beschäftigen?
Bei vielen Platten, die in den letzten Wochen neu erschienen sind, heißt es:
Genau hinsehen - und vor allem hinhören! Eine Band wie The (International) Noise
Conspiracy, die es sehr werbewirksam schafft, politische Ansätze mit
massenkompatiblem Sixties-Soul-Rock zu verbinden, bewegt wohl eher wenig. Zu
kalkuliert ist ihr Sound und die auf Fotos und in Interviews präsentierte
Attitüde wirkt aufgesetzt. Zudem ist die Underground-Szene, in der einige
Mitglieder der Band mit ihrem alten Projekt Refused großen Rückhalt genossen,
berechtigterweise sauer, da die Band so tut, als wären sie die einzig gültige
politische Instanz, anstatt Support für ihre Szene zu leisten. "A New Morning,
Changing Weather", das zweite Album von T(I)NC, wird also nur an den Oberflächen
des Musikbusiness kratzen, da kann die Band in Interviews noch so sehr mit Marx-
und Chomsky-Zitaten um sich werfen. Ebenfalls eher halbherzig ist der Versuch
der aus dem Weilheim-Hausmusik-Dunstkreis stammenden Band Lali Puna,
Gesellschaftskritik mit netten Popsongs zu verbinden. Wenn Valerie Trebeljahr,
Sängerin und Mastermind der Band, im Interview extra betont, dass sie ihren Job
bei Pro Sieben kündigte, weil sie "ihren Vorgesetzten nicht mehr trauen konnte",
fragt mensch sich wohl eher: Kapitalismus hin oder her, wer arbeitet schon
freiwillig bei Pro Sieben? "Scary World Theory" ist in der Tat ein Album mit
schöner, melancholischer Popmusik, nett anzuhören, teilweise sehr berührend. Und
wenn Trebeljahr von der "angsteinflössenden Welttheorie" singt, ist dies ein
berechtigter Ausdruck von Angst. Mehr aber auch nicht.
Politische Gesinnung scheint an die ästhetischen Formeln der Rockmusik gekoppelt
zu sein. Elektronischen Spielarten und besonders Techno und House wird kaum
revolutionäres Potenzial zugestanden, obwohl sich die erste Generation der
Techno-AktivistInnen eine ästhetische und hierarchische Revolution auf die
Fahnen geschrieben hatte. Carsten Jost, ein junger Minimaltechno-Produzent aus
Hamburg, will nun unter veränderten Vorzeichen an diese Tradition anknüpfen.
Sein erstes Album "You Don´t Need A Weatherman To Know Which Way The Wind Blows"
ist musikalisch von purer Abstraktion geprägt: Düstere Synthie-Flächen, minimale
Beats, kaum Melodien. Die Inhalte, die Jost vermitteln will, packt er ins
Booklet seiner CD (Bilder von den Riots in Göteborg, schwarzweiß und grob
gepixelt), in seine Tracktitel ("Make Pigs Pay", "A New Morning/Changing
Weather") und ins Presseinfo, das den Otto-Normal-VerbraucherInnen leider nicht
zugänglich ist. Überschrieben ist letzteres mit "Revolutionäre Kunst",
abgedruckt sind ein Text der Gruppe "Kunst und Kampf" und ein poetischer Text
von einer Freundin Jost´s über Straßenkampf und Revolution. Der Künstler selbst
fügt hinzu, dass "eines unserer wichtigsten Ziele die Entwicklung einer neuen
(modernen) Widerstands-Kultur ist. Obwohl sich unser ästhetisches Verständnis
von verbaler Musik mit direkten politischen Inhalten zur abstrakten non verbalen
elektronischen Musik entwickelt hat, sehen wir darin keinen Widerspruch zur
politischen Artikulation. (...) Der Macht der herrschenden Bilder die Kraft der
Darstellung des Widerstandes entgegensetzen! Mediale Realitäten angreifen!
Zusammen kämpfen." Der Ruf nach einer neuen Ästhetik im kulturellen Kampf gegen
das bestehende System, vorgetragen aber in einer verbalen Sprache, die nichts
Neues bringt? Vielleicht, zumindest ist es ein netter Gedanke, dass dieser
Waschzettel auf einigen Redaktionstischen für Verwunderung gesorgt haben dürfte.
Außerdem ist es sehr mutig, dem heftigen Pressetext auch noch einen Verriss zur
Platte (aus der Groove 10/01), der sich genau auf diese inhaltliche Ebene
bezieht, beizufügen. Wenn nur Carsten Jost´s Musik dem Genre Minimaltechno etwas
mehr Innovation hinzufügen würde und in einigen Tracks nicht so seltsam
bewegungslos rüberkäme. Revolutionärer Stillstand mit gerader Bassdrum?
Genau im ästhetischen Gegensatz zu Carsten Jost´s Musik scheinen zwei
HipHop-Platten zu stehen, die zu den inhaltlich herausragendsten (und auch
musikalisch interessantesten) dieses Jahres gehören. Rap, Sprache im Fluss, da
muss ja eine klare Message dahinterstecken - sollte mensch, der Logik folgend,
meinen. Es ist eine Binsenweisheit, dass diese Botschaften im HipHop oft in
Richtung egozentrische Weltsicht, Sexismus und Nacheifern (weißer)
kapitalistischer Vorbilder abdriften. Doch das ganze Genre zu verdammen (was in
konservativen linken Kreisen häufig geschieht), kommt der Gleichsetzung aller
Gitarrenbands dieser Welt (auch derer, die Skapunk spielen ...) mit Bon Jovi
gleich. Aber ich wollte ja auf die zwei Alben zu sprechen kommen, die ich für so
wichtig und gehaltvoll erachte. Da ist zum einen die LP "Government Music", das
erste Album des schwedischen Rappers Promoe. Er ist Teil der Crew Looptroop,
sieht auf seinem Plattencover im Stil des russischen Konstruktivismus aus wie
Rasputin persönlich und scheint aus der schwedischen Graffiti-Szene zu stammen.
Daraus ließen sich zumindest die Songs mit starken Bezug zur ursprünglichen Idee
des Sprayens wie "Freedom Fighters" erklären - Kunst im öffentlichen Raum, auf
Dingen, die allen gehören sollten, nicht doofes Rumgeschmiere in irgendwelchen
Disco-Toiletten. Promoe glaubt an diese Kunst, an die Kraft von HipHop-Culture.
Seine Texte sind voll mit Aufrufen zum Kampf gegen das System, er propagiert
Stadtguerilla-Taktiken ("Urban Guerilla Tactics") und will der Beeinflussung
durch die Massenmedien etwas entgegensetzen ("Prime Time"), das Substanz hat und
die wahren Bedürfnisse der Menschen befriedigt ("Yes Ayah"). Dank der fabelhaft
produzierten Musik, die den Vergleich mit US-Underground-Platten nicht zu
scheuen braucht und eine gehörige Portion Ragga-Einfluss abbekommen hat, ist
Promoe´s Botschaft auch noch catchy as hell. Vorsicht ist nur bei den etwas
überstrapazierten Floskeln aus Reggae und Raggamuffin angebracht. Wer gegen
Babylon, das ständig präsente Bild von der bösen, unterdrückenden Welt in der
Symbolik der Rastafari, kämpft, kämpft auch gegen Pluralismus, gegen "die Stadt
der tausend Sprachen". Im Gesamtkontext kommt mir der Umgang Promoe´s mit diesem
Symbol etwas unreflektiert vor, kann aber den tollen Eindruck der Platte nicht
schmälern. Noch besser ist allerdings das Album "Party Music" der HipHopCrew The
Coup aus Oakland, Kalifornien. Rapper Boots Riley und (female) DJ Pam The
Funkstress haben bereits drei Alben veröffentlicht, bei uns sind diese alle
etwas untergegangen. "Party Music" erlangte traurige Berühmtheit, weil auf dem
ursprünglichen, im Juni 2001 entstandenen Cover zur Platte im Hintergrund die
Türme des World Trade Center explodierten - ein Miniskandal zog seine Kreise.
Mit neuem Artwork erscheint das Album nun endlich und inhaltlich haben The Coup
zum Glück nichts an der Platte verändert. Zu dicken P-Funk-Grooves rollen einem
hier die gekonntesten politisch-motivierten Reime seit Public Enemy´s Hochphase
vor zehn Jahren entgegen. Boots rappt humorvoll und intelligent gegen das
allmächtige Kapital, Polizeiwillkür, Rassismus und sexistische Unterdrückung.
Neben alldem sind The Coup eine Crew, die dem omnipräsenten Hang von HipHoppern
zur Religiösität eine geradezu atheistische Attitüde entgegensetzen. Im Refrain
von "Heaven Tonite" heißt es: "Prediger, warum willst Du meine Seele retten?
Willst Du nicht lieber mein Leben retten?". "Party Music" spielt die
Doppeldeutigkeit des Titels voll aus, ist tanzbar, reflektiert und einfach
komplett anders als wirklich fast alle HipHop-Platten, die es da draußen so
gibt. Eine der besten Platten des Jahres 2001.
Tobias Lindemann
Fugazi "The Argument" (Dischord/EFA)
The (International) Noise Conspiracy "A New Morning, Changing Weather" (Burning
Heart/PIAS)
Lali Puna "Scary World Theory" (Morr Music/Indigo)
Carsten Jost "You Don´t Need A Weatherman To Know Which Way The Wind Blows
(Dial/Ladomat/Zomba)
Promoe "Government Music" (David Vs. Goliath/Groove Attack)
The Coup "Party Music" (75 Ark/Zomba)
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